Meine drei Wiedervereinigungen

Für den Drummer der Band „Selig“ fiel nicht nur 1989 die Mauer: Seine Eltern überwanden 1974 die deutsch-deutsche Grenze, und seine Band spielt auch wieder zusammen

(aus Hinz&Kunzt 200/Oktober 2009)

Ein Mann, drei Wiedervereinigungen: Zum Jubiläumsjahr kann Selig-Drummer Stephan „Stoppel“ Eggert einiges beisteuern: Seine Eltern wurden 13 Jahre lang durch die Mauer getrennt, fünf Jahre durften die Verwandten sie nicht im Westen besuchen. Und seine Band Selig hat in diesem Frühjahr nach zehn Jahren Funkstille wieder zusammengefunden und ein furioses Comeback hingelegt.

„Als die Mauer gefallen war, fuhr ich im Auto von meinem Übungsraum zurück nach Hause und sah die ganzen Trabis in einer langen Schlange auf der Autobahn nach Hamburg stehen“, erinnert sich Stephan Eggert. „Manche haben sich über die Staus geärgert, aber ich habe mich total gefreut. Ein Teil meiner Verwandtschaft saß auch in einem dieser Autos auf dem Weg zu meinen Eltern nach Ahrensburg.“
Dabei liegt die erste und wichtigste familiäre Wiedervereinigung schon einige Jahre zurück. Doch der Reihe nach …
1961: Stoppel Eggerts Vater (damals war er natürlich noch nicht sein Vater) studiert Tiermedizin in Hannover, die Mutter arbeitet als Friseurin in einem kleinen Ort im Osten. Nach Abschluss des Studiums wollen sie zusammenziehen und eine Familie gründen. Der 13. August 1961 macht ihre Pläne zunichte. Auf einmal sind beide gefangen auf unterschiedlichen Seiten der über Nacht gewachsenen innerdeutschen Grenze.
200-SeligSie können sich nur selten sehen, aber ihre Liebe hält das aus. Tochter Kerstin wird geboren, später Sohn Stephan. Mit jedem Jahr der Trennung wird die Sehnsucht nach dem Zusammenleben größer. Die Mutter stellt einen Ausreiseantrag. 1969 wird er genehmigt. „Wir verbrachten Weihnachten 1969 zwischen gepackten Kisten, und meine Mutter schrieb lange Listen. Jeder Löffel, den wir mitnehmen wollten, musste genau aufgeführt werden“, sagt Stoppel Eggert. Eine der vielen banalen kleinen Schikanen der ehemaligen DDR. Aber die Vorfreude auf das Zusammenleben kann nach acht Jahren der Trennung davon nicht getrübt werden.
Am zweiten Weihnachtstag des Jahres steht Vater Eggert mit einen Strauß Blumen auf dem Lübecker Bahnhof und wartet auf seine Familie. Aber niemand steigt aus dem Zug. Er weiß nicht, was passiert ist. „Telefonieren konnten meine Eltern auch nicht, wir hatten kein Telefon. Wenig später bekam mein Vater ein Telegramm, in dem stand: ,Ihre Frau legt keinen Wert mehr auf eine Ausreise.‘“ Natürlich eine gemeine Lüge: In Wirklichkeit durfte sie nicht ausreisen. Von diesem Schock kann sich die Familie nur schwer erholen.
Weiterhin besteht das Familienleben aus gelegentlichen Telefonaten, wöchentlichen Briefen und Päckchen und den staatlich erlaubten 30 Besuchstagen. So oft es geht, treffen sich die vier in Berlin. „Mein Vater kam morgens um 6 Uhr per Tagesvisum nach Ostberlin und ging abends wieder zum Schlafen in den Westen.“ Über den bekannten Anwalt Wolfgang Vogel stellt die Mutter schließlich einen zweiten Ausreiseantrag, der 1974 genehmigt wird. Dieses Mal geht alles gut. Nach 13 Jahren der Trennung beginnt in Ahrensburg ein neues, gemeinsames Leben für die Familie.
Aber Oma, Mutter, Cousinen und Tanten sind im Osten geblieben. Und entgegen der ursprünglichen Zusage der Behörden der ehemaligen DDR, wird bis 1979 keine Besuchserlaubnis erteilt. Familie Eggert ist für fünf Jahre von ihrer Verwandtschaft abgeschnitten.
Die politischen Veränderungen der Wendezeit versetzen darum alle in den Ausnahmezustand. „Im Herbst 1989 waren wir alle fassungslos. Wir saßen tagelang wie paralysiert vor dem Fernseher. Dann folgte ein monatelanger Besuchsreigen von unseren Verwandten aus dem Osten.“ Inzwischen sind die Besuche selten geworden, aber das Leben im geteilten Deutschland hat dennoch niemand in der Familie Eggert vergessen.

