Obdachlosigkeit

Manche müssen draußen bleiben

Seit Monaten ist die Notunterkunft Pik As überfüllt. Anstatt mehr Plätze zu schaffen, hat die Sozialbehörde entschieden: Wer seine Not nicht zweifelsfrei nachweist, wird vor die Tür gesetzt. Die Neuregelung trifft vor allem Obdachlose aus Osteuropa.

strasse1

(aus Hinz&Kunzt 223/September 2011)

Warum er auf der Straße schlafen muss, versteht Andrej J.* nicht. Der 45-Jährige sitzt auf dem Schlafsack, den er Nacht für Nacht in einem Park unweit der Reeperbahn ausrollt. Noch bis Anfang Juli hatte Andrej, der vor zwei Jahren aus Rumänien nach Hamburg gekommen ist, ein Dach über dem Kopf: Sechs Wochen lang habe er in der Notunterkunft Pik As geschlafen, sagt er. Bis zu jenem Tag Anfang Juli. „Plötzlich sagte man uns, für uns sei kein Platz mehr“, erzählt Andrej. „Es hieß ‚nur noch deutsche Leute’. Alle anderen mussten raus.“

Seit Monaten ist das Pik As überlaufen. Hinz&Kunzt und andere Hamburger Medien haben seit dem Frühjahr darüber berichtet. Es ist ungewöhnlich, dass die Notunterkunft im Sommer so voll ist – normalerweise entspannt sich mit dem Ende des Winters die Lage auf Hamburgs Straßen. Im Januar diesen Jahres schliefen nach Angaben der Sozialbehörde durchschnittlich 186 Männer pro Nacht im Pik As – das Haus war mit seiner Kapazität von 190 Betten also fast komplett belegt. Dennoch wurde die Unterkunft danach jeden Monat voller, bis sie dann im Juni mit bis zu 260 Männern aus allen Nähten platzte.
Wie das konkret aussah, hat Andrej am eigenen Leib erfahren müssen. „Viele betrunkene Leute, viel Lärm, oft Ärger“, erzählt er. „Auf dem Beton habe ich geschlafen, beim Eingang, ohne Bett.“ Trotzdem sei er geblieben, weil er nicht gewusst habe, wohin er sonst hätte gehen sollen. Er schätzt, dass Ende Juni rund 60 Männer aus Osteuropa mit ihm in der Notunterkunft waren – Polen, Tschechen, Bulgaren und Rumänen.

Als Reaktion auf die unhaltbaren Zustände hat die Sozialbehörde nicht etwa das Angebot des Pik As oder anderer Unterkünfte aufgestockt, sondern Anfang Juli kurzerhand die Regeln verschärft. Männer aus osteuropäischen Staaten oder andere Bedürftige, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, dürfen jetzt nur noch drei Nächte in der Notunterkunft bleiben. Das bedeutet: Wer keinen deutschen Pass und keinen Anspruch auf Hartz IV hat, wird in der Regel nach drei Nächten wieder auf die Straße geschickt. Die Folge: Im Juli hatte das Pik As plötzlich nur noch 187 Gäste pro Nacht. Andrej hat diesen Schock immer noch nicht ganz überwunden. „Was soll das?“, regt er sich auf. „Ich bin doch nicht nur ein Ausländer, ich bin doch auch ein Mensch!“

Die Sozialbehörde begründet die radikale Änderung mit gestiegenem Missbrauch. Man habe festgestellt, dass das kostenlose Angebot im Pik As zunehmend von Osteuropäern ausgenutzt werde, die eigentlich eine Arbeit hätten oder auf der Suche nach einem Job seien, so Sprecherin Julia Seifert. Zu Hinz&Kunzt sagte sie, bei vielen Osteuropäern sei es so, dass „ihre Bedürftigkeit nicht feststeht beziehungsweise zu bezweifeln ist“. Deshalb würden sie nach drei Nächten auf billige Hotels und die Konsulate ihrer Staaten verwiesen. Denn: „Die öffentliche Unterbringung kann kein Hotelbetrieb sein.“ Offensichtlich hilflose Personen würden aber trotzdem nicht abgewiesen.

Doch wie beweist man, dass man obdachlos und auf den Schlafplatz im Pik As angewiesen ist? Christiane Schröder von „fördern und wohnen“ erklärt die Praxis gegenüber Hinz&Kunzt so: Jeder werde erst einmal aufgenommen, Osteuropäer würden aber sofort auf die „Drei-Tage-Regel“ verwiesen. In dieser Zeit könne jeder seinen Anspruch auf Hartz IV nachweisen – oder sich bei den Fachstellen für Wohnungsnotfälle bescheinigen lassen, dass er auch wirklich obdachlos ist. Wer also kaum Deutsch kann, Angst vor Behörden hat oder bei der Fachstelle seine Bedürftigkeit nicht zweifelsfrei belegen kann, muss nach drei Nächten wieder auf die Straße. Es sei denn, so Schröder, es handele sich um offensichtlich hilflose Menschen. „Bei stark alkoholisierten oder psychisch kranken Personen ist die Gefahr zu groß, wenn man sie auf die Straße schickt“, sagt sie. „Unsere Mitarbeiter können das aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung einschätzen.“


Stephan Karrenbauer,
Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt, kann die neue Regelung nicht nachvollziehen. „Kein Mensch schläft freiwillig im Pik As“, sagt er. „Jeder, der dort um Aufnahme bittet, ist offensichtlich bedürftig.“ Das Pik As müsse eine Anlaufstelle für alle Menschen sein, die auf Hamburgs Straßen in Not seien, so Karrenbauer. „Außerdem ist es untragbar, wenn Osteuropäer unter Generalverdacht gestellt werden oder nur nach einer willkürlichen Gesichtskontrolle länger bleiben dürfen.“

Andrej versucht derzeit noch, sich mit seiner neuen Lage zu arrangieren. Wie die etwa 60 anderen Osteuropäer, die bis vor Kurzem noch im Pik As waren. Keiner von ihnen habe das Geld, um sich eine Unterkunft zu mieten, sagt Andrej. „Die schlafen jetzt alle irgendwo in Parks oder am Hauptbahnhof. Kannste nix machen.“ Bis auf Weiteres bleibt er jetzt auf seiner Platte, die er sich mit einigen anderen Männern aus Rumänien und Polen teilt. Solange es nicht regne und der Bezirkliche Ordnungsdienst sie nicht vertreibe, sei das einigermaßen erträglich. Aber was, wenn der Winter kommt? Andrej breitet hilflos die Arme aus. „Keine Ahnung.“
* Name geändert

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *