„Keine Lückenbüßer“

Die Leiterin des Hamburger Freiwilligen-Zentrums gibt Tipps für Engagierte

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

H&K: Das Freiwilligen-Zentrum wurde 1997 gegründet. Warum ist die Förderung ehrenamtlichen Engagements wichtig?

Glandorf-Strotmann: Wir wollen ein Klima, in dem alle Teile der Gesellschaft sagen: Ehrenamtliches Engagement gehört zu meinem Leben. Es sollte normal werden, sich zu engagieren, so wie es normal ist, seine Freizeit zu gestalten oder erwerbstätig zu sein.

H&K: Bei Ihnen melden sich ständig neue Menschen, die noch nie ein Ehrenamt bekleidet haben. Offenbar nimmt das Engagement zu. Warum?

Glandorf-Strotmann:Es gibt ein Bündel von unterschiedlichen Merkmalen. Ein Teil ist die Auflösung von traditionellen Netzwerken. Hier in Hamburg leben wir in einer Stadt mit 50 Prozent Singles! Als Mensch brauche ich menschliche Kontakte. Ehrenamtliches Engagement ist eine Form, Kontakte zu knüpfen und gleichzeitig etwas Sinnvolles zu tun.

H&K: Was raten Sie Menschen, die ins Freiwilligen-Zentrum kommen?

Glandorf-Strotmann: Wer sich engagieren will, muss sein Motiv, seine Interessengebiete kennen. Und er muss wissen, wie viel Zeit er zur Verfügung stellen möchte. Will ich mich auf den Weg machen, oder will ich mir ein Tätigkeitsfeld nach Hause holen? Will ich etwas in einer Gruppe machen oder einen Aufgabenbereich selbstständig übernehmen? Die Formen sind vielfältig. Außerdem muss freiwilliges Engagement in den Alltag hineinpassen.

H&K: Sie beraten auch Organisationen. Welche Tipps geben Sie?

Glandorf-Strotmann: Das Wichtigste ist, mit Freiwilligen arbeiten zu wollen. Dann: die Arbeit eines Ehrenamtlichen genau zu beschreiben. Wenn man ein Fest organisieren will und dafür Leute sucht, muss klar sein, welchen Teil der Ehrenamtliche übernehmen soll. Hier sind ganz klare Absprachen notwendig, um Unzufriedenheit auf beiden Seiten zu vermeiden. Der Organisation muss aber auch klar sein: Die Freiwilligen sind unsere Partner, wir arbeiten auf Augenhöhe miteinander. Innerhalb jeder Organisation sollte es daher so etwas geben wie eine Personalentwicklung für Freiwillige. Sie brauchen unbedingt einen Ansprechpartner. Und man muss eine gute Einführung bieten, damit die Freiwilligen wissen, an welchem Ziel sie mitwirken.

H&K: Wie bekommen Sie Leute dazu, sich für das Richtige zu bewerben? Gerade Menschen, die viel Gutes tun wollen, überfordern sich oft selbst.

Glandorf-Strotmann: Im Beratungsgespräch klären wir zuerst, welches Ziel jemand mit seinem Engagement verfolgt. Geht es um Kontakte, um Hilfe oder darum, etwas zurückzugeben? Da kann man relativ gut ermessen, wie viel Intensität jemand in das Engagement einbringt. Das Zweite ist, das Arbeitsfeld zu finden. Und da kennen wir uns aus. Wenn jemand sagt, ich würde gerne beim Krankenbesuchsdienst helfen, sagen wir: Von Ihnen wird dabei dies oder jenes erwartet. Mit den Organisationen, die mit uns zusammenarbeiten, ist obendrein eine „Schnupperphase“ vereinbart. Das heißt, es gibt nach kurzer Zeit zwischen dem Freiwilligen und der Organisation ein Gespräch. Danach ist klar: Ja, wir machen zusammen weiter oder nicht.

H&K: Gibt es Bereiche, für die sich das Ehrenamt nicht eignet?

Glandorf-Strotmann: Freiwillige kann man eigentlich überall beteiligen. Aber innerhalb einer Organisation gibt es unterschiedliche Ebenen, die unterschiedliche Kompetenzen brauchen. Da stellt sich die Frage, ob es Freiwillige gibt, die genau dieses Wissen oder die Verantwortungsbereitschaft mitbringen.

H&K: Werden heutzutage Ehrenamtliche vorgeschoben, um das Geld für Hauptamtliche zu sparen?

Glandorf-Strotmann: Wenn man so auf das Ehrenamt guckt, vergisst man zwei Dinge. Erstens: Ehrenamt zu fördern kostet Geld. Es kostet Personalstunden von hauptamtlichem Personal. Zweitens: Das eine ist nicht durch das andere zu ersetzen. Bei den Spardebatten wird viel zu wenig darüber nachgedacht: Welche Arbeit soll bezahlt sein, und welche kann freiwillig geleistet werden? Darüber führen wir keinen Diskurs. Stattdessen hören wir – auch von Verantwortlichen im sozialen Bereich: Ja, wenn wir das nicht mehr bezahlen können, dann sollen es doch Ehrenamtliche machen. Das ist die falsche Richtung.

Ehrenamtliche wollen auch gar keine Lückenbüßer sein! Sie zum Sparen zu benutzen, ist genauso falsch, wie immer nur nach öffentlichen Geldern zu fragen. Stattdessen sollten wir uns fragen, wie wir gemeinsam ein Problem lösen können – mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren. Wir müssen aufhören, in Konkurrenz zu denken, nach dem Motto: Wer etwas gegen Geld macht, macht es sowieso besser. Natürlich muss aber jeder genügend Geld haben, um leben zu können.

H&K: Wir haben derzeit 86.000 Arbeitslose in Hamburg. Ist es da nicht logisch, dass ein Ehrenamtlicher als Konkurrent für bezahlte Jobs angesehen wird?

Glandorf-Strotmann: Nein, sie können es auch anders sehen. Ehrenamtlichkeit hat Berufe geschaffen, zum Beispiel beim Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF). Der Vorstand führt den SKF ehrenamtlich, gleichzeitig gibt es hauptberuflich Mitarbeitende. Oder die Hilfe nach sexuellem Missbrauch. Das waren in den 80er-Jahren engagierte Frauen, die sich des Themas ehrenamtlich angenommen haben. Letztlich erhielten sie öffentliche Zuwendungen und konnten Berufliche einstellen, Frauenhäuser und Leitungsstellen aufbauen. Die Beruflichen müssen lernen, dass Ehrenamtliche eine ganz andere Kompetenz mitbringen. Und das ist nicht bedrohlich. Das kann eine Einrichtung weiter bringen.

H&K: Ein neues Zusammenspiel also?

Glandorf-Strotmann: Richtig. Wir müssen andere Modelle ausprobieren. Wie können wir neue Arbeitsfelder herstellen oder alte umstrukturieren? Zu sagen, wir haben soundso viele Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger, die sollen sich doch mal gemeinnützig engagieren, finde ich fatal. Ich muss die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden: Ja, ich will mich engagieren. Ehrenamt kann man nicht verordnen, aber sehr wohl ermöglichen.

Interview: Annette Woywode

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