MIndestlohn

Lidl überholt Gewerkschaften

Der Discounter Lidl will seinen Angestellten fortan 10,50 Euro Mindestlohn bezahlen – zwei Euro mehr als die Gewerkschaft Verdi fordert. Das passt nicht zur bisherigen Unternehmenspolitik – Stichwort: miese Arbeitsbedingungen – , macht aber gerade deshalb Sinn.

Lidl will ab September 10,50 Euro Mindestlohn zahlen - früher machte der Discounter Negativ-Schlagzeilen wegen seiner Arbeitsbedingungen.

(aus Hinz&Kunzt 235/September 2012)
Lidl will seinen Angestellten
 ab September einen Mindestlohn von 10,50 Euro zahlen. Das sind zwei Euro mehr, als die zuständige Gewerkschaft Verdi fordert. Bereits seit 2010 zahlt Lidl angeblich mindestens 10 Euro in der Stunde. Seitdem fordert der Discounter sogar öffentlich, einen branchenübergreifenden Mindestlohn in dieser Höhe einzuführen. „Nur mit einem verbindlichen Mindestlohn lässt sich der in verschiedenen Branchen immer wieder zu beobachtende Missbrauch von Lohndumping wirksam unterbinden“, teilte der Konzern mit. Das klingt – aus Lidl-Feder – fast zu schön, um wahr zu sein.

Eigentlich sind Discounter und gute Arbeitsbedingungen zwei Dinge, die sich widersprechen. Aktuelles Beispiel: Gegen Kaufland und Netto erhebt die Staatsanwaltschaft den Vorwurf, Tarifverträge systematisch zu unterlaufen. Auch Lidl hat früher häufig negative Schlagzeilen gemacht. Spätestens seit 2004 kritisiert Verdi die Arbeitsbedingungen, brachte damals sogar ein „Schwarzbuch Lidl“ auf den Markt. 2008 der nächste Kracher: „Stasi-Methoden bei Lidl“ titelte der Stern und deckte auf, wie Lidl die eigenen Mitarbeiter bespitzelte. Das ging auch den Kunden zu weit, viele sahen damals von einem Einkauf ab.

Zwei Jahre später der nächste Skandal. „Wir handeln fair!“ hatte Lidl bis 2010 in Werbekampagnen behauptet. „Lidl setzt sich weltweit für faire Arbeitsbedingungen ein.“ Hehre Worte, die der Discounter nicht mehr verbreiten darf. Die Hamburger Verbraucherzentrale hatte den Konzern verklagt, weil die Werbebotschaft mit der Realität in Lidls Zulieferbetrieben in Bangladesch herzlich wenig zu tun hatte. Überlange Arbeitszeiten und Lohnabzüge als Strafmaßnahmen gehörten zu den Vorwürfen, die die Näherinnen erhoben. Seit dieser Zeit setzt sich Lidl in Deutschland öffentlichkeitswirksam für einen Mindestlohn ein – Zufall oder Kalkül?

Ob der Discounter seinen Mitarbeitern den Mindestlohn auch ­tatsächlich bezahlt, lässt sich nur schwer herausfinden. „Wir können das weder bestätigen noch dementieren“, sagt zum Beispiel Christiane Scheller von der Verdi-Bundeszentrale in Berlin. „Wir haben bei Lidl verhältnismäßig wenig Innenansicht.“ Auch ihre Hamburger Gewerkschafts-Kollegen sind da nicht schlauer. Der Grund: Es gibt bei Lidl so gut wie keine Betriebsräte, eine Handvoll sind es bundesweit. Oft wurde kritisiert, Lidl würde die Gründung von Betriebsräten erschweren.

Aber Lidl scheint zu halten, was es verspricht. „Sogar der Parkplatzreiniger bekommt 10 Euro“, sagt Ulrike Schramm-de Robertis. Sie war bis vor einem Jahr in Bamberg Filialleiterin und Betriebsrätin zugleich, eine der wenigen in Deutschland. Mittlerweile hat sie gekündigt, hält aber noch den Kontakt zu ihren ehemaligen Kolleginnen. „Ich kann nicht in jede Filiale gucken“, gibt sie zu bedenken. Doch auch Verdi Baden-Württemberg bestätigt, dass der Mindestlohn gezahlt wird.

Ulrike Schramm-de Robertis ist nicht ganz unschuldig daran, dass sich die Arbeitsbedingungen bei Lidl verbessert haben. 2010 veröffentlichte sie das Buch „Ihr kriegt mich nicht klein! Eine Discounter-Angestellte kämpft um ihre Rechte“. Die Vorwürfe darin: unbezahlte Überstunden, Bespitzelung von Mitarbeitern, Psychoterror. Auch Verdi setzte Lidl mit einer Kampgange unter Druck. Das zeigte schließlich Wirkung: „Den Mitarbeitern geht’s jetzt besser als vor vier Jahren“, sagt Schramm-de Robertis. Vorgeschriebene Ruhepausen würden nun eingehalten, Überstunden bezahlt. „Auch der Umgangs­ton der Vorgesetzten hat sich verändert.“

Die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben in Bangladesch haben sich jedoch nicht verbessert, wie die ARD Anfang des Jahres in ihrem „Marken-Check“ herausfand. Und auch in Deutschland gibt es nach wie vor Probleme: „Ich bekomme immer noch E-Mails von Leuten, die schikaniert werden“, sagt Schramm-de Robertis. Trotzdem übertrumpft Lidl sowohl Verdi als auch den Einzelhandelsverband HDE mit seiner Mindestlohnforderung und zahlt zumindest in Deutschland anständige Löhne. Das ist ein Anfang, es ginge aber noch besser.

Text: Benjamin Laufer
Foto: Mauricio Bustamante 

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