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Fotografie

Liebeserklärung an Hamburgs Radfahrer

27. Februar 2013 | Von | Kategorie: 2013: Hinz&Kunzt 239-250, Archiv, Hinz&Kunzt 241/März 2013

Hamburg behandelt seine Fahrradfahrer oft wie ungeliebte Verwandte. Die Fotografen Till Gläser und Björn Lexius wollen ihnen dagegen ein Gesicht geben: We Are Traffic.

(aus Hinz&Kunzt 241/März 2013)

Maria hat ihr Fahrrad immer dabei – auch wenn sie sich nur um die Ecke an der Davidstraße einen Kaffee holt. Zwei Wochen nach dem Fototermin wurde das weiße Rennrad übrigens geklaut.

Maria hat ihr Fahrrad immer dabei – auch wenn sie sich nur um die Ecke an der Davidstraße einen Kaffee holt. Zwei Wochen nach dem Fototermin wurde das weiße Rennrad übrigens geklaut.

Platz 28 von 34. Das Ergebnis des aktuellen Städterankings des ADFC für Fahrradfreundlichkeit können sich Hamburgs Verkehrsexperten nur schwer schönreden. Die Sache ist: Unsere Stadt behandelt Radfahrer wie entfernte Verwandte. Man heuchelt Interesse, ist aber heilfroh, wenn die Bagage wieder weg ist. „Wir haben das größte Radwegenetz Deutschlands, aber der Zustand ist wie bei der Rallye Monte Carlo“, sagt Till Gläser. Er sitzt in einem Lokal im Karoviertel, gekommen ist er mit seinem Fahrrad. Regelmäßig streift er mit Gleichgesinnten ein Mal im Monat im Pulk über Hamburgs Straßen: Critical Mass heißt die Bewegung, die ursprünglich aus den USA kommt und bei der Radler ihr Recht auf Straße geltend machen. Eine politische ­Bewegung im wahrsten Sinn des Wortes, die sich auch in Hamburg immer größerer Beliebtheit erfreut. Mit Recht, wie Gläser findet: „Radfahrer werden in Hamburg von der Politik nicht ernst genommen. Es gibt kein Rezept, wie man sie sinnvoll ins Verkehrsleben integriert.“

Gläser ist Radler durch und durch, aber ein Auto besitzt er dennoch. Das braucht er, von Berufs wegen. Gläser ist Fotograf. Genau wie sein Kollege Björn Lexius, auch er passionierter Pedaltreter, Kapuzenpulliträger, St.-Pauli-Fan, Veganer. Lexius sagt: „Menschlich sind wir uns so ähnlich, dass wir über viele Dinge gar nicht groß reden müssen, weil die unausgesprochen klar sind.“ Und so bestand auch schnell Einigkeit darüber, dass man ein Projekt über und für Hamburgs Radfahrer starten wollte. Der Name: We Are Traffic, wir sind Verkehr. „Wir wollen nicht Verkehr abbilden, sondern Fahrradfahrern ein Gesicht geben – sie aus der anonymen Masse herausholen“, sagt Till.

Vorbilder waren zwei Projekte: „#BikeNYC“ (2010 gestartet) zeigt spontane Schnappschüsse von Fahrradfahrern in New York. Beim zweiten Projekt, genannt „Bicycle Portraits“, haben zwei Fotografen aus Südafrika zwei Jahre lang Radfahrer fotografiert, denen sie auf ihrer Reise quer durchs Land begegnet sind. „Da hat Radfahren eine ganz andere Wertigkeit als bei uns“, sagt Björn, „ohne Rad kommt man nicht zur Arbeit, nicht zur Schule, nirgendwohin. Das fand ich interessant. Ich habe mir überlegt: Wie kann man das umsetzen für uns in Hamburg?“

Im vergangenen Herbst begannen die Fotografen nach Feierabend und an Wochenenden damit, Porträts von Radlern zu schießen. Maria war die Erste. Das Bild mit ihrem weißen Rennrad entstand an der Davidstraße. Till: „Wir sagen den Leuten nicht: Das ist eine tolle Kulisse. Sie bestimmen selbst, wo sie aufgenommen werden. Maria hat gesagt: ‚Hier wohne ich um die Ecke, ich bin jeden Tag da und hole mir meinen Kaffee.‘ Das passte perfekt.“ Seit Oktober 2012 veröffentlichen die Fotografen jeden Tag eine neue Bilderserie von Hamburgern mit ihrem Fahrrad auf ihrer Website www.wearetraffic.de.

Die Bilder strahlen eine Atmosphäre aus, die mit Besitzerstolz nur unzureichend beschrieben wäre. Zumal einige der Drahtesel auf den Fotos schon mal bessere Zeiten erlebt haben dürften. Wie das Klapprad von Andreas. Jahrelang stand es bei der Oma in Polen. Als er für seinen Zivildienst bei der Seemannsmission nach Hamburg kam, musste das Rad abgeholt werden, weil es unbedingt mitsollte. „Solche Geschichten finde ich interessant“, sagt Björn. Ein anderer hat auf sein Rad, das er sich selbst zusammengebaut hat, vier Jahre gespart. „Die Teile, die er haben wollte, wurden immer teurer, aber er hat gewartet.“ Dann gibt es da noch Jan. Zwei komplette Räder hat er selbst zusammengebaut: aus Holz. „Der ist schon damit von Hamburg nach Prag gefahren“, erzählt Björn, „und jedes Jahr macht er die Cyclassics mit.“

Anfangs kamen die Porträtierten aus dem Freundeskreis von Björn und Till. Aber ihre Aktion sorgte in sozialen Netzwerken schnell für Aufmerksamkeit. „Es gibt eine Warteliste mit 150 Leuten. Das Projekt ist so schnell gewachsen, dass wir uns über vieles keinen Kopf gemacht haben – wir machen das ja auch alles nebenbei“, so Till. Und kostenlos für die Porträtierten. Klar ist: Mit ihrem Projekt haben sie einen Nerv getroffen. Das hat auch damit zu tun, dass Räder heute für viele zu Statussymbolen geworden sind. Es gibt Rennräder, für die man mehrere Monatsgehälter hinblättern muss. Es sind nicht mehr nur Freaks, die Einzelteile aus Italien bestellen. „Jedes Rad, das ein Statussymbol ist, bedeutet ein Auto weniger“, sagt Till und grinst.

Beide sind sich einig: Immer mehr Menschen sehen das Rad nicht als Fortbewegungsmittel zweiter Klasse. Björn: „Radfahren ist heute nicht mehr so anstrengend. Wie man sich früher mit den Dynamos gequält hat. Da war ja die Frage: Mache ich das Licht an oder fahre ich vernünftig? Heute ist das alles viel einfacher.“ Das muss nun endlich auch bei der Politik ankommen, wünschen sich die beiden Radfreunde. Ein Blick nach Dänemark könnte helfen, Kopenhagen wird regelmäßig als fahrradfreundlichste Stadt ausgezeichnet. ­„Da sind die Ampelschaltungen auf Radfahrer ausgerichtet, es gibt breite Radwege auf der Straße und viele Tempo-30-Zonen – paradiesische Zustände für Radfahrer.“

Text: Simone Deckner
Foto: We are traffic

Alle Fahrradfahrerporträts sind auf www.wearetraffic.de zu sehen. Till Gläser und Björn Lexius wollen einen Bildband mit ihren Fotos veröffentlichen. Dafür haben sie eine Finanzierungs-Aktion gestartet (Crowdfunding): Noch bis zum 15. April kann man ihr Projekt mit einem Zuschuss unterstützen: www.startnext.de/we-are-traffic.

3 Kommentare
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  1. Das liebe Rad, ohne dies währe ich als HINZ&KUNZT-Verkäufer wohl aufgeschmissen !! Denn ich fahre ja seit 1984
    nun mit diesem Fortbewegungsmittel, und seit 1994 für HINZ&KUNZTl !! Wer im Monat mehr als 450 Km da mit zurück legt, der weiß was in Hamburg los ist !! Es gab für mich harte Jahre, denn fast jedes Jahr haben irgend welche Leute mir mein Rad gestohlen !! Das ist bestimmt nicht lustig, wenn man auf das Rad angewiesen ist !! Weiter hin lassen manche Fahradstrecken zu wünschen übrig, ob wohl die Stadt viel redet, das es besser werden soll !! Das Rad hat ein riesen großen Vorteil, es ist so flexiebel, wie der Fahrer oder Fahrerin !! Es hat aber auch für mich Nachteile, denn der Verschleiß ist sehr hoch !! Wer viel fährt, der verbraucht auch viel, und das ist nicht immer billig !! Für manche Dinge, bekommt man schon fast ein neues Rad !! Mit dem Rad kann man mehr enddecken, als mit öffentlichen Verkehrsmittel !! Das Rad gehört zu meinem Leben, ob wohl ich kurze Zeit ein Auto oder Motorroller hatte, man kommt immer wieder auf ein Fahrad zurück !!

  2. Ärgerlich, dass ich schon wieder eine Hinz & Kunzt Ausgabe verpasst habe, schon wegen dieses Artikels. In Billstedt sieht man nur mit Glück mal einen Verkäufer, oder ich hab schlechtes Timing (Wochenmarkt-Muffel)

  3. […] Hintergründe zu dem Projekt hat die Zeitschrift Hinz & Kunzt schön zusammen gefasst. Wenn Du Dich lieber im Bewegtbild informieren lassen möchtest, kann ich Dir diesen Ausschnitt […]

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