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Massel und Chuzpe

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2004: Hinz&Kunzt-Ausgaben 131 – 142, Archiv, Hinz&Kunzt 137/Juli 2004

Manfred Lahnsteins Buch über die außergewöhnliche Rettung seiner jüdischen Familie vor dem Nazi-Terror

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

Wenn Juden sagen „Der hat Massel“, dann bedeutet das ungefähr: „Der hat Schwein gehabt.“ Und wenn sie von „Chuzpe“ sprechen, meinen sie eine Mischung aus Mut und Frechheit. Blanka und Rudolf Kandel, zwei junge Juden aus Kroatien, hatten beides. Sie entkamen mit ihren Familien den Nazi-Schergen aus Zagreb und schlugen sich auf einer Odyssee bis Rom durch. Dabei sprangen sie dem Tod mehr als einmal von der Schippe.

So im April 1941: Rudolf Kandel war mit 160 Juden zwischen 16 und 22 Jahren zum „Arbeitseinsatz“ einberufen worden, wie es verharmlosend hieß. Ein todbringender Einsatz, der im KZ enden sollte. Nur zehn Männer überlebten. Einer von ihnen war Rudolf.

Nicht ahnend, dass er und seine Altersgenossen deportiert und erschossen werden sollten, spielte er mit einem Wärter Karten. Er gewann, verzichtete aber auf sein Geld, da er wusste, dass sein Spielpartner arm war. Tags darauf wurde Rudolf entlassen und nach Hause geschickt. Doch der junge Medizinstudent sah noch immer nicht die Gefahr, in der er schwebte. Pflichtbewusst meldete er sich Tage später in unglaublicher Naivität erneut am Lagertor. Er wollte partout mit seinen Freunden zum Arbeitseinsatz fahren. Und flog hochkant raus: „Geh zum Teufel!“, schrie ihn der Wärter an. „Du hast mir mein Geld gelassen. Und ich werde dir noch viel mehr lassen. Das wirst du noch früh genug herausfinden.“ Erst als er vom Tod seiner Kameraden hörte, begriff Rudolf. Seine dramatische Flucht durch Kroatien und Italien begann, aber auch die Geschichte einer großen Liebe, die ein Leben lang anhalten sollte.

„Anders als in Deutschland, wo die Diskriminierung der Juden schrittweise erlebt wurde, dauerte es in Kroatien nur ein paar Wochen, bis alle bisher geltenden Maßstäbe brutal zerstört wurden“, erklärte Manfred Lahnstein während einer Lesung in den Hamburger Kammerspielen vor etwa 120 Mitgliedern des Freundeskreises von Hinz & Kunzt. Aus der geordneten Welt der wohlhabenden jüdischen Familien in Zagreb wurde mit dem Einmarsch der Wehrmacht im April 1941 ein Leben in Angst vor Deportation, Gewalt und Tod.

Ursprünglich wollte Manfred Lahnstein die Geschichte seiner Schwiegereltern nur für seine Tochter Lea aufschreiben. „Ich habe Rudolf und Blanka nach ihren Erinnerungen gefragt und alles auf Kassetten aufgenommen“, so Lahnstein. „Meine Kinder sollten erfahren, wie ihre Großeltern lebten. Das habe ich mit meiner Mutter übrigens genauso gemacht.“ Doch aus der privaten Familiengeschichte wurde mehr: ein Beispiel für die mutige Entschlossenheit, mit der zwei junge Juden um ihr Leben kämpften, und die Geschichte eines Wunders, das zwölf Familienmitglieder den Holocaust überleben ließ. Lahnstein füllte die persönlichen Erinnerungen von Rudolf und Blanka Kandel mit eigenen Recherchen. Er suchte und fand zunächst in den USA einen Verleger für sein Buch. „Ich hatte es erst auf Englisch geschrieben, weil der Markt dort größer ist für so genannte Holocaust-Literatur.“ Doch vier Jahre Wartezeit bis zur Veröffentlichung schienen dem Autor zu lang. So wurde aus dem englischen Manuskript ein deutsches Buch.

Ein Werk „ohne literarische Ambitionen“, wie ein Literatur-Kritiker anmerkte, was dem Buch allerdings nicht wirklich schadet. „Sie haben uns Rudolf und Blanka sehr nahe gebracht. Neben den Bertinis von Ralph Giordano haben wir nun auch die Kandels auf ihrem Weg begleiten dürfen“, sagte Katharina Trebitsch, die die Lesung in den Kammerspielen moderierte. Ihr Vater Gyula Trebitsch fand das Buch schlicht „wunderbar“, und Ralph Giordano meinte in der „Zeit“, das Buch lese sich wie ein „Kriminalroman“.

„Ich bin weder Schriftsteller noch Historiker“, so Lahnstein. Nur ein einziger Fehler sei ihm beim Schreiben unterlaufen: Seine Schwiegereltern hatten erzählt, sie seien einem Erschießungskommando der SS in einem italienischen Dorf nur knapp entronnen. Doch nicht die SS, sondern reguläre Soldaten des Fallschirm-Panzerregiments Hermann Göring hatten in einem willkürlichen Racheakt die Hälfte der männlichen Dorfbevölkerung brutal erschossen.

Lahnstein selbst versteht sein Buch auch als „Liebeserklärung an die Italiener“. Während ihrer drei Jahre dauernden Flucht waren Rudolf und Blanka auf die Hilfe unzähliger Menschen angewiesen. Jede dieser Begegnungen hätte mit Verrat und dem sicheren Tod enden können. Doch alle – vom einfachen Bauern in der Toskana angefangen bis zu einem Polizeioffizier in Kalabrien – alle halfen den jüdischen Flüchtlingen. „Auch in den Zeiten des Schreckens ist menschliches Handeln möglich“, so Lahnstein. „Das sei an die Adresse all derjenigen gerichtet, die mit dem Argument durch die Lande ziehen: ,Wir mussten das doch tun, wir konnten doch nicht anders.‘“

Was ist aus Blanka und Rudolf nach dem Krieg geworden? Rudolf wurde Arzt in Zagreb, Blanka holte ihr Abitur nach und studierte Pharmazie. Als Rudolf bei einem internationalen Kongress eine Stelle in einer Hamburger Privatklinik angeboten wird, zieht er 1966 mit seiner Frau in die Hansestadt. Ausgerechnet in das Land, dessen Menschen seiner Familie so viel Leid zugefügt haben. Wieder scheinen es Chuzpe und eine große Portion Pragmatismus gewesen zu sein, die die Kandels den Umzug in das ehemalige Feindesland wagen lassen. Die heute 80 Jahre alte Blanka Kandel, die ebenfalls an der Lesung teilnahm, erinnert sich: „Mein Mann hatte dieses gute Angebot bekommen. Die Klinik und Hamburg gefielen ihm, außerdem konnte ich hier als Apothekerin arbeiten. So sind wir eben hergekommen.“ Bis zu seinem 67. Lebensjahr hat Rudolf Kandel als Chirurg gearbeitet. Im vergangenen Jahr ist er in Hamburg gestorben. Das Buch „Massel und Chuzpe“ hat er nicht mehr lesen können.

Petra Neumann

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