„Nur zu Hause sitzen kann ich nicht“

Dieter (69) hat einen neuen Stammplatz in der Buxtehuder Straße in Harburg.

(aus Hinz&Kunzt 219/Mai 2011)

„Das fühlte sich so an, als ob mir einer die Luft wegnimmt.“ Als Dieter eines Morgens Anfang März an seinen Verkaufsplatz kommt, traut er seinen Augen nicht: Sein Supermarkt ist nicht mehr da. Komplett ausgebrannt. Die Polizei vermutet Brandstiftung. „Es war alles abgesperrt, aber ich konnte noch sehen, wie es am Brennen war“, sagt Dieter. Er dreht um und fährt nach Hause. „Was sollte ich sonst tun?“
Vor dem Rewe-Markt in Neuwiedenthal stand der Hinz&Künztler zwölf Jahre lang. Dort fühlte sich der 69-Jährige zu Hause, kannte jeden und jeder ihn. Er konnte seine Miete rechtzeitig zahlen und hatte immer etwas Geld in der Tasche. Zweimal jährlich schenkte er seinen Stammkunden sogar Blumen. „Nur durch deren Unterstützung habe ich ja mein Leben wieder aufbauen können“, sagt er dankbar.

Sein neuer Standort gefällt ihm, aber noch lieber würde Dieter an seinen alten Verkaufsplatz zurückkehren.
Sein neuer Standort gefällt ihm, aber noch lieber würde Dieter an seinen alten Verkaufsplatz zurückkehren.

Nach dem Brand bleibt Dieter einen Monat lang zu Hause, verkauft keine Zeitungen. Die Trauer über den Verlust seines Stammplatzes ist einfach zu groß. „Ich gehe auf die 70 zu, da habe ich schon mit mir gerungen, ob ich weitermachen soll.“ Aber ohne das Verkaufen fehlt ihm was: „Nur zu Hause sitzen kann ich nicht.“ Seit April steht Dieter an seinem neuen Platz vor einem Lidl-Markt in Harburg. Hinz&Kunzt bleibt für ihn ein Stück Heimat.
Seine Eltern hat Dieter nie gekannt. Im Krieg wurde er ausgesetzt und wuchs in einem Waisenhaus auf. Von Nordrhein-Westfalen kam er nach Hamburg, heiratete 1965 und bekam eine Tochter. „Ich baute mir die Familie auf, die ich selbst nie hatte“, sagt er. Er stieg ins Eisgeschäft ein, betrieb einen Eiswagen und später eine Eisdiele. Die Arbeit war hart, aber es ging ihm gut.
Doch dann verließ ihn seine Frau. „Wir haben uns morgens noch verabschiedet, abends war sie verschwunden. Sie ist mit einem Pakistaner nach Pakistan abgehauen“, erzählt er bitter. Sie nahm alle Ersparnisse mit und ließ Dieter mit seiner achtjährigen Tochter zurück. Er musste den Laden aufgeben und nahm drei Jobs an, um sich und seine Tochter durchzubringen. „Aber auch diese Zeit habe ich überstanden.“
Später traf ihn erneut ein Schicksalsschlag: Mit 21 starb seine Tochter bei einem Verkehrsunfall. „Da habe ich mich fallen lassen. Ich sackte total ab.“ Dieter landete auf der Straße. Fast drei Jahre hielt er sich mit Betteln über Wasser, bis er von Hinz&Kunzt hörte. Seinen ersten Kunden wird er nie vergessen: Dieser drückte ihm für ein Exemplar zehn Mark in die Hand. „Da war ich so glücklich, ich wusste gar nicht, wie mir geschah!“ Vom ersten Geld kaufte er sich einen Schlafsack und zog ins Männerwohnheim nach Bergedorf. „Von da aus habe ich dann den Aufstieg betrieben, bis zum heutigen Tag.“

Hinz&Kunzt: Wo wohnst du derzeit?
Dieter: In einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit meiner Katze „Tiger“. Mit dem Fahrrad brauche ich fünf Minuten bis zu meinem neuen Verkaufsplatz.

H&K: Was hast du in der Hosentasche?
Dieter: Hartgeld und zwei Fotos meiner Tochter, sie ist Tag und Nacht bei mir.

H&K:
Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?
Dieter: Ich wäre glücklich, wenn derRewe wieder aufgebaut werden würde. Dort war es wie in einer großen Familie, das fehlt mir.

Text: Thekla Ahrens
Foto: Mauricio Bustamante

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