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Neues Leben in der Altstadt

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2007: Hinz&Kunzt-Ausgaben 167 – 178, Archiv, Hinz&Kunzt 171/Mai 2007

Wie kann der Stadtteil wieder wachsen? Was Bezirksamt und Anwohner-Initiative planen

(aus Hinz&Kunzt 171/Mai 2007)

Altona gehört zu Hamburgs begehrten Bezirken. Jedes Jahr wächst es um rund 800 Bewohner. Der einzige Stadtteil, in dem es kein Wachstum gibt, ist Altona-Altstadt. Ein Grund, warum Bezirksamtschef Hinnerk Fock (FDP) diesen Stadtteil mit dem Senatsprogramm Lebenswerte Stadt ins Rampenlicht setzen will.

„Familienfreundlicher muss Altona-Altstadt werden, und mehr Kaufkraft muss ins Viertel kommen“, sagt Hinnerk Fock. 65.000 Einwohner zählte die Altstadt vor dem Krieg, so Fock, jetzt sind es 27.500.

Dass der Stadtteil wegen der schweren Bombenschäden zu den ersten gehörte, die nach dem Krieg wieder aufgebaut wurden, war gleichzeitig sein Nachteil. „Es wurde saniert, wie man das damals eben so machte nach der Charta von Athen“, so Fock. Das Credo lautete Luft, Licht, Sonne – und hörte sich erst mal ganz gut an. Allerdings mit gravierenden Schönheitsfehlern: Das Gewerbe wurde beim Wiederaufbau weitgehend aus dem Quartier herausgehalten. Die Altstadt sollte reines Wohngebiet werden. Die Häuser wurden nicht längsseits zur Straße gebaut, sondern quer dazu. Das hat zwar den Vorteil, dass es zwischen den Häusern grün ist, aber den Nachtteil, dass die Häuser zur Straße hin eine offene Flanke bieten und dem Lärm schutzlos ausgeliefert sind. „Bei Häusern, die längs zur Straße gebaut werden, sind die Zimmer zur Straße hinaus zwar laut, aber nach hinten raus ruhig“, so Fock.

Auch der Grünzug, der sich von der St.-Johannis-Kirche im Norden bis zum Fischmarkt hinunterzieht, soll laut dem Programm Lebenswerte Stadt heimeliger gestaltet werden, außerdem sollen „Orte der Kommunikation und Begegnung geschaffen werden, mit denen sich die Bewohner identifizieren“.

Mittel- und langfristig könnten Neubauten beispielsweise an der Louise-Schroeder-Straße und an der Königstraße nahe der St.-Trinitatis-Kirche entstehen, damit mehr Familien ins Viertel kommen. Hierfür ist gerade ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben. „Mir ist ganz wichtig, dass niemand hier vertrieben wird, weil die Mieten steigen, aber dass auch Menschen mit Geld herziehen“, so Fock. Er ist fest davon überzeugt, dass beides zu vereinen ist – ohne „Ottensenisierung“. Denn ein Großteil des Wohnungsbestandes gehöre Genossenschaften und SAGA GWG.

Außerdem hofft Fock, dass es bald ein Kaufhaus oder anderes Gewerbe in der Großen Bergstraße gibt und dass der dazugehörige Investor auch attraktive Wohnungen baut.

„Wenn es in der Großen Bergstraße so weitergeht, stehen wir in zehn Jahren vielleicht noch genauso da wie jetzt“, vermutet Erich Fülling von der Anwohner-Initiative Lebendiges Altona. Er und seine Mitstreiter wüssten schon, wie es im Stadtteil vorangehen könnte: Die Stadt müsste den Koloss mit dem leerstehenden Einkaufszentrum, die Frappant und Forum heißen, kaufen. „Die Stadt hat schließlich Vorkaufsrecht“, so Fülling. Kosten: um die 20 Millionen Euro. „Das müsste doch drin sein“, so Fülling. Bei der Elbphilharmonie spiele Geld schließlich auch keine Rolle. Dann müsste der Komplex langfristig zurückgebaut werden, mehrere 100 Wohnungen könnten zusätzlich entstehen.

Die Stadt soll dann die Gebäude einer Genossenschaft zur Verfügung stellen. Die Künstler, die im Stadtteil sind, sollen bleiben können, und Kleingewerbe muss angesiedelt werden. „Man weiß hier ja nicht mal, wo man eine Batterie kaufen kann.“

Sauer ist Fülling auf die Politik: „Die reden immer davon, Kaufkraft ins Viertel zu bringen“, sagt er. „Stattdessen sehen sie jetzt zu, wie das Finanzamt auch noch abwandert.“

Und sauer ist er auch wegen der Baupläne an der Hospitalstraße/Ecke Virchowstraße. „Die Freifläche muss erhalten bleiben, sonst haben auch die Familien, die herkommen sollen, keinen Platz mehr, wo ihre Kinder spielen können“, sagt der freiberuflicher Organisationsberater.

Das Programm „Lebenswerte Stadt“ sieht er kritisch. „Zu wenig nachhaltig“, befürchtet er. Da will Fock vorbauen. „Altona-Altstadt soll nach Ablauf diesen Programms in die Aktive Stadtteilförderung aufgenommen werden“, sagt er. „Dann wäre eine Förderung für weitere sieben Jahre sichergestellt.“

Birgit Müller

In Altona-Altstadt leben derzeit 27.500 Menschen. Mit 161 Bewohnern pro Hektar ist das Gebiet stark verdichtet. Der Ausländeranteil beträgt in Teilgebieten mehr als 30 Prozent, dort leben auch viele Kinder (teilweise mehr als 25 Prozent). Ein besonderes Problem ist die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen (bis 14 Prozent).

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