Jazz-Sängerin Melody Weiss

„Meine Sprache ist Musik“

Mit ihrer einzigartigen Stimme und viel Hingabe verzaubert die 17-jährige Melody Weiss Jazz-, Blues- und Soul-Fans. Beim Elbinsel-Gipsy-Festival tritt die Sinti-Musikerin am 24. März mit eigener Band auf. Dabei ist das in ihrer Familie eigentlich Männersache.

Mädchen im Männermetier: Sänger Melody Weiss

Schneewittchen hat den Blues. Und Soul. Den Jazz sowieso. Das alles hat die Märchenfigur hierhergebracht, nicht hinter die sieben Berge, sondern nach Harburg, hinter den Deich, zu Melody Weiss. Zumindest indirekt. Denn mit Schneewittchen fing alles an. „Ich habe diesen Disney-Film früher geliebt“, erzählt Melody. Nicht unbedingt wegen des Inhalts, sondern wegen der Musik. „Ich habe jedes Lied mitgesungen“, sagt sie. „Auch wenn ich damals kaum ein Wort verstanden habe.“

Melody lächelt,
streicht sich die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht. Die zierliche 17-Jährige sitzt in ihrem Zimmer, ein Prinzessinentraum aus Rosa, mit dicken Schleifen an den Gardinen, Bilder von riesigen Rosen an der Wand, auch die Bettwäsche trägt Blumenmuster. Melody wirkt zurückhaltend, schüchtern, sie spricht mit leiser Stimme – und nicht besonders gern. „Reden ist nicht meine Sprache“, sagt sie. „Meine Sprache ist Musik.“ Und tatsächlich: Sobald sie auf der Bühne steht, ist die junge Sinteza wie ausgewechselt. „Die Minuten vor einem Auftritt sterbe ich zwar fast vor Lampenfieber“, sagt Melody. Aber sobald sie die ersten zwei Töne gesungen habe, sei ihr alles egal. „Dann gibt es nur noch die Musik und mich. Dann bin ich frei. Dann bin ich glücklich.“ Vor allem bei Jazz-, Blues- oder Soul-Liedern gehe es ihr so. „Diese Musik trägt mich“, erklärt sie. „Im Jazz fühle ich mich zu Hause.“ Mittlerweile ist Melody bei einer Agentur unter Vertrag und hat eine eigene Band, mit der sie im März beim 4. Elbinsel-Gipsy-Festival auftritt. Im Sommer will Melody die Schule nach der 10. Klasse verlassen, eine CD aufnehmen, später auf große Tournee gehen, gerne auch im Ausland. „Ich will Sängerin werden. Ein anderes Leben kann ich mir nicht vorstellen.“

Ihre Eltern unterstützen Melody, wo sie nur können – nicht selbstverständlich in einer Sinti-Familie, in der traditionell die Männer die Musiker sind und die Frauen die Rolle der Hausfrau und Mutter übernehmen. Die Weiss’ sind eine alteingesessene Hamburger Sinti-Familie, seit mehr als 600 Jahren leben sie hier, hauptsächlich in Wilhelmsburg und Harburg. Allein in der Sinti-Siedlung am Georgswerder Ring leben rund 42 Familien mit Namen Weiss, erzählt Melodys Vater Kako. Musik sei der wichtigste Bestandteil ihrer Kultur, es gibt  kaum einen männlichen Verwandten von Melody, der kein Instrument spielt. Aber eine Sängerin in der Familie gab es noch nie. „Ich bin die erste“, sagt sie stolz. „Meine Eltern wussten wohl, warum sie mich Melody nannten.“

Vor allem glaubten sie
an das Talent ihrer Tochter. „Wenn sie singt, ist es, als gehe der Himmel auf“, sagt ihre Mutter Rosi. „Man spürt, dass sie unsere Kultur und Tradition im Herzen trägt.“ Vater Kako nickt. Er nahm Melody mit zum Vorsingen in der Hochschule für Musik in der Milchstraße, da war sie knapp sechs – normalerweise werden hier nur junge Erwachsene mit Hochschulreife zur Aufnahmeprüfung zugelassen. „Geben sie ihr fünf Minuten“, bat er die Lehrerin. „Wenn es ihnen nicht gefällt, sind wir sofort wieder weg.“ Die Lehrerin brauchte noch weniger Zeit, um zu entscheiden: „Sie bleibt hier.“ Seitdem vergeht für Melody keine Woche ohne privaten Gesangsunterricht, erst an der Hochschule für Musik, später an der Stage School und der Sängerakademie, alles bezahlt von den Eltern. Natürlich sei das anstrengend, gesteht Melody. Schule, Proben, Auftritte – während ihre Freunde shoppen oder Partys feiern. „Aber Singen ist mein Leben.“

Seit einem Jahr
fährt sie regelmäßig nach Buxtehude, um beim Jazz-Sänger Melvin Edmondson zu üben. „Obwohl du eigentlich schon fertig bist“, habe er zu ihr gesagt. Höchstens das Improvisieren könne sie noch verbessern – oder an ihrer Schüchternheit arbeiten. Melody lächelt. „Aber eine Rampensau werde ich nie. Ganz sicher.“ Bei ihr gebe es keine Show, es komme alles aus dem Herzen. Die Leidenschaft für Jazz genauso wie die Liebe zur Familie. Deshalb möchte sie später auch Kinder haben. Vier sollen es sein. „Drei davon Jungen“, erklärt Melody. „Einen für den Bass, einen fürs Klavier, einen für die Gitarre.“ Ihre großen braunen Augen strahlen. „Und ein Mädchen“, fügt sie hinzu. „Für den Gesang.

Text: Maren Albertsen
Foto: Dmitrij Leltschuk

4. Elbinsel-Gipsy-Festival: 23. und 24.3. im Bürgerhaus Wilhelmsburg, Mengestraße 20, Auftritt von Melody Weiss und Band am Sa, 24.3., 23.30 Uhr, Tagesticket: 17/14 Euro

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