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Krimi schreiben im Duett

6. April 2011 | Von | Kategorie: 2009: Hinz&Kunzt-Ausgaben 191 – 202, Archiv, Hinz&Kunzt 200/Oktober 2009

Ann-Monika Pleitgen und Ilja Bohnet haben gemeinsam ein Buch geschrieben. Jetzt lesen die Ex-Schauspielerin und ihr Sohn aus dem spannenden Hamburg-Krimi

(aus Hinz&Kunzt 200/Oktober 2009)

Einmal zupft sie ihn liebevoll am Ohr. Dann wieder pickt er ihr eine Fluse von der Schulter – und wenn sie sich ins Wort fallen, dann ist das überhaupt nicht tragisch, es fällt kaum auf. Ann-Monika Pleitgen und Ilja Bohnet sind Mutter und Sohn. Und sie sind frisch gebackene Krimiautoren; gemeinsam – als Duo. Bei Ann-Monika Pleitgen ist die Leidenschaft für das geschriebene Wort erklärlich: Die ehemalige Schauspielerin unterstützt ihren Mann, den Schauspieler Ulrich Pleitgen, bei dessen Textarbeit und managt ihn. Ihr Sohn dagegen hat einen anderen Weg eingeschlagen, auch wenn er als Kind in Kinderserien auftrat und am Theater: Er arbeitet als Kernphysiker bei DESY. Doch nun schauen sie gemeinsam auf ihr Buch: „Freitags isst man Fisch“. Ein Hamburg-Krimi.200-PleitgenEs ist ein Krimi, der ebenso fesselt wie gute Laune macht. Und das liegt vor allem an der Heldin des Buches: Nikola Rührmann heißt sie, ist knapp 20 Jahre alt und studiert Physik. Sie lädt uns ein in den Sommer des Jahres 1989: Das Leben ist aufregend, chaotisch und bunt. Es wird viel gefeiert, es wird ausdauernd demonstriert. Ob es gelingt, die besetzten Häuser in der Hafenstraße vor dem Abriss zu bewahren? Nikola aber hat gerade ein anderes, ein geradezu handfestes Problem: Sie hat sich in Julia verguckt. Auf einer Party, von einer Sekunde auf die andere. Julia wiederum hat ihre eigenen Sorgen: Vor ein paar Tagen ist ihr Freund Kai nachts bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Vielleicht sollte Nikola mal nachforschen, was da passiert ist. Nicht, weil sie denkt, Kai sei tatsächlich absichtlich getötet worden. Sondern um Julia nahe und näher zu kommen. Wenn sie wüsste!
Ach ja, die Liebe. Die beiden seufzen und schauen vor sich hin. Was hat es mit der Liebe auf sich? „Die Liebe ist ursächlich für das, was uns treibt“, sagt Ilja Bohnet betont sachlich. „Die Liebe ist für mich das Allerwichtigste“, schwärmt dagegen seine Mutter mit heller Stimme, sie hebt die Hände und schlingt sie ineinander. „Nikola glaubt noch an den Blitz, der einschlägt und einen umhaut“, erzählt
sie und findet das gar nicht verwunderlich: „Das haben wir doch alle erlebt, dass ein Mensch kommt und uns verzaubert, weil er einfach nur schön ist.“ Sie macht eine Pause: „Meistens hält das nicht lange. Ein paar Nächte?“ Großes Gelächter!
Wie war das denn, so eine Nacht zu beschreiben, als Mutter und Sohn? Die beiden werden sofort wieder ernst. Ann-Monika Pleitgen beginnt: „Die Liebesnacht mit allem Drum und Dran musste natürlich irgendwann kommen und ich sagte zu Ilja: ‚Schreib ganz unbefangen‘, und er: ‚Ach, ich genier’ mich ein bisschen‘, und ich wieder: ‚Nein, schreib ganz unbefangen, ich schreib auch ganz unbefangen.‘“ – „Dann haben wir beide unabhängig von einander die Liebesnacht geschrieben und sind ganz sachlich damit umgegangen“, übernimmt Ilja Bohnet.
Damit sind sie beim Grundsätzlichen: „Wenn man zusammen ein Buch schreibt, muss man in der Lage sein, die Kritik des anderen zuzulassen“, sagt Ann-Monika Pleitgen. „Es tut einem immer ein bisschen weh, wenn der andere etwas durch-streicht, was man selber gelungen findet“, gesteht ihr Sohn. „Aber es gibt ein entscheidendes Argument, es so zu tun: Hinterher ist das, was auf dem Papier steht, immer besser als das, was da vorher stand.“
