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Kleines Geld, große Wirkung

12. Januar 2011 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 210/August 2010

Die Mikrofinanz-Genossenschaft Nordhand vergibt Kleinkredite an Unternehmer, die bei einer Bank keine Chance haben.

(aus Hinz&Kunzt 210/August 2010)

Früher Hilfeempfänger ohne Aussicht auf eine neue Stelle, heute  Mini-Unternehmer mit großen Plänen für die Zukunft: Abdullah Akçay

Früher Hilfeempfänger ohne Aussicht auf eine neue Stelle, heute Mini-Unternehmer mit großen Plänen für die Zukunft: Abdullah Akçay

Abdullah Akçay öffnet den silberfarbenen Koffer, der auf dem Tisch seines kleinen Büros in der Dortmunder Nordstadt liegt. Ein wenig schaut er wie ein stolzer Vater, der seinem Kind die Geburtstagsüberraschungen präsentiert. Er greift nach dem Modell einer Fenster­ecke, das im Innern des Koffers liegt, und sagt: „Wir haben 30 Jahre Erfahrung mit Kunststoff-Fenstern!“
Vielleicht ist das ein wenig übertrieben. Doch ist der 50-Jährige nicht nur ein guter Verkäufer. Er ist auch einer  der Experten, die zwei Probleme haben auf dem Arbeitsmarkt: Sie sind zu gut und scheinen zu alt. Maschinenschlosser hat Akçay gelernt, Betriebswirtschaft studiert und einen Meisterbrief im Metallbau erworben. Dennoch verlor er vor sieben Jahren seinen Job und spürte schnell: „Wenn ich mich vorgestellt habe, sah der Chef in mir direkt einen Konkurrenten.“ Da hatte seine Frau eine Idee: „Egal, wo mein Mann gearbeitet hat, hat er die Unternehmen auf Vordermann gebracht“, sagt die 35-jährige Nigar Dibekçi. „Da habe ich gesagt: Gründen wir unsere eigene Firma!“
Einfach war das nicht. Keine Bank wollte den Arbeitslosen Geld leihen für den Aufbau ihrer Premium Bau Service GmbH, die Fenster und Haustüren ebenso vertreibt wie Wintergärten und Carports. Nicht mal die Arbeitsagentur, die Hilfeempfängern Gründungszuschüsse gewähren kann, war bereit, einen Vorschuss für Büromöbel, Technik und Werbung zu zahlen. Dass das Paar dennoch davon träumen kann, „aus einer Hartz-IV-Situation ein Weltunternehmen zu gründen“ (Akçay), verdankt es der Nordhand eG: einer Genossenschaft, die in Dortmund Geld verleiht an Menschen, die anderswo keine Aussicht haben auf einen Kredit  – oft und auch in diesem Fall zu Unrecht, meint Nordhand-Vorstand Frank Lunke: „Der Auftragsordner gibt den beiden Recht. Die brauchen einfach ihre Zeit.“
10.000 Euro hat das Gründer-Ehepaar von der Nordhand geliehen bekommen. Für Ackermann und Co. sind das Peanuts, Banker sprechen von einem Mikrokredit. Die Idee, dass kleines Geld große Wirkung erzielen kann, hat der Nobelpreisträger Muhammad Yunus in Bangladesch entwickelt. Er gründete 1983 die Grameen Bank, die Mittellosen wenige Dollar lieh und ihnen so zu einem selbstständigen Leben verhalf. Das Überraschende an dem Experiment: Die Allermeisten zahlten das Geld bald und vollständig zurück.
Knapp 30 Jahre später hat die Bundesregierung erkannt, dass es auch hierzulande Menschen gibt, die von keiner Bank Geld geliehen bekommen, obwohl sie gute Geschäftsideen haben – etwa weil sie von Hartz IV leben oder in der Vergangenheit Schulden gemacht haben. 100 Millionen Euro stehen seit Anfang des Jahres in einem Mikrokreditfonds bereit, vergeben werden sie auf Empfehlung sogenannter Mikrofinanzierer wie der Nordhand. Sie helfen nicht nur dem Arbeitslosen, der ein Zoofachgeschäft eröffnen will. Sondern auch dem Musiker, der eine neue CD produziert, oder dem Dachdecker, der unter der Auftragsflaute im Winter leidet: „Wenn der zur Bank geht und nach einem Kredit fragt, will die erst mal den Jahresabschluss des Vorjahres sehen. Der liegt aber noch nicht vor“, erzählt Nordhand-Vorstand Lunke aus dem Alltag von Kleinstunternehmern. „Wir hingegen bewerten die Auftragslage höher.“ Und noch einen wichtigen Unterschied gibt es: Die Nordhand verlangt lediglich eine 25-prozentige Absicherung der Kreditsumme, eine Bank dagegen die 100-prozentige. „Wer will 20.000 Euro leihen, wenn er die hat?“
Doch bevor das Geld fließt, prüfen der Diplom-Betriebswirt und sein Vorstandskollege Michael Sieberath, ob das Geschäft trägt. Vor Kurzem erst haben sie einem Jamaikaner absagen müssen. 10.000 Euro wollte er leihen, um ein zwölfstündiges Reggae-Open-Air-Festival zu organisieren. Keine schlechte Idee. Doch schien das Risiko zu groß: „Wenn das Wetter nicht mitspielt und weniger als 1000 Besucher kommen, hat der Mann ein Problem, das 10.000 Euro groß ist“, sagt Lunke.
28 Kredite hat die Nordhand schon vergeben, nur einmal hat sie das Geld nicht zurückbekommen: Ein Cafébetreiber musste Insolvenz anmelden, obwohl er anfangs so gut verdiente, „dass selbst sein Steuerberater erstaunt war“, berichtet Lunke. Wie jeder Mikrofinanzierer hat die Genossenschaft ein ureigenes Interesse daran, dass die Kreditnehmer die Schulden zurückzahlen: Sie tritt gegenüber dem Fonds in Haftung, wenn der Kredit ausfällt. Im Gegenzug verdient sie an jeder Geldvergabe 800 Euro und zehn Prozent der Tilgungssumme. Um selbst etwas zu erwirtschaften und nicht nur die Kosten zu decken, muss die Genossenschaft mindestens 20 Kredite pro Jahr vergeben, so Lunke. Bislang arbeitet der 50-Jährige wie sein Kollege ehrenamtlich für die Nordhand. Lunke verdient sein Brot als Unternehmensberater, Vorstandskollege Sieberath als gesetzlicher Betreuer. Schmunzelnd sagt der 52-jährige Pädagoge: „Ein bisschen machen wir auch Unternehmer-Sozialarbeit.“
Abdullah Akçay, der Märkte wie Marokko und den Irak vor Augen hat, weiß: „Wenn ich keine Vision habe, hilft mir auch der liebe Gott nicht.“ Der Unternehmer ist sich sicher, dass das Geschäft bald floriert: „Wenn wir Herbst haben, sind wir fein raus.“

Text: Ulrich Jonas
Foto: Mauricio Bustamante

Infos im Internet: mikrokreditfonds.gls.de oder www.nordhand.com

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