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Mein Freund, der Killerfrosch

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2007: Hinz&Kunzt-Ausgaben 167 – 178, Archiv, Hinz&Kunzt 173/Juli 2007

Der Hamburger Künstler John Delgado setzt dem südamerikanischen Pfeilgiftfrosch ein Denkmal

(aus Hinz&Kunzt 173/Juli 2007)

Seine Mission: Er will die Pfeilgiftfrösche im Amazonasgebiet retten. Um die Vielfalt der Arten zu zeigen, will der Künstler John Delgado alle 200 Arten als kleine Skulpturen nachbilden. So sollen die Hamburger auf die bedrohte Art aufmerksam werden.

Der tödlichste Frosch heißt Phyllobates terribilis, ist grell-gelb, manchmal mit schwarzen Flecken. Erinnert an Lurchi, den schlauen Salamander aus den Kindercomics. Nur in der Charles-Manson-Version.

„Niemand wollte mir glauben, wie bunt sie sind“, sagt John Delgado. In jeder Hand hält der 40-Jährige Peruaner und Wahl-Hamburger eine seiner Frosch-Plastiken. Wenn er gestikuliert, fliegen sie wie bunte Spielzeugflugzeuge durch die Luft. Er will nicht aufhören, bis er allen bekannten Arten ein Mini-Denkmal gesetzt hat. 200 Stück sollen es werden, größtenteils gestaltet nach Fotos. „Wenn ich in Südamerika bin, hole ich mir auch mal einen Frosch ins Atelier.“ Zur Inspiration. Eine Muse, die Delgado allerdings niemals küssen sollte.

Wenn einen der südamerikanische Pfeilgiftfrosch anspringt, kann man Glück haben. Dann brennt es nur auf der Haut. Aber wehe, sein Gift gelangt in die Blutbahn. Dann bleiben einem etwa 20 Minuten, seinen Frieden mit der Welt zu machen.

Eine Eigenschaft, die Indios sehr schätzen: Sie tränken ihre Pfeile mit dem Gift der Frösche. Wissenschaftler haben ausprobiert, wie tödlich das Froschgift ist. Nach einigen tausend Mäusen war Schluss, dann konnten die Forscher hochrechnen: Das Gift eines Frosches bringt gut acht Menschen um.

Nun sind viele Dinge, in die sich Männer verlieben, gefährlich: schöne Frauen, schnelle Autos, fettige Steaks. Da reiht sich Delgados tödliche Passion gut ein.

Es fängt vor zwölf Jahren an, mitten im Amazonas. Delgado schleicht mit einer Gruppe Indianer auf der Jagd durch den Dschungel. Plötzlich gibt einer der Indios Delgado ein Zeichen, stehen zu bleiben. „Ich dachte erst: Das muss eine Schlange sein.“ Im Gebüsch vor sich sieht er zunächst nichts. Dann schimmert ein kleiner Frosch zwischen dem Grün. Bunter als alle Tiere, die Delgado je gesehen hat. Atemberaubend schön. Ein Zwinkern später war er weg, aus dem Blickfeld gesprungen, als wäre er nie da gewesen. Eine Fata Morgana in der grünen Wüste. „Das war ein magischer Moment.“

Delgado war vorher nicht oft im Dschungel. Er wuchs in Iquitos auf, der Landeshauptstadt des peruanischen Amazonasgebiets. Ein Stadtmensch. Als Delgado acht Jahre alt war, ging er bei einem Holzschnitzer in die Lehre. Delgado schnitzte Papageien, Flussdelphine – was Touristen eben so kaufen.

In den Dschungel kam er erst, als eines Tages ein Boot in Iquitos anlegte. Ein großer Kahn, auf dem man auch wohnen kann, zwei Stockwerke hoch. Auf dem Bug der Name des berühmten Häuptlings „Inca Pachacutec“.

Das Boot gehörte dem Künstler Felipe Lettersten. Um den Menschen die Ureinwohner Amerikas zu zeigen, fuhr Lettersten den Amazonas und seine Nebenflüsse ab, kreuz und quer durch den Dschungel. Und fertigte lebensgroße Statuen der Indios, indem er Gipsabdrücke der einzelnen Körperpartien nahm und mit Bronze ausgoß. Lettersten war begeistert von Delgados Schnitzereien. Delgado wurde sein Schüler.

Fünf Jahre lang fuhr Delgado mit durch den Urwald, von Indio-Stamm zu Indio-Stamm. Und wann immer es die Zeit zuließ, machte er sich auf die Suche nach Pfeilgiftfröschen. „Überall sehen die Frösche anders aus“, sagt Delgado, „um einen Eindruck davon zu bekommen, muss man schon ein paar Jahre durch den Dschungel fahren.“

Vielleicht wäre er immer noch unterwegs. Aber dann verliebte er sich in eine Wissenschaftlerin aus Deutschland. Als ihr Projekt in Südamerika zu Ende war, ging Delgado mit. Verließ Peru, zog nach Deutschland. „Und plötzlich habe ich überall nur noch Frösche gesehen.“

Er fotografierte seine „Entdeckungen“, legt ein Album an. Wer es durchblättert und anders tickt als Delgado, sieht da Fotos von Deutschen in bunten Klamotten. Darunter stehen Froschnamen – je nachdem, an welche Froschart sich Delgado erinnert fühlte: „Familie Bombete“, oder „Baby Pumilio“ unter einem Kind im bunten Wagen. Und natürlich gibt es auch den furchtbaren Phyllobatus terribilis – in Form von Urlaubern in gelben Regenklamotten. „Bei uns in Peru sind so bunte Kleider unüblich. Ich war wie erschlagen von den Farben.“

Weil ihm in seiner neuen Heimat niemand glauben will, wie ähnlich sich Deutsche und Frösche sind, beginnt er mit den Figuren. Formt kleine Statuen aus Ton, gießt sie in verschiedenen Keramiksorten.

Der Beginn eines künstlerischen Großprojekts: Jeden bekannten Pfeilgiftfrosch will er nachbilden. Mit durchaus ernstem Hintergrund: Es wird eng für die tödlichen Hüpfer. Mit jedem gerodeten Quadratmeter Regenwald. Delgados Hoffnung: „Was die Menschen kennengelernt haben, das schützen sie auch.“

Sein größter Wunsch ist aber, einen noch unentdeckten Frosch zu finden. Irgendwo im Urwald, im Gebüsch, in einem magischen Moment. „Der wird dann nach mir benannt“, sagt der Künstler. Ein kleiner Delgado. Herrlich bunt. Und tödlich.

Marc-André Rüssau

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