Obwohl – es sei schon richtige Knochenarbeit gewesen. Immerhin, die beiden sind es gewohnt, dort zu arbeiten, wo sie gerade sind: im Job, zu Hause, unterwegs, in der Bahn, auf der Parkbank. „Wunderbar, diese kleinen Laptops, die man einfach ans Telefon stöpselt – und ein paar Sekunden später hat der andere die Korrekturen oder ein neues Kapitel, und wenn er auf der anderen Seite der Welt ist“, sagt Ann-Monika Pleitgen. „Was muss das früher kompliziert gewesen sein, wo es nur die Briefpost gab.“
Noch etwas gefällt an ihrem ersten Krimi: Hamburg spielt eine wichtige Rolle. Kreuz und quer rennt Nikola durch die Stadt auf der Suche nach dem Mörder – und natürlich auf der Jagd nach Julia.
Es geht nach Ottensen, in den Hafen, auf die Veddel. Es geht des Nachts durch Uhlenhorst, St. Georg und Harburg. Und doch hat das Buch bei aller Spannung und allem Tempo etwas sehr Leichtes und überhaupt nichts Angestrengtes. „Was gar nicht geht, ist, einen Krimi wie einen Stadtführer oder gar einen Stadtplan zu schreiben“, sagt Ilja Bohnet. Dennoch, alle Straßenverläufe, alle Details stimmen. Da gebe es durchaus ein Vorbild, räumt er ein: die Krimis des Franzosen Léo Malet, dessen Romane jedes Mal in einem anderen Pariser Arrondissement spielen.
Und ihm ist beim Schreiben wieder die Zeit in Erinnerung gekommen, als er sein erstes Auto bekam: „Ich hatte damals einfach Lust, viel Auto zu fahren und war oft nachts unterwegs, weil da ja kaum Verkehr ist. Ich habe alle Ecken der Stadt abgefahren, auch Straßen wie ‚Am Stadtrand‘.“ So lernt er, der in Berlin geboren ist und aufgrund des Berufs seines Ziehvaters Ulrich Pleitgen schon in vielen Städten gelebt hat, Hamburg noch einmal anders kennen; stößt besonders auf die sozialen Gegensätze, wenn sich plötzlich hinter schneeweißen Villen fade Wohnblöcke erheben oder wenn mitten in einem Gewerbegebiet ein Altbau mit Jugendstilfassade überlebt hat. „Armut und Reichtum treffen in Hamburg schon sehr hart aufeinander“, sagt er. Auch davon erzählt der Krimi.
Und dann die Zeit: 1989. Im Schanzenviertel wohnen noch recht normale Leute, in der Großen Bergstraße kann man noch bequem einkaufen, und Wilhelmsburg ist ein anderer Planet. Nichts ist von Krise oder Klimakatastrophe zu spüren. Es ist die Zeit, in der Ilja Bohnet in etwa so alt war wie Nikola und ihre Freunde: „Ehrlich gesagt verbindet mich mit dieser Zeit eine Art Hassliebe: Einerseits war wahnsinnig viel los, waren es wilde, bewegte Jahre. Und andererseits war die Szene, in der ich mich bewegte, sehr eng; gab es sehr dogmatische Vorstellungen, was man gut und was man schlecht zu finden hatte.“ Seine Mutter kennt solche Aufbruchsjahre auch: „Nur waren es bei mir die Sechziger- und die Siebzigerjahre.“ Also fiel es ihr nicht schwer, sich in Nikola und deren Freunde und Freundinnen hineinzuversetzen, die einerseits studieren und jobben und wissen, dass das bunte Kneipenleben nicht ewig so weitergeht, und die doch genau so leben.
Längst sitzen sie an ihrem zweiten Buch, haben schon Ideen für das dritte. Wenn Nikola älter geworden ist, wenn sie … „Wir dürfen doch noch nichts verraten!“, ruft Ann-Monika Pleitgen laut und alles ist wieder vergessen. Und die beiden knuffen sich und freuen sich, dass am Ende alles geklappt hat und nun ihr Buch frisch gedruckt vor ihnen liegt.

Text: Frank Keil
Foto: Mauricio Bustamante

„Freitags isst man Fisch“ von Ann-Monika Pleitgen und Ilja Bohnet, Ariadne-Krimi, ISBN: 978-3-86754-177-0, 250 Seiten, 11 Euro

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