Weniger dramatisch, aber persönlich und musikalisch bedeutungsvoll ist die Reunion der Rockband Selig in diesem Jahr. Deren Erfolgsgeschichte begann Anfang der 90er-Jahre. Fünf junge Männer aus dem Osten Hamburgs trafen sich zu einer Session im Übungsraum. Alle hatten schon viel Erfahrung in anderen Bands gesammelt, doch diese Kombination war einmalig. „Schon die erste Probe war gleich eine spirituelle Erfahrung“, erinnert sich Stoppel Eggert. Selig nimmt ein Album auf und spielt in kleinen Clubs – wie unzählige andere Bands auch. „Aber wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Dank VIVA und MTV wurden wir schnell bekannt. Die wollten deutsche Musik, und die gab es damals so gut wie gar nicht“, erklärt der Schlagzeuger bescheiden.
Vor allem gab es keine deutsche Musik, die so jung, wild und zornig war. Es folgte ein rasanter Aufstieg mit weiteren Alben, endlosen Tourneen und einem plötzlichen Ende auf dem Höhepunkt der Karriere. „Wir waren über Jahre rund um die Uhr zusammen, es war zu viel und zu intensiv. Zwischen einigen gab es Streit, andere hatten sich gar nichts mehr zu sagen.“ Sänger Jan Plewka stieg aus und verschwand für ein Jahr nach Schweden. Damit war die Band geplatzt und der Groll untereinander zum Teil gewaltig. Alle fünf Musiker bastelten aber weiter an ihrer musikalischen Karriere. Stoppel Eggert stieg als Schlagzeuger bei James Last ein, Jan Plewka trat als Rio Reiser auf, zusammen bildeten sie die Gruppe „TempEau“.
Genauso überraschend wie Plewka die Band verlässt, nimmt er den Faden wieder auf. Zehn Jahre nach der Trennung ruft er beim Gitarristen Christian Neander an und bittet um ein Treffen aller Selig-Mitglieder. Es folgen diverse Aussprachen und „ein dreiviertel Jahr Geplänkel und E-Mails.“ Schließlich waren alle bereit zu einem Treffen im Übungsraum: Und da ist es wieder, das Selig-Feeling. „Es war toll, wir fingen auch sofort an, Lieder zu schreiben.“ Das neue Album „Und Endlich Unendlich“ erscheint im Frühjahr 2009 und auch bei den Konzerten groovt es wie früher. „Nur beim ersten Auftritt war ich geschockt“, gesteht Stoppel Eggert. „ Früher standen da junge Mädchen vor der Bühne, jetzt alte Männer.“ Aber älter seien sie ja auch geworden, räumt er ein. So unrecht scheint es ihm gar nicht zu sein, denn „offener und toleranter“ seien sie ja auch geworden im Laufe der Jahre.
Vor Kurzem hat das Goethe-Institut in Mexiko angefragt, ob die Band nicht anlässlich der Wiedervereinigung eine Südamerika-Tour spielen möchten. Ob die deutsche oder die der Gruppe gemeint war, bleibt offen. Aber Stoppel Eggert hat in jedem Fall eine Menge dazu zu sagen.

Text: Sybille Arendt
Foto: Martin Kath

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *