Momentaufnahme

„Zwei Mal war ich dem Tod sehr nah“

Uwe, 48, verkauft Hinz&Kunzt in der Innenstadt.

(aus Hinz&Kunzt 244/Juni 2013)

Vor vier Jahren brachte ihm die „Aktion Uwe“ viel Aufmerksamkeit und eine Wohnung. Momentan schläft er wieder draußen – und fängt von vorne an.
Vor vier Jahren brachte ihm die „Aktion Uwe“ viel Aufmerksamkeit und eine Wohnung. Momentan schläft er wieder draußen – und fängt von vorne an.

Auf die „Aktion Uwe“ kommt Hinz&Künztler Uwe gerne zu sprechen. Vier Jahre ist die jetzt her. Eigentlich ging es Uwe damals ziemlich schlecht. Seitdem er die Diagnose HIV positiv erhalten hatte, ließ er sich hängen. Acht Jahre lebte er ohne Unterbrechung auf der Straße. Das hinterlässt Spuren. „Ich bin herumgelaufen wie die letzte Drecksau“, erzählt der 48-Jährige. „Zwei Mal war ich dem Tod sehr nah.“

Beim Betteln am Dammtorbahnhof kam er mit dem Studenten Ole ins Gespräch. Der ersten zufälligen Begegnung folgten weitere Treffen – Ole interessierte sich wirklich für den abgerissenen Junkie.

Uwe erzählte seinem neuen Freund von seinem Traum: ein Nachtcafé für Obdachlose, das rund um die Uhr geöffnet hat. Ole bot seine Hilfe an: „Er hat vorgeschlagen, dass wir Spenden sammeln könnten“, sagt Uwe. Ole schrieb in seinem Blog über Uwes Leben und bat um Spenden – erfolgreich. Für den Traum vom Café kam nicht genug zusammen. Dafür stand Uwe plötzlich im Rampenlicht, Medien interessierten sich für ihn. Er hatte Geld und bekam sogar seine erste richtige Wohnung. Eine ganz neue Situation für Uwe, denn bis dahin war für ihn einiges schiefgelaufen.

„Schon als Jugendlicher bekam ich Kontakt zur Straße“, sagt Uwe. Er wuchs in einem Heim in Marburg auf. Mit 17 Jahren nahm er Reißaus und landete in Frankfurt. Mit seiner Clique hauste er unter freiem Himmel. „Ich wollte etwas Neues erleben“, sagt Uwe. Neu, das waren auch die harten Drogen.

Er lebte in den Tag hinein. „Ich bin damals viel herumgereist.“ Sein Weg führte ihn nach Hamburg: „Hier habe ich mein Herz verloren.“ Ihn faszinierte, dass auf St. Pauli die Menschen keinen Unterschied zwischen arm und reich machten. Er blieb. Immer, wenn er dringend Geld brauchte, jobbte er im Hafen. Zwischendurch bereiste er die Meere auf einem Containerschiff. Nichts war allerdings von Dauer. „Ich habe nie eine Ausbildung oder so gemacht“, sagt Uwe. „Damals konnte man immer irgendwo jobben. Aber heutzutage?“

Mit der Aktion Uwe vor vier Jahren waren die ständigen Geldsorgen erst mal passé. Doch Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer war schon damals skeptisch, ob Uwe den Rummel verkraften würde: „Ich habe befürchtet, dass der Druck zu groß wird oder Uwe seinen Ansprüchen nicht gerecht wird.“ Er sollte Recht behalten.

Mit der Miete für seine neue Wohnung geriet Uwe schnell in Verzug. „Irgendwie habe ich nie gelernt, mit Geld umzugehen“, sagt Uwe. Warum er nicht vorstellig wurde, als die Zwangsräumung näher rückte? Uwe rutscht nervös auf seinem Stuhl hin und her: „Ich habe einfach nicht reagiert und es wohl auch verdrängt. Ämter sind mir ein Graus.“ Und Ole, der Uwe unterstützt hatte, war inzwischen nach Berlin gezogen. Zu allem Unglück rief der mediale Wirbel auch noch Uwes Gläubiger auf den Plan. Anfang 2010 musste er sogar für vier Monate ins Gefängnis.

Immerhin: Seine Drogensucht hat Uwe im Griff, seit er an einem Substitutionsprogramm teilgenommen hat. „Inzwischen nehme ich nichts mehr“, sagt er.

Hinz&Kunzt: Wo wohnst du derzeit?
Uwe: Den Winter habe ich draußen verbracht. Aber ich will weg von der Straße und würde gerne wieder eine Wohnung finden.

Text: Jonas Füllner
Foto: Mauricio Bustamante

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