Öffentlich intim

Drei Erfahrungsberichte zu Sexualität auf der Straße

(aus Hinz&Kunzt 138/August 2004)

Wolfgang: „Wer ganz unten ist, denkt nicht an Sex“

„Als ich auf der Straße gelebt habe, in den achtziger Jahren in Berlin, sprach niemand offen über Sexualität. Jeder hat onaniert, und man wusste, der eine hat ’ne Freundin, der andere geht in den Puff. Aber geredet wurde über Sex nur mit oberflächlichen Witzen.

Außerdem: Wenn du halb verhungert, versoffen und verfroren bist, denkst du gar nicht an Sex. In Berlin am Bahnhof Zoo gab es früher das Olympia-Kino. Das zeigte für 3,50 Mark Eintritt durchgehend Pornos. Unter den Zuschauern waren etliche Obdachlose, aber kein einziger von ihnen interessierte sich für den Sex auf der Leinwand. Viele schliefen, manche schnarchten, andere packten ihr Leberwurstbrot aus oder lüfteten ihre Strümpfe. Es stank wie im Iltiskäfig, und immer, wenn ein Film zu Ende war, ging der Kartenabreißer mit einer Dose Raumspray durch die Reihen.

Als ich ganz unten war, hatte ich überhaupt keine sexuellen Bedürfnisse. Ich habe mit Kumpels gesoffen und war so dicht, dass ich nicht mehr wusste, ob ich nun in der Kneipe oder im Kino bin. Ich hatte voll geschissene Hosen und stank. Und dann stell’ dir vor, du lernst tatsächlich jemanden kennen. Ich bezweifle, dass das passieren wird, aber falls ihr dann zu ihr geht: Fragst du, ob du erst mal duschen darfst? Was ist, wenn sie deinen Hautausschlag sieht? Was machst du mit deinen verdreckten Klamotten? Ich habe mich damals schon geschämt, zum Arzt zu gehen. Da hätte ich mich doch erst recht nicht vor einer Frau ausgezogen.

Wer körperlich und psychisch völlig fertig ist, holt seinen Schwanz nur noch zum Pinkeln raus – wenn er das überhaupt schafft.“

Wolfgang (Mitte 50, Name geändert) lebt allein. Er ist schon länger H&K-Verkäufer und hat mittlerweile eine kleine Wohnung.

Johannes: „Es dauert lange, bis ich jemandem vertraue“

„Sexualität auf der Straße? Das lässt sich aus meiner Sicht in einem Satz abhandeln: Findet nicht statt.

Ich brauche sehr viel Zeit, um mit anderen Menschen Nähe und Vertrauen entstehen zu lassen. Romantik, Zärtlichkeit und Vertrauen gibt es nicht von heute auf morgen. Meine große Klappe habe ich nur deshalb, damit niemand an mich rankommt.

Ich war mein Leben lang Einzelgänger. Zuerst unfreiwillig, heute aus Überzeugung. Große Ansammlungen von Menschen sind ein Horror für mich. Außerdem war ich viele Jahre unterwegs, praktisch seit meinem 16. Lebensjahr. Wenn ich nur ein oder zwei Tage an einem Ort bin, reicht das gerade für ein oberflächliches, unverbindliches Kennenlernen. Der schnelle Aufriss und One-Night-Stands, Sex im Hinterhof oder auf dem Klo sind nun aber gar nicht mein Ding.

Bei der Wahl eines Partners soll ja der Geruchssinn eine große Rolle spielen, behaupten zumindest Wissenschaftler. Ich habe so gut wie keinen Geruchssinn. Ich kann nicht feststellen, wie ich selber rieche, und ich nehme auch nicht wahr, ob irgendwo Pheromone – hormonelle Lockstoffe – in der Luft herumfliegen, von wem sie kommen und ob ich gemeint bin. Es ist schon oft vorgekommen, dass ich heftig angebaggert wurde, aber das nicht gemerkt habe.

Ein weiteres Beziehungs-Handicap: Fast 15 Jahre war ich spielautomatensüchtig. Ein Spieler entwickelt eine Buchhalter-Emotionalität: Jede Situation wird nach Aufwand und Nutzen abgerechnet. Selbst jetzt – ich bin seit vier Jahren clean – bin ich nicht frei von dieser Denkweise.

Inzwischen werden die sexuellen Bedürfnisse aufgrund meines Alters und meiner körperlichen Verfassung seltener und weniger bestimmend. Und falls doch mal was auftaucht, befolge ich den Rat meines Therapeuten, der gesagt hat, ich soll mein Leben selbst in die Hand nehmen.“

Johannes (Mitte 40, Name geändert) verkauft seit mehreren Jahren Hinz & Kunzt. Er lebt allein.

Laura: „Mit Kerl ist es sicherer“

„Seit sieben Jahren bin ich mit meinem Freund zusammen. Die letzte feste Unterkunft haben wir im Dezember verloren. Dann sind wir zusammen ins Winternotprogramm, in die Unterkunft am Sportplatzring. Ohne Kerl hätte ich das nicht gemacht, denn es gibt dort seltsame Begegnungen, zum Beispiel wenn sich Typen in die Frauendusche schleichen. Mein Freund und ich sind im Pärchen-Zimmer einquartiert worden. Aber allein waren wir dort nicht, sondern zusammen mit ein, zwei anderen Paaren. Was heißt das nun – soll man da etwa Gruppensex machen?

Ich bin zwar obdachlos, aber ich ziehe mich immer ordentlich an und bin beim Outfit sehr pingelig. Wenn man auf sich achtet und außerdem nicht riecht, kann man durchaus wen kennen lernen und bekommt auch sexuelle Avancen – von anderen Obdachlosen, aber auch von Bürgerlichen mit Haus und Beruf. Manche finden es offenbar interessant, mit jemandem von der Straße anzubandeln. Das ist wohl eine Art voyeuristische Neugier – auch wenn uns auf Dauer niemand ertragen will.

Ich hatte neulich einen Studenten als Verehrer. Er saß mit Gitarre an der Elbe und lud mich später zu sich nach Hause ein. Wir haben Fotos angesehen und Yogitee getrunken, das war’s. Schließlich habe ich einen festen Partner.“

Laura ist seit Ende 2003 Hinz & Kunzt-Verkäuferin. Der Name ist – ihr Wunsch – ein Pseudonym.

Protokolle: Detlev Brockes

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