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Mein Brot, mein Shirt, meine Waschmaschine

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2006: Hinz&Kunzt-Ausgaben 155 – 166, Archiv, Hinz&Kunzt 158/April 2006

Fair einkaufen: Hinz&Kunzt-Autoren im Dschungel der modernen Warenwelt

(aus Hinz&Kunzt 158/April 2006)

Meine Miele und ich

Haben wir für den guten Namen bezahlt oder für die außergewöhnliche Qualität? In 20 Jahren wissen wir mehr

Ich gebe zu: Eine Miele muss man sich erst mal kaufen können. Stolze 950 Euro hat unsere Supertronic W 2241 gekostet – und zählt damit zu den preiswerten Fabrikaten des Gütersloher „Premium-Herstellers“. Doch unser Kalkül ist einfach: Die Edel-Maschine soll – anders als ihre zahlreichen Vorgängerinnen – mindestens 20 Jahre halten. Die Rechnung könnte aufgehen: Einer Studie zufolge verweigern Miele-Maschinen durchschnittlich nach 18,5 Jahren ihren Dienst. Die untersuchte Konkurrenz musste bereits nach 12,4 Jahren passen. Und manche Billig-Maschine stellt bereits nach wenigen Jahren den Waschdienst ein.

Unabhängige Stimmen, etwa der Bund der Energieverbraucher, stellen Bemerkenswertes fest: Zwar verbrauchen Waschmaschinen immer weniger Wasser und Strom und schonen damit Ressourcen. Doch sinkt auch ihre Lebensdauer. Folge: Die Elektroschrott-Berge wachsen. Volle Absicht der Hersteller ist das, so der Vorwurf, der nicht aus der Luft gegriffen scheint: Hat doch in hochtechnisierten Ländern wie Deutschland nahezu jeder Haushalt mindestens eine Waschmaschine im Keller stehen. Logische Konsequenz: Nur wenn die alte kaputtgeht, wird eine neue gekauft.

Die soll, so der weitgehende Konsumenten-Konsens, möglichst billig sein: Neben Energie- und Wasserverbrauch bestimme der Preis einer Maschine maßgeblich die Kaufentscheidung, so eine Untersuchung im Auftrag der Electrolux Gruppe (u.a. AEG, Zanussi). Weil der Durchschnittspreis einer Waschmaschine in den vergangenen zwei Jahren um 15 Prozent gesunken sei, die Rohstoffpreise aber steigen, macht der Konzern eigenen Angaben zufolge im Nürnberger Werk mit jeder Maschine 60 Euro Verlust. Die Folge: Das Werk wird bald geschlossen, 1750 Menschen verlieren ihren Job, die Arbeitsplätze wandern ins Ausland.

Billig-Anbieter erobern auch bei der so genannten weißen Ware den Markt. Eine fabrikneue Waschmaschine ist heute schon für 200 Euro zu haben. Die SEG WA 1037 T etwa wird von der Firma VESEG vertrieben, und die wiederum ist eine Tochter der türkischen Vestel-Gruppe. Wie kann man so billig eine Waschmaschine bauen? VESEG-Produktmanager Markus Schubert: „Wir geben kaum Geld aus für Werbung, Marketing und Vertrieb. Und wir lassen die Maschinen nicht in Deutschland produzieren, sondern ausschließlich in der Türkei.“ Wieviel Geld sich damit sparen lässt, will der Manager nicht verraten. Nur soviel: „Es ist ein sehr, sehr wichtiger Faktor.“ Viele Konkurrenten ließen ihre Maschinen aus Kostengründen im Ausland bauen, etwa in Italien. Im Übrigen habe der Billig-Trend auch eine soziale Dimension: „Es muss jedem möglich sein, eine Waschmaschine zu kaufen!“

Die Marktforschung gibt dem VESEG-Manager recht: Nur jedem vierten Käufer, so die Electrolux-Studie, ist es wichtig, dass seine Waschmaschine in Deutschland hergestellt worden ist. Für eine Miele gilt das (noch) fast immer. Mehr als 11.000 der weltweit gut 15.000 Arbeitsplätze sind in den acht deutschen Werken. Doch es gibt zwei Ausnahmen: In Tschechien lässt Miele Toplader für den französischen Markt bauen, in China Staubsauger für Fernost. Und dass jede Schraube meiner Maschine aus Deutschland kommt, könne er nicht garantieren, sagt ein Miele-Sprecher. Das sei aber auch nicht wichtig: „Wichtig ist die Qualität!“

Als eines von wenigen Unternehmen hat sich Miele verpflichtet, in der UNO-Sozialnorm SA 8000 festgeschriebene Standards einzuhalten, etwa den Verzicht auf Kinderarbeit. Können wir nun also waschen mit rundum gutem Gewissen? Nicht ganz. Wie dem Miele-Nachhaltigkeitsbericht zu entnehmen ist, wird die Sozialnorm in den ausländischen Werken erst „angestrebt“. Und trotz eines Umsatzwachstums von 5,2 Prozent auf 2,26 Milliarden Euro baut das Unternehmen hierzulande Arbeitsplätze ab: 880 bis 2007. „Auch wir merken den Preisverfall“, erklärt der Sprecher dazu. „Sozialverträglich“ gehe der Job-Abbau vonstatten. Allein über 500 Betroffene würden mittels Altersteilzeit vorzeitig in den Ruhestand gehen.

