„Mallorca war ein Fehler“

Rüdiger (42) verkauft seit zwei Monaten Hinz&Kunzt am Großen Burstah.

(aus Hinz&Kunzt 217/März 2011)

Aus enttäuschter Liebe brach Rüdiger zu Hause alle Brücken ab. Auf Mallorca suchte  der Handwerker sein Glück – und landete schließlich auf der Straße.
Aus enttäuschter Liebe brach Rüdiger zu Hause alle Brücken ab. Auf Mallorca suchte der Handwerker sein Glück – und landete schließlich auf der Straße.

Eigentlich hätte Rüdiger nur zur Arge gehen müssen. Ende 2009 verliert der 42-Jährige seine Arbeit bei einem Paketdienst. Weil er noch mehrere kleine Aushilfsjobs hat, macht er sich aber keine Sorgen. „Ich hab gedacht, ich schaff’s noch irgendwie mit der Miete“, sagt er. Als er sich im November 2010 endlich doch um Hartz IV kümmert, ist es schon zu spät: Er hat Mietschulden, sein Vermieter kündigt ihm fristlos.
Das erste Mal in seinem Leben hat Rüdiger keine Wohnung. Auf gut Glück fährt er nach Hamburg, ein Freund will ihm Arbeit besorgen. „Das hat dann aber nicht geklappt“, sagt Rüdiger.
Er weiß nicht wohin – und zieht deshalb in die Sportallee, ins Winternotprogramm. „Mir war schon klar, dass ich jetzt auf der Straße bin“, sagt er. „Aber richtig bewusst geworden ist mir das erst hier in Hamburg.“
Vorher ist Rüdigers Leben recht geordnet verlaufen. Er arbeitet in seiner Heimatstadt Heilbronn als Fliesenleger, hat zwei Autos und lebt mit seiner Freundin in einer Doppelhaushälfte. Als sie schwanger wird, wollen sie heiraten. Auf seinem Junggesellen-Abschied erfährt er von einer betrunkenen Freundin seiner Braut, dass das Baby nicht von ihm ist. „Ich hatte vorher schon den Verdacht“, sagt Rüdiger, „und hab zu meiner Freundin gesagt: Es findet keine Hochzeit statt.“
Rüdiger will nur noch weg. Er fliegt nach Mallorca, wo ein alter Freund von ihm lebt. Zweieinhalb Jahre bleibt er dort und legt als Selbstständiger Fliesen in den Luxusvillen deutscher Prominenter. Aber die Auftragslage ist schlecht, Rüdiger muss seine Rücklagen anbrechen.
Als er sich bei einem Arbeitsunfall das Bein bricht, muss er nach Deutschland zurück und verliert seine letzten Ersparnisse. „Mallorca war ein Fehler“, sagt er im Rückblick.
Weil er nicht zurück nach Heilbronn will, zieht Rüdiger erst einmal nach Köln, dann weiter nach Frankfurt. Er jobbt als Möbelpacker und Rettungsassistent. Jetzt lebt er in Hamburg, verkauft Hinz&Kunzt und sucht wieder eine Arbeit. Es wurmt ihn, dass er seine Wohnung verloren hat. „Ich hab eigentlich so viel geschafft in meinem Leben“, sagt er. „Ich hätte früher zur Arge gehen sollen.“

H&K: Was hast du in letzter Zeit Besonderes erlebt?
Rüdiger:An Silvester habe ich meinen Geldbeutel verloren. Die Leute von der Bahnhofsmission haben mir sofort zehn Euro geliehen, damit ich einen neuen Ausweis beantragen konnte!

H&K: Wer oder was imponiert dir?
Rüdiger: Als ich in Köln beim Rettungsdienst war, wurden wir mal in eine Messie-Wohnung gerufen, weil der Bewohner einen Asthmaanfall hatte. Nachdem er wieder reden konnte, hat er sich beim Notarzt entschuldigt, weil seine Wohnung so schlimm aussah. Und der Arzt meinte nur: „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich weiß auch nicht, wie ich in fünf Jahren lebe.“ Das fand ich eine tolle Reaktion.

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

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