Noch einmal Schwester Erika

Gestern Rentner, heute wieder im Arbeitsleben: Die Fotoserie „Mit Leib und Seele“ von Michael Hagedorn zeigt Senioren, die für einen Tag in ihren früheren Beruf zurückkehren.

(aus Hinz&Kunzt 232/Juni 2012)

Vom Rollstuhl auf den Roller: Während der Fotoaufnahmen vergisst Erika Ehrlich ihr Hüftleiden und zeigt stolz ihre Markenzeichen als Gemeindeschwester: Häubchen auf dem Kopf und knallblaues Moped unterm Hintern.

Moment mal, hat die ’ne Meise? Tuckert mit ihrer Schwalbe über den Asphalt wie ein junger Hüpfer und grinst dabei verschmitzt. Geht das? Trotz ihrer kaputten Hüfte? Aber ja! Zumindest für einen Tag. Zumindest für dieses Foto. Erika Ehrlich ist bei der Aufnahme 68. Normalerweise sitzt die Rentnerin wegen ihres Hüftleidens im Rollstuhl. Auf dem Motorroller Typ Schwalbe macht sie – fürs Foto – trotzdem noch eine gute Figur.

Früher pflegte sie als Gemeindeschwesterim thüringischen Großvargula jahrelang Patienten aller Altersstufen in deren Wohnungen – das Häubchen auf dem Kopf und vor allem ihr knallblaues Moped unterm Hintern wurden dabei schnell ihre Markenzeichen. „Für einen Tag wieder Schwester Erika sein zu dürfen war ihr großer Traum“, erzählt Michael Hagedorn. „Bei den Aufnahmen vergaß sie ihre Schmerzen und hatte unglaublich viel Spaß.“ Genau wie die anderen Altenheimbewohner, die der Fotograf aus Rellingen für seine Serie „Mit Leib und Seele“ ablichtete. Sie alle schlüpften dafür nach langer Zeit im Ruhestand wieder in ihren ehemaligen Beruf, zogen sich Kittel, Uniform oder Anzug an und kehrten an ihre frühere Arbeitsstätte zurück – immer an den Originalschauplatz, wenn möglich. „Ich wollte keine Montagen machen“, er- klärt Michael Hagedorn. „Es sollte nicht nur echt aussehen, sondern auch echt sein.“

Die Idee zu dem Projekt bekam der 46-Jährige durch eine vorangegangene Arbeit, bei der er Senioren fotografierte, denen ein Herzenswunsch erfüllt wurde – ein langgehegter Traum, den sie bislang nicht verwirklichen konnten. „Schon damals kam häufig der Wunsch auf, noch einmal ins Arbeitsleben einzutauchen“, erzählt Michael Hagedorn. „Da wurde mir wieder klar, wie sehr sich viele ältere Menschen über ihren früheren Beruf identifizieren.“ Als er anschließend von einem Altenheimbetreiber den Auftrag für eine Kalenderproduktion und eine Wanderausstellung erhielt, musste er deshalb nicht lange nach einem Thema suchen. Gemeinsam mit seinem Team machte er sich in Pflegeheimen in ganz Deutschland auf die Suche nach Bewohnern, die Lust hatten, bei dem Projekt mitzumachen.

Neben der ehemaligen Gemeindeschwester Erika Ehrlich war auch Karl- Gerhard Wittje sofort Feuer und Flamme. Der 92-Jährige war bis zu seiner Pensionierung Zahnarzt, seine Praxis hatte er in dem Geburtshaus seines Sohnes in Oldenburg. Und da steht sie noch heute, mit Originaleinrichtung und -werkzeug. „Sein Sohn hat daraus eine Art Familienmuseum gemacht“, erzählt Michael Hagedorn. „Er ist heute selber Zahnarzt. Fürs Foto musste er allerdings auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen, während sein Vater den Bohrer zückte.“ Als Zahnarzthelferin wurde Herta Burkhard aus dem gleichen Altenheim wie Karl-Gerhard Wittje engagiert. „Sie hatte sofort Lust, in den Kittel zu schlüpfen“, erinnert sich Michael Hagedorn.

Warum er sich bei seinen Fotografien schon seit mehr als zehn Jahren aufs Thema Alter spezialisiert, kann er selbst nicht genau erklären. „Als Kind habe ich sehr viel Zeit mit meinem Urgroßvater verbracht“, erzählt er. „Vielleicht waren das Schlüsselerlebnisse.“ Außerdem findet er es schade, dass viele Menschen beim Thema Alter nur an Gebrechen, Leid oder zunehmende Verwirrtheit denken. „Mir ist es wichtig, auch die positiven, die unbeschwerten Seiten zu zeigen“, sagt er.

So wie beim 83-jährigen Franz Nitsch aus Brandenburg, der früher als Imker ein Dutzend Bienenvölker besaß. Jetzt noch einmal auf der Wiese sitzen und frisch geschleuderten Honig schlecken – eine kleine Auszeit in unberührter Natur. Besonders gern erinnert Michael Hagedorn sich auch an den Termin mit der 81-jährigen Anna Müller. Als Köchin beköstigte sie mehr als 40 Jahre lang Soldaten beim Marinefliegergeschwader Graf Zeppelin in Nordholz. „Mit ihrer patenten Art, ihrem freundlichen Wesen und einem flotten Mundwerk gilt sie dort heute noch als lebende Legende“,erzählt Michael Hagedorn. Für die damals noch junge Frau seien sogar extra die Waschbecken niedriger montiert worden – Anna Müller ist nur knapp 1,50 groß. „Da haben wir bei einem unserer Fotomotive mit ihr deshalb auch etwas nachgeholfen“, gesteht er. „Sie steht auf einer Getränkekiste, damit sie größer wirkt.“

Michael Hagedorn ist viel gereist für seine Bilder, gerade in seiner Anfangszeit als freier Fotograf, direkt nach dem Abitur. Doch mittlerweile konzentriert er sich lieber auf Menschen in seiner näheren umgebung. „Die spannendsten Geschichten entdecke ich meist nebenan“, erklärt er. „Konfetti im Kopf“ heißt sein aktuelles Projekt, eine lebensbejahende Kampagne, bei der er und seine drei Mitinitiatoren das Thema Demenz in mehreren Städten in Deutschland mal auf andere Weise zeigen, fern aller tragik: Mit einer großen Open-Air-Ausstellung und vielen Begleitveranstaltungen wie Lesungen, Musik-Workshops oder Filmabenden wollen sie als nächste Station in Hamburg düstere Klischees rund ums Thema Demenz widerlegen. „Viele denken bei Demenz ja sofort an Verwirrtheit und Trostlosigkeit. Aber die Diagnosebedeutet nicht das Ende eines glücklichen und selbstbestimmten Lebens“, sagt Michael Hagedorn. „Auch Menschen mit Demenz haben fröhliche Momente und verfügen über große Ressourcen, die man ihnen zunächst nicht zutraut.“

Er selbst habe beispielsweise erst nach den Aufnahmen seiner Serie „Mit Leib und Seele“ erfahren, dass einige seiner Protagonisten mit Demenz leben. „Das hat man ihnen überhaupt nicht angemerkt, im Gegenteil“, sagt Michael Hagedorn. Alle hätten begeistert mitgemacht. „und ich bin sicher, dass sie diesen Moment auch in Erinnerung behalten.“

Text: Maren Albertsen
Foto: Michael Hagedorn 

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