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„Ich bin immer auf die Schnauze gefallen“

31. Oktober 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 225/November 2011

Olaf  (52) verkauft zwischen „Mediamarkt“ und „Obi“ in Langenhorn

(aus Hinz&Kunzt 225/November 2011)

Mehrfach in seinem Leben hat Olaf wieder von vorne angefangen. Doch durch seine Sucht und schwere Schicksalsschläge ist er immer wieder gestolpert.

Abstürze und Neuanfänge – daraus besteht Olafs Leben. Immer wieder haben Schicksalsschläge den 52-Jährigen aus der Bahn geworfen. Aufgewachsen ist Olaf in Erfurt in der DDR, mit sieben Geschwistern und zwei überzeugten SED-Mitgliedern als Eltern. Sein Vater leitet einen Spielmannszug der Partei, in dem auch Olaf mitspielt. Als Olaf 16 ist, 1975, setzt er sich für einen Freund ein, der wegen Regimekritik Ärger hat – und fliegt aus dem Spielmannszug. Voll jugendlichem Trotz beschließt Olaf, in die BRD zu fliehen. „Ich hatte gehört, dass man im Westen frei leben kann“, sagt er. An der Grenze zu Hessen wird Olaf verhaftet und wegen „Republikflucht“ zu vier Jahren Knast verurteilt. Seine Eltern brechen den Kontakt zu ihm ab.

Olaf kommt ins Jugendgefängnis, bis er mit 18 in einen Knast für politische Häftlinge verlegt wird. „Das war hart“, sagt er. Denn dort erwarten ihn Isolationshaft und Schläge. Mit 19 darf er endlich ausreisen und zieht nach West-Berlin. Dort trifft er Heino, in den er sich sofort verliebt. Wegen Heino geht Olaf nach Hamburg, sie ziehen zusammen und Olaf findet Arbeit in einer Spedition. Vier Jahre lang ist er glücklich. Doch dann bildet sich in Heinos Gehirn ein Blutgerinnsel, an dem er 1983 stirbt. Olaf ist wie gelähmt. Als Heinos Bruder die Wohnung übernehmen will, ist Olaf zu schwach, um sich zu wehren. „Und dann hab ich mit der Sauferei angefangen“, sagt er leise.

Fünfzehn Jahre lebt Olaf in Hamburg sowie in anderen Städten auf der Straße. „Ich war die ganze Zeit besoffen“, sagt er. Als er 1995 zu Hinz&Kunzt kommt, geht es ihm kurzzeitig besser. Zwei Jahre arbeitet er sogar fest im Vertrieb, bis ihm wegen des Trinkens gekündigt wird. Rastlos zieht er durch Deutschland, 2000 kommt er dann nach Stuttgart. Er fängt noch mal neu an, macht eine Therapie, arbeitet sich in einem Supermarkt zum Abteilungsleiter hoch. Und er verliebt sich wieder. Doch auch dieses Mal währt das Glück nicht lange: 2009 erleidet sein neuer Freund einen Schlaganfall und landet im Rollstuhl. Neben der Arbeit pflegt Olaf ihn, bis er den Stress nicht mehr erträgt. Und er beginnt wieder zu trinken. „Im Alkoholwahn habe ich gekündigt, meinen Freund verlassen und bin zurück nach Hamburg“, sagt er. Bei seinem Freund hat er sich seitdem nicht mehr gemeldet – er traut sich nicht. Sein Geld vom Verkauf spart Olaf derzeit für Möbel. „Ich wünsche mir eine eigene Wohnung“, sagt er. „Das ist jetzt mein Ziel.“

Hinz&Kunzt: Was hast du diese Woche Besonderes erlebt?
Olaf: Ich kann mich mit meinen Kunden unterhalten, weil ich jetzt trocken bin. Das ist eine gute Erfahrung. Viele Kunden erzählen mir zum Beispiel, dass sie es toll finden, dass der Zaun an der Kersten-Miles-Brücke wieder weg ist.

H&K: Wie möchtest du in fünf Jahren leben?
Olaf: Wie jeder andere normale Bürger auch: mit Job und eigener Wohnung.

H&K: Was macht dich traurig?
Olaf: Ach, dass ich immer wieder auf die Schnauze gefallen bin. Dass ich einfach nicht fähig war, aus meinem Leben was zu machen.

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

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