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Kunztverkäufer: „Paar im Zimmer“, Ernst Ludwig Kirchner

6. April 2011 | Von | Kategorie: 2009: Hinz&Kunzt-Ausgaben 191 – 202, Archiv, Hinz&Kunzt 201/November 2009

„Die beiden müssen sich heimlich treffen“ – Hinz&Künztlerin Angelika zeigt Ihnen ihr Lieblingsbild in der Hamburger Kunsthalle, begleitet von Kunsthistoriker Thomas Sello.

(aus Hinz&Kunzt 201/November 2009)

Hinz&Künztlerin Angelika hat sich schon lange auf unseren Besuch in der Hamburger Kunsthalle gefreut. Wir sind wieder mit Museumspädagoge Thomas Sello unterwegs. Er und Angelika, die selbst malt und zeichnet, kommen schnell ins Gespräch und fachsimpeln über Bilder, Maltechniken und Präsentation der Werke. Thomas Sello nickt immer wieder anerkennend. „Hab ich ja schon oft gesagt: Ihr Hinz&Künztler seid richtige Kunstexperten.“
Angelika, die in der Oktober-Ausgabe unser Titelblatt zierte, genießt den Rundgang, kann sich aber schwer für ein Lieblingsgemälde entscheiden – bis ihr Blick auf „Paar im Zimmer“ von Ernst Ludwig Kirchner fällt.

201-Kunztverkäufer

„Das hat so eine untergrundmäßige Atmosphäre“, sagt die 22-Jährige. „Vielleicht ist das ein Gaunerpaar“, spinnt sie die Geschichte weiter. Thomas Sello hakt nach: „Wer ist denn wohl der Chef bei diesem Paar?“ Darauf lässt Angelika sich gar nicht ein: „Die sind beide gleich. Deswegen sind sie ein tolles Paar. Sie passen gut zusammen, weil sie dasselbe denken – und das ist vielleicht nicht immer alles legal.“
Thomas Sello findet trotzdem: „Auf den ersten Blick wirken die doch eher ungleich.“ – „Na, die streiten sich vielleicht oft. Aber sie gehören zusammen und versöhnen sich wieder. Beide sind selbstbewusst und haben starke Persönlichkeiten, die haben sich gesucht und gefunden. Weil sie mit anderen Leuten nicht zurechtkommen, aber gleich sind.“
„Erfahren wir wirklich so viel von den beiden?“, fragt Thomas Sello. – „Nein, die sind geheimnisvoll.“ – „Das mein ich aber auch. So ist ja auch die Malweise: Ich finde, wenn der Künstler gewollt hätte, dass wir es genau wissen, hätte er es auch genauer malen müssen.“
Während des Gesprächs schaut Angelika nur das Bild an und überlässt sich ihrem Kopfkino. „Der Mann, er sieht aus wie ein Italiener. Und die Szene spielt in Frankreich, in einem Pariser Hotelzimmer.“ – „Wohl eher in Berlin, wo Kirchner 1912 wohnte, als er ,Paar im Zimmer‘ malte. Aber damals war ja alles Französische sehr in Mode, auch in Deutschland“, weiß Thomas Sello. „Auf jeden Fall treffen die beiden sich heimlich“, sagt Angelika. „Irgendjemand hat was gegen ihre Beziehung oder gegen ihre Pläne, deswegen müssen sie sich verstecken.“
„Na, mit der Liebe wird das auch was zu tun haben. Es fällt ja auch auf, dass sie nur ein Unterkleid trägt und er komplett bekleidet ist“, gibt Thomas Sello zu bedenken. „Das macht ihr nichts aus“, antwortet Angelika. „Sie ist so selbstbewusst und cool. Und dass sie eine Prostituierte sein soll und er sie bezahlt – das will ich nicht glauben. Das passt nicht zu meiner Geschichte.“ 

Text: Beatrice Blank
Foto: Mauricio Bustamante

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