Ulrich Jonas

Mein Brötchen und ich

Globalisierung am Frühstückstisch: von weitgereisten Teiglingen, Pappkameraden und der guten Semmel von nebenan

Endlich! Ich habe wieder einen Bäcker gefunden, der Brötchen so backt, wie ich sie mag: Weizen-Wasser-Brötchen ohne Schnickschnack, außen knusprig, innen ein lockerer, luftiger Teig. Zu Hause ist meine Semmel in „Dat Backhus“; sie kostet 30 Cent, fünf gibt’s für 1,25 Euro.

Lange hatte ich jeden Spaß an Brötchen verloren. Pappiges Zeug, egal, ob mit Körnern oder ohne, eigentlich schmeckte es immer gleich. Aber ehrlich gesagt habe ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht. Bis ich mal wieder in so einen Papp-Kameraden biss. Ich hatte ihn in einer Bäckerei an der Ecke gekauft, belegt mit einem Schinken, den meine Geschmacksnerven nicht als solchen erkannten. Wenn ich nicht so einen Respekt vor Lebensmitteln hätte, wäre das Gebinde sofort im Mülleimer gelandet. „Wer weiß, welchen Weg das Brötchen schon hinter sich hat und wie und wo es überhaupt gebacken wurde“, sagte ein Freund zu mir. Und dann erzählte er mir, dass Kolonnen von tiefgefrorenen Fertig-Teiglingen aus Polen, Tschechien oder Ungarn, wo die Produktions- und Personalkosten bekanntlich niedrig sind, eingeführt und hier nur noch aufgebacken werden. Ab 9 Cent gehen sie dann bei Billig-Bäckern über den Ladentisch. Das heißt: Bei denen gibt’s dann auch keinen Ladentisch mehr, sondern man bedient sich selbst und zahlt vorn an der Kasse.

Alles schön und gut, aber einen Billigbäcker hatte ich bewusst noch nie aufgesucht, und der Bäcker an der Ecke hatte für mich auch nicht so ausgesehen.

Einer, der es wissen muss, ist Jan-Henning Körner, Obermeister der Bäckerinnung und Inhaber von „Ihr Finkenwerder Bäcker“ mit fünf Filialen. Mit Blick auf die Discounter fügt er hinzu, dass die tiefgefrorenen Teiglinge bis drei Monate haltbar sind. Doch die Discounter machen ihm gar nicht so viele Sorgen. „Die Billigbäcker brauchen einen Umsatz von 1500 bis 1800 Kunden am Tag.“ Deshalb gebe es im gesamten Süderelberaum nur drei.

Schlimmer sei, dass die Qualität bei vielen normalen Bäckern schlechter geworden sei und auch sie mit Fertigprodukten arbeiten. Und das hat hauptsächlich mit der Konkurrenz zu tun. Einer Konkurrenz, die mindestens so schlimm ist wie die Discounter: „Die Backstationen mit Billigangeboten in den Lebensmittelläden machen uns das Leben schwer“, sagt Körner und wird sehr ernst. „Die gibt es überall – flächendeckend.“ So wie er das sagt, hört sich das wirklich bedrohlich an.

„Aber der Qualitätsverlust rächt sich natürlich“, sagt der 45-Jährige. Deshalb hat er zusammen mit 20 anderen Hamburger Bäckern die Initiative „Bäcker backen beste Brötchen“ gegründet. Die Mitglieder verpflichten sich, ihre Produkte selbst herzustellen, keine Fertigmischungen zu verwenden, sondern nach eigenen Rezepturen zu backen und eigene Sauerteige zu verwenden. Produkte, die nicht aus eigener Herstellung sind, werden extra gekennzeichnet.

Ich kann’s kaum erwarten, bis ich wieder an meinem Computer sitze und die Website www.Baecker-backen-beste-Broetchen.de aufrufen kann. Denn jetzt will ich’s wissen: Ist mein Backhus-Brötchen ein gutes oder ein böses. Ich gebe meine Postleitzahl ein – und welche Bäckerei erscheint? Dat Backhus! Ich bin happy!

Dummerweise rufe ich dann noch Thilo Bode an, den ehemaligen Greenpeace-Chef und heutigen Geschäftsführer von Foodwatch. „Glauben Sie nichts!“, sagt er zu meinem Entsetzen. Und dann erzählt er, dass Foodwatch 2004 McDonald’s der Lüge überführt hat. Das Unternehmen hatte damit geworben, dass die Hamburger-Brötchen „aus nichts anderem als Weizen, Hefe, Wasser und einer Spur Salz und Zucker gebacken“ würden. Gelogen, fand Foodwatch heraus: Die Brötchen enthalten auch die Emulgatoren E471, E472e und E481 sowie pflanzliche Öle und Invertzucker. McDonald’s hat jetzt versprochen, nicht mehr mit dem Pseudo-Reinheitsgebot zu werben.

Und was mach ich jetzt? „Sie gehen am besten noch mal in die Bäckerei“, schlägt Bode vor, „und lassen sich die Liste mit den Inhaltsstoffen für lose Backwaren geben.“ Lustlos mache ich mich auf den Weg; Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich gleich um eine Illusion ärmer bin. Tatsächlich! In zwei Filialen frage ich nach. Nichts! Obermeister Körner will dafür sorgen, dass bald die Liste ausliegt. „Wir sind noch am Anfang unserer Aktion“, sagt er. 

Birgit Müller

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