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Kein Kurztrip, sondern eine lange Reise

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 165/November 2006

Die Thalia-Schauspieler Hartmut Schories, Daniel Hoevels und Sandra Flubacher leihen dem Hinz&Kunzt-Schreibwettbewerb ihre Stimmen

(aus Hinz&Kunzt 165/November 2006)

Am Anfang hängt da ein Zettel am Schwarzen Brett in einem der Gänge im Hinterhaus des Thalia Theaters. Gesucht wird ein Schauspieler, der Lust und Zeit hat, einige der prämierten Geschichten des Hinz&Kunzt-Schreibwettbewerbes vorzulesen. Bisher haben allein Mitglieder der Jury die Texte vorgetragen und manchmal auch einer der Preisträger. So gut er oder sie es eben konnten. Doch mittlerweile ist die Veranstaltung im Hause umgezogen: Aus der Teestube mit gut 40 Plätzen ging es aufwärts ins Mittelrangfoyer, wo schon 100 Zuhörer unterkommen können und bald dort auch sitzen. Die Sache wird langsam größer, bedeutsamer – und auch feierlicher. Hartmut Schories, für den die Saison 2000/2001 seine erste Spielzeit am Hause ist, zögert nicht: „Da hab ich mich gemeldet, und seitdem bin ich dabei geblieben.“ Nicht nur, weil er gerne Texte vorliest: „Ich war, wenn auch passiv, involviert.“ Seine Ex-Frau ist Chefredakteurin der Zeitung „Asphalt“, dem Gegenstück von Hinz&Kunzt in Hannover.

„Von daher waren mir die Sorgen und Nöte, aber auch die Chancen eines solchen Projektes gut vertraut.“ Bis heute sind es sieben Schreibwettbewerbe geworden, denen er seine Stimme lieh. Längst findet das auf der großen Bühne des Thalias statt.Bald aber gibt es einen kleinen Schönheitsfehler: Wie automatisch gewinnt immer eine der Geschichten den Publikumspreis, die Schories gelesen hat. „Einfach dadurch, dass ich fürs Vorlesen ausgebildet bin und die anderen nicht.“ Der nächste Schritt ist fällig, schon aus Gründen der Gerechtigkeit: „Man muss allen Geschichten doch die gleiche Chance geben.“

Da kommt Sandra Flubacher ins Spiel, ebenfalls Mitglied des Thalia-Ensembles. Sie sagt sofort „Ja“, als sie gefragt wird, „ob ich Hartmut unterstützen mag“. Nach der Lesung ist sie begeistert. So sehr, „dass ich gleich hingegangen bin, um zu sagen: Das nächste Mal möchte ich wieder mitmachen!“ Ist sie seit drei oder seit vier Jahren dabei? Na egal, „höchstbeglückend“ und „einfach toll“ findet sie den Schreibwettbewