Anwohnerkampagne

Obdach ist machbar,
Herr Nachbar!

In St. Georg wollen Anwohner erreichen, dass Obdachlose in ein leer stehendes Gebäude ziehen. Ihre Vision: Wenn andere Stadtteile dem Beispiel folgen, müsste kein Mensch in Hamburg draußen schlafen.

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Michael Joho (in der Mitte) und seine Mitstreiter aus dem Einwohnerverein St. Georg haben die Kampagne mitinitiert.

Etwa 12 Obdachlose sollen in ein leer stehendes Gebäude in St. Georg ziehen. Dafür setzen sich Bewohner aus der Nachbarschaft ein. Am 16. Oktober wollen sie erstmals mit ihren Plänen in die Öffentlichkeit treten. Ins Auge gefasst haben sie ein dreistöckiges Gebäude in St. Georg.

Das Haus in der Koppel 95 steht seit über 15 Jahren leer. „Anfang der 1990er Jahre kamen hier zuletzt Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien unter“, erinnert sich Anwohner Andreas Geick. „Allmählich wird es wieder kalt“, sagt Lavinia Kleßmann, die nur ein paar Straßen weiter wohnt. „Bis zum Winter sei es nicht mehr lange hin. Niemand soll auf der Straße leben. Wir Anwohner von St. Georg wollen helfen.“ Die Anwohner hoffen auf Unterstützung vom Senat. „Damit hier schnellstmöglich erneut Menschen eine Unterkunft finden, muss die Stadt Druck auf den Eigentümer ausüben“, so Kleßmann. Den jahrelang untätigen Eigentümer haben die Anwohner mit ihren Plänen offensichtlich aufgeschreckt. Aus dem Ausland ging inzwischen ein Bauantrag beim Bezirk ein. Anwohner Michael Schwarz ist verärgert: „Erneut wurde ein zusätzliches Staffelgeschoss beantraget. Das sieht der Bebauungsplan nicht vor und wurde schon einmal abgelehnt. Der Eigentümer versucht lediglich Zeit zu schinden.“

„Wenn der Eigentümer auf mögliche Gewinne spekulieren will, dann wird sein Plan nicht aufgehen“, so Falko Droßmann, Vorsitzender der SPD-Fraktion im zuständigen Bezirk Mitte. „Es wird keine Genehmigung für einen Gewerbeneubau geben.“ Aus seiner Wohnung in der Koppel hat er direkten Blick auf das leerstehende Gebäude. Dass weitere Anwohner nun genau diesen Leerstand anprangern begrüßt Droßmann. „Ich setze mich im Bezirk seit längerer Zeit dafür ein, dass in dem Gebäude eine öffentlich rechtliche Unterkunft entsteht.“

Anwohner wünschen sich Obdachlosenunterkunft in ihrer Nähe

Die Idee der Anwohner, wohnungslosen Menschen in ihrem Stadtteile Obdach zu bieten, entstand vor einigen Monaten. „Jeden Tag begegnen wir hier wohnungs- und obdachlosen Menschen. Manche kennen wir von dem einen oder anderen Gespräch oder weil sie ‚immer da’ sind“, so Lavinia Kleßmann. „Ich würde mich freuen, wenn diese Menschen zu Nachbarn werden würden.“ Anwohner Bernd Homann ergänzt: „Für die Betroffenen wäre es sicherlich eine große Hilfe, nicht wie sonst in Randgebiete abgeschoben zu werden, wo sie vom ‚normalen’ Leben vollständig ausgeschlossen sind.“

8500 Plätze stellt der städtische Unterkunftsbetreibers fördern und wohnen derzeit für wohnungslose Menschen bereit. Die Wartelisten sind lang. Laut der letzten, offiziellen Zählung in Hamburg von 2009 lebten 1029 Menschen auf der Straße. Jeden Winter spitzt sich deren Situation dramatisch zu. „Wir wollen sicherstellen, dass niemand draußen schlafen muss und damit zu erfrieren droht“, hatte Sozialsenator Detlef Scheele in der Hinz&Kunzt-Oktoberausgabe versprochen.

Auf 800 Plätze hatte die Sozialbehörde im vergangenen Winter das Winternotprogramm aufgestockt. So viele Übernachtungsmöglichkeiten wie nie zuvor. Insgesamt nutzten 2559 Personen das Angebot. Durch die bestehende Wohnungsnot hat sich die Situation wohnungsloser Menschen allerdings seit dem nicht entspannt. Zudem kommen jeden Monat 300 neue Flüchtlinge nach Hamburg. „Wir richten uns von vornherein darauf ein, dass wir von der Platzzahl ausgehen müssen, die wir im vergangenen Winter hatten“, so Scheele.

Die Stadt hat allerdings Schwierigkeiten, passende Flächen oder Gebäude für das Winternotprogramm zu finden. Bettina Reuter vom Hamburger Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot geht davon aus, dass es deswegen erneut zu Engpässen kommen wird. „Wir sollten uns nicht daran gewöhnen, dass Menschen in überfüllten Räumen leben oder auf den Gängen der Unterkünfte im Winter schlafen müssen“, so Reuter. Teilweise gäbe es auch Probleme mit Anwohnern, die sich gegen große Unterkünfte stellen. „Gut, dass die Bewohner von St. Georg nun ein Zeichen von Offenheit und Toleranz senden.“

Auf der Suche nach geeigneten Leerständen könnte der Senat künftig Hilfe durch die Anwohnerkampagne erhalten. Am 16. Oktober ruft der Einwohnerverein St. Georg um 12 Uhr zu einer Kundgebung auf. „Wir freuen uns, wenn viele Nachbarn vor die Koppel 95 kommen. Wir wollen gemeinsam ein Zeichen klares Zeichen senden: Obdach ist machbar, Herr Nachbar!“, so Micha Joho vom Einwohnerverein St. Georg. Unterstützung erfahren die Anwohner bereits vom Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot, dem Einwohnerverein St. Georg und der Kirchengemeinde St.Georg-Borgfelde. Ihre Vision: Wenn in allen gut 100 Stadtteilen jeweils drei oder vier leer stehende Häuser einer kleinen Zahl Wohnungsloser Obdach bieten,  müsste kein Mensch in Hamburg mehr draußen schlafen.

Bedenken, dass mit dem Zuzug der Obdachlosen neue Probleme im Viertel aufkommen, hat Silke Pelka vom Café Koppel nicht: „Unserem Stadtteil tut eine soziale Mischung gut!“ St. Georg habe sich in den letzten massiv gewandelt, meint Anwohner Homann. „Einer solche Einrichtung gerade im up-coming Sankt Georg würde zeigen, dass eben auch noch eine Kehrseite der Medaille existiert.“

Kulturveranstaltung am 16. Oktober in der St. Georgskirche

Am Abend des 16. Oktobers bieten die Initiatoren zusammen mit Anwohnern aus dem Stadtteil ein buntes Kulturprogramm um 19 Uhr in der Dreieinigkeitskirche im St. Georgs Kirchhof. Mit dabei sind vor allem bekannte St. Georger Kulturschaffende wie Rolf Becker (Schauspieler), Uwe Böhm (Songschreiber), Bernd Grawert (Musiker), Jacques Palminger (Musiker), Marina Wandruszka  (Schauspielerin) und die Jazz-, Funk- und Soulband Midnyte Flyte.

Text: Jonas Füllner
Foto: Dmitrij Leltschuk

3 Kommentare zu “Obdach ist machbar,
Herr Nachbar!

  1. Ach, ich bin so froh, dass es so viel Mitmenschlichkeit noch gibt. Hoffe, dass wo immer es nötig ist, viele so reagieren. Drücke allen Beteiligten die Daumen, dass es klappt!!!!!!!!!!!!!!!

  2. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels kann man sich gut ein Haus oder Wohnung teilen. Vielleicht läßt sich auch eine Internet – Plattform einrichten, wo man sich zunächst kennenlernt.
    schöne Grüße aus dem Emsland

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