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Tagesaufenthaltsstätten

Morgens raus in die Kälte – und dann?

8. Januar 2016 | Von | Kategorie: Nachrichten

Hunderte Hamburger im Winternotprogramm werden jeden Morgen zurück auf die Straße geschickt. Für die Obdachlosen gäbe es ja die Tagesaufenthaltsstätten, so die Sozialbehörde. Doch: Dort fehlt es an Platz, Zeit und warmem Essen.

CafeeMitHerz

Im Cafee mit Herz kann man sich aufwärmen. Foto: Mauricio Bustamante.

Um 8:45 Uhr geht es raus aus dem Winternotprogramm in die Kälte. Für Marcus und seine Freundin bedeutet das: Erst mal Zeit überbrücken. Flaschen sammeln, schnorren in der Innenstadt. „Was will man sonst machen?“, sagt Marcel. Das Herz As in der Norderstraße öffnet erst um 10 Uhr seine Türen. „Morgen müssen wir mal sehen, wo wir bleiben“, sagt Marcus. Mittwochs und freitags ist das Herz As vormittags zu. Die Bahnhofsmission ist zwar auch für Obdachlose offen, doch dort soll sich niemand lange aufhalten. Klar, es gibt noch das Cafée mit Herz oder die Alimaus auf St. Pauli, die Mahlzeit in Altona, die Tas an der Bundesstraße in Eimsbüttel. Für Marcus ist das keine Option. Zu weit weg. Und Schwarzfahren will er lieber nicht.

Das Herz As hat Platz für 110 Leute. Doch schon vormittags wollen manchmal mehr als doppelt so viele rein, sagt Leiter Andreas Bischke. Über den Tag verteilt suchen 200 bis 300 Menschen Schutz vor der Kälte. Doch wenn alle Stühle besetzt sind, bleibt die Tür zu – so lange, bis wieder ein Platz frei wird. Mit Wartemarken in der Hand harren die Leute dann in der Kälte aus. Manchmal gibt schon jemand vom Team vorab Bescheid: Das Mittagessen wird nicht für alle reichen. Wer hungrig ist, muss weiterziehen. „Manche fluchen, andere gehen wortlos“, sagt Andreas Bischke.

„Es fehlt dringend eine zweite Tagesaufenthaltsstätte in der City“

Morgens um neun raus in die kalte Stadt – da muss auch Marina jeden Tag durch. Ihr erster Weg führt zur Bahnhofsmission, wo sie Freunde trifft. „Dann wird weiter entschieden“, sagt Marina. „Man kann ja nicht lange hier sitzen bleiben.“ Eine Tasse Kaffee oder Tee, ein bisschen aufwärmen, dann müssen sie ihre Plätze wieder räumen. Auch wenn die Bahnhofsmission offiziell 24 Stunden am Tag geöffnet hat – eine Aufenthaltsstätte wie das Herz As ist sie eben nicht. Die freiwilligen und hauptamtlichen Helfer der Bahnhofsmission sind für alle zuständig: reisende Familien, ratsuchende Senioren, frierende Obdachlose. Und seit es draußen kalt ist, kommen immer mehr. Das Team kann sich nicht jederzeit um alle kümmern, sagt Mitarbeiter Dirk Scheibler. Ist der Raum voll, muss er streng sein und Menschen wegschicken. Er sagt: „Es fehlt dringend eine zweite Tagesaufenthaltsstätte in der City.“

„Es gibt Tage, da sind wir nirgendwo, außer beim Schnorren“, sagt Marina. „Da muss man schon richtig viel anziehen. Eigentlich alles, was man hat.“ Wenn sie und ihre Freunde sich aufwärmen wollen, versuchen sie es meistens in der TAS Bundesstraße in Eimsbüttel. Vier Kilometer durch die kalte Stadt liegen zwischen Bundesstraße und Hauptbahnhof – oder vier Stationen mit der Bahn. Kosten für Hin- und Rückfahrt: 4,40 Euro. Marina kann sich das nicht leisten, sie fährt meist ohne Ticket. Sie kennt das Risiko, einer ihrer Freunde landete schon im Gefängnis, weil er das Bußgeld fürs Schwarzfahren nicht zahlen konnte. Doch die Angst, erwischt zu werden, ist nicht so schlimm wie das ständige Frieren.

Auch die TAS leistet, seit es kalt ist, Hilfe am Limit. Vor allem zu Essens- und Beratungszeiten wird es eng, sagt Sozialarbeiterin Justyna Kurowski. Gerade erst wurde das Mittagessen verteilt, es waren fast 50 Portionen mehr als sonst und reichte trotzdem nicht. „Wir gelangen an unsere Grenzen“, sagt Justyna Kurowski. Auch die Besucher sammeln Kräfte, so gut es geht. Viele sitzen in ihren Jacken an den Tischen und schlafen. „Es ist ja nicht so, dass man im Winternotprogramm immer ruhig schläft“, Straßensozialarbeiter Johan Großhoff. Schlafmangel, Krankheiten, Alkohol, Erschöpfung – all das ist für den Körper schon schwer auszuhalten. Nun kommt noch der Winter dazu, mit Frost, Schnee und Sturm. „Es kommt immer wieder vor, dass wir den Rettungswagen rufen müssen, weil jemand zusammengebrochen ist“, sagt er.

Text: Annabel Trautwein
Foto: Mauricio Bustamante

Öffnungszeiten der Tagesaufenthaltsstätten:

Herz As, Norderstraße 50
Mo, Di und Do 10–13 Uhr und 14:30–16 Uhr
Mi 13–16 Uhr
Fr 12–15 Uhr

Tas, Bundesstraße 101
Mo–Fr 11–16 Uhr

Cafée mit Herz, Seewartenstraße 40
Mo–Fr 7–10 Uhr und 14–17 Uhr
Sa  7–10 Uhr

Alimaus, Nobistor 42
Mo–Fr 10:15–12 Uhr und 15:30–18 Uhr
Sa 13–15 Uhr

im Winter: Begegnungszeit von 19-21 Uhr

Mahlzeit, Billrothstraße 79
Mo–Do  9–14:30 Uhr

 

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Ein Kommentar
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  1. Die hier geschilderte Situation ist eine unbeschreibliche Sauerei, die Hansestadt Hamburg sollte sich schämen.
    Da wurden (werden) Millionen für die Olympia Bewerbung verpulvert, die dann ja von den Bürgern abgelehnt wurde, aber für die Probleme der Obdachlosen ist kein Geld da, Beschämend.
    Die Bürgerschaft sollte auch jeden Tag im Winter im Freien tagen, damit die Hohen Herrchen mal am eigenen Leib erfahren was das bedeutet, aber gegen diese Mischpoke kommt man leider nich mit Vernunftsargumenten gegen an.
    in diesem Sinne

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