„Mehr Glück brauche ich nicht“

Gerd und Stephanie feierten Berberhochzeit

(aus Hinz&Kunzt 133/März 2004)

Stephanie und Gerd begegnen sich am Hauptbahnhof. Sie unterhalten und verlieben sich. Nach ein paar Monaten heiraten sie. Was sich ganz gewöhnlich anhört, ist doch sehr selten. Denn Hinz & Künztler Gerd lebt seit 20 Jahren auf der Straße.

Ein bisschen Glück ist immer gut. Deswegen ziert eine Tätowierung Gerds Handrücken, die gleichzeitig Talisman ist: ein vierblättriges Kleeblatt. „Jetzt hat es seine Schuldigkeit getan“, sagt der 49-jährige Hinz & Künztler und schaut zu Stephanie, „mehr Glück brauche ich nicht.“ Die 25-Jährige verdreht die Augen und lacht. Manchmal sind ihr solche Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit peinlich. Aber da muss sie durch, denn schließlich wird heute bei Hinz & Kunzt gefeiert, dass Stephanie und Gerd geheiratet haben. Im Vertriebsraum in dem die Verkäufer sonst die Zeitungen abholen und bei einer Tasse Kaffee zusammensitzen, gibt es Hochzeitskuchen in Herzform von roten Papptellern und romantische Musik von CD. Zwar sind Stephanie und Gerd schon vor ein paar Tagen getraut worden, aber das Ereignis muss auch unter den Kollegen noch gebührend begangen werden.

Vertriebsleiter Frank Belchhaus übergibt das Hinz & Kunzt-Hochzeitsgeschenk: einen Gutschein für ein Candle-Light-Dinner. Chefredakteurin Birgit Müller gibt Tipps, wie der Hochzeitskuchen traditionsgerecht anzuschneiden ist. Aber vor allem wird ausgiebig gratuliert, mal mit einem Handschlag, mal überschwänglich samt Kuss für die Braut. Stephanie und Gerd – die eigentlich nicht so gerne im Mittelpunkt stehen – sitzen nebeneinander, vor ihnen der Hochzeitskuchen, und lassen alles über sich ergehen. Gerd trägt einen dunklen Anzug, der ihm gut steht, aber an seinen Bewegungen merkt man, dass er selten so was trägt. Stephanie hat über das strahlendblaue Hochzeitskleid eine Jacke gezogen – ohne ist es doch zu frisch.

„Ich liebe alles an ihr“, sagt Gerd. „Ich liebe ihn auch“, sagt Stephanie, „aber ich kenne mittlerweile auch seine Macken.“ Vor allem seit Gerd mit in ihre Wohnung gezogen ist. „Macken hat doch jeder, wer die nicht hat, ist nicht normal“, sagt Gerd selbstsicher und zündet sich eine selbst gedrehte Zigarette an, „das ändert an der Liebe nichts.“ Deswegen können beide über Kommentare von Hinz & Künztlern, die mit der Ehe weniger gute Erfahrungen gemacht haben („Immer, wenn ich am Standesamt vorbeifahre, würde ich am liebsten eine Bombe reinwerfen“) galant hinwegsehen. Dann noch einen langen Kuss, wegen der Liebe, aber auch weil es der Fotograf so will.

„Die meisten hier kenne ich nicht“, sagt Stephanie, die im Gegensatz zu Gerd nie auf der Straße lebte, „ein paar Hinz & Künztler habe ich bei unserer Hochzeit kennen gelernt.“ „Das war eine richtige Berberhochzeit“, strahlt Gerd. Wie sich eine Berberhochzeit von einer „gutbürgerlichen“ Hochzeit unterscheidet? Gerd lacht. „Keine Ahnung, ich war noch nie auf einer anderen.“

Das Jawort gaben sich Stephanie und Gerd im Standesamt Barmbek. An einem Freitag, dem 13. „Ich bin nicht abergläubisch“, betont Gerd. Trauzeugen waren „der Engel vom Hauptbahnhof“ Ursula Graetsch, die sich seit Jahren um Wohnungslose kümmert, und Hinz & Kunzt-Hausmeister Thomas. Danach feierten sie am Gertrudenkirchhof in der Innenstadt. Etwa 30 Freunde von der Straße waren mit dabei, Ursula Graetsch hatte Frikadellen und Bier organisiert. Außerdem gab es Nudelsalat, nach einem Spezialrezept von Gerds Vater. Auch Polizist Peter Stapelfeldt ließ es sich nicht nehmen zu gratulieren. „Am Ende musste uns ein Freund mit nach Hause begleiten“, sagt Stephanie, „alleine hätten wir die ganzen Blumen und Geschenke gar nicht tragen können.“

Sogar der Bild-Zeitung war dieses Ereignis eine Schlagzeile wert – was sonst nur Promihochzeiten vergönnt ist. Über einen Satz im Artikel haben sich Stephanie und Gerd aber eher geärgert. „Die haben geschrieben, dass ich auch obdachlos bin, und das stimmt nicht“, erklärt Stephanie. „Naja, die müssen eben immer noch einen draufsetzen“, meint Gerd. Dabei ist die Geschichte, wie Gerd und Stephanie zusammengekommen sind, eigentlich schon fantastisch genug Denn normalerweise ist Gerd schüchtern, wenn es um Frauen geht. Aber Stephanie anzusprechen, das traute er sich plötzlich. Im vergangenen Oktober, mitten in der Menschenmasse auf dem Hauptbahnhof. „Sie hat mir eben gefallen“, sagt er.

Stephanie hatte gerade Feierabend und war auf dem Weg in ihre Wohnung. Damals arbeitete sie noch beim CityService, gab Hamburg-Touristen Auskünfte und half, die Innenstadt freundlicher zu machen. Bei Stephanie kam die Liebe nicht auf den ersten Blick: „Ich war erst viel zu überrascht, aber ich dachte mir: Freundlich ist er ja, da kannst du dich mal mit ihm unterhalten.“

Was folgte, war ein sehr langes Gespräch. Gerd war ehrlich und erzählte, dass er auf der Straße lebt, seit 20 Jahren. Stephanie beeindruckte diese Ehrlichkeit. Es wurde später und später, irgendwann war der Hauptbahnhof leer, die letzte Bahn war längst gefahren. Und Gerd, der sonst so schüchtern ist, traute sich was: Er fragte Stephanie, ob sie nicht die Nacht bei ihm bleiben will.

Wäre es nicht eine laue Herbstnacht gewesen, vielleicht wäre die Geschichte ganz anders ausgegangen. So aber ignorierte Stephanie, dass es Nachtbusse oder Taxen gibt, und übernachtete bei Gerd – auf seiner Platte. Stephanie und Gerd verabredeten sich danach noch ein paar Mal. Eines Tages begleitete er sie dann nach Hause. „Da konnte ich ihn doch nicht vor der Tür übernachten lassen“, scherzt Stephanie. Es dauerte dann auch nur bis zum 9. Dezember, dann haben sich Stephanie und Gerd verlobt.

Die schmalen Verlobungsringe tragen sie heute noch. Gemeinsam haben sie die Ringe auf dem Weihnachtsmarkt gekauft, zusammen für zehn Euro. „Es geht ja schließlich nicht ums Geld“, sagt Gerd, „sondern um das, was die Ringe bedeuten.“ Zwar haben die beiden mittlerweile „richtige“ Hochzeitsringe bestellt, doch die Verlobungsringe bleiben. „Die wollen wir jeweils an einer Kette um den Hals tragen“, sagt Gerd. „Das gebe ich mit Brief und Siegel, dass die niemals mehr aus dem Haus kommen“, stimmt Stephanie zu. Dann lacht sie wieder und schaut Gerd an.

Marc-André Rüssau

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