„Ich bin manchmal eben nicht so genießbar“

Jasmin (37) verkauft an ihrem Stammplatz am Övelgönner Museumshafen.

(aus Hinz&Kunzt 221/Juli 2011)

Jasmin ist ihre Schizophrenie nicht peinlich. „Ich weiß ja, was ich hab“, sagt sie. Trotz ihrer  Krankheit träumt sie davon, ihren Freund zu heiraten und eine Familie zu gründen.
Jasmin ist ihre Schizophrenie nicht peinlich. „Ich weiß ja, was ich hab“, sagt sie. Trotz ihrer Krankheit träumt sie davon, ihren Freund zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Jasmin ist ein schillernder Mensch. Meistens ist die 37-Jährige höflich und freundlich, diskutiert über Bücher und Kultur, spricht reflektiert und ruhig über sich selbst. Doch sie hat auch eine andere Seite. Eine dunkle, aggressive, die manchmal wie von selbst an die Oberfläche kommt, wenn ihre Nerven zu sehr strapaziert werden. „Die Ärzte nennen das dann schizoaffektive Störung“, sagt Jasmin. „Ich lebe damit. Ohne jede Peinlichkeit. Ich bin eben manchmal nicht so zugänglich und genießbar.“
Als Kind, sagt Jasmin, hat sie sich oft alleingelassen gefühlt. „Die Schule habe ich mit links gemacht, aber ich wusste nie, was aus mir werden sollte.“ In ihren Träumen malt Jasmin sich ein spannendes Leben als Künstlerin, Schauspielerin, Sängerin oder Dolmetscherin aus. Mit 16 Jahren beginnt sie, mit Drogen zu experimentieren.
Kurz darauf eskaliert der Streit mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater. Mit einer Freundin zieht Jasmin ins Karoviertel, macht unterschiedliche Jobs, nimmt unterschiedliche Drogen. Mit Anfang 20 verliert sie ihre Wohnung und reist mit ihrem Freund als Straßenmusikerin nach Süden – Frankreich, Spanien, Portugal. „Das war ein richtiges Abenteuer“, sagt Jasmin. Nach einem halben Jahr lässt ihr Freund sie allerdings irgendwo in Südspanien sitzen. Jasmin irrt alleine weiter, bis sie völlig die Orientierung verliert. Sie kehrt nach Hamburg zurück und geht für ein halbes Jahr in die Psychiatrie.
Danach ist Jasmin stabiler. Sie macht ihr Abitur nach, beginnt ein Studium der Ernährungswissenschaft und zieht mit ihrem neuen Freund zusammen. Aber obwohl alle meinen, jetzt ginge es mit ihr bergauf, geht es Jasmin oft schlecht. Das Studium fällt ihr schwer. Richtig wohl fühlt sie sich nur bei der Arbeit in einer Kneipe auf St. Pauli. „Da war ich unter Menschen, bei denen ich so sein konnte, wie ich wollte“, sagt sie. Als ihr Freund sie schlägt und sie ihr Studium abbricht, verliert Jasmin völlig die Kontrolle: Sie legt Feuer in ihrer Wohnung und landet wieder in der Psychiatrie.
Seit drei Jahren verkauft Jasmin jetzt Hinz&Kunzt. Sie schläft manchmal in Wohnheimen, manchmal auf der Straße. Das Verkaufen strukturiert ihren Tagesablauf, sagt sie. „Oft traue ich mich gar nicht, was anderes zu machen, weil ich mich hier so gut aufgehoben fühle.“ Seit einiger Zeit hat Jasmin auch wieder einen neuen Freund, der ihr viel Halt gibt. Sie hofft, dass es so bleibt.

Hinz&Kunzt: Was hast du in der letzten Zeit Besonderes erlebt?
Jasmin: Den Hafengeburtstag! Die Leute waren gut drauf, sie mochten meine lockeren Sprüche. Ich glaube, ich habe fast 60 Zeitungen verkauft.

H&K: Wie möchtest du in fünf Jahren leben?
Jasmin: Da hätte ich am liebsten schon ein Kind. Ein Kind, verheiratet mit meinem Freund, eine eigene Wohnung. Am liebsten nicht erst in fünf Jahren, sondern morgen schon!

H&K: Wer oder was imponiert dir?
Jasmin: Mein Freund. Ich weiß auch nicht, wie er das macht. Manchmal denke ich sogar, dass ich bei ihm das erste Mal richtig verliebt bin.

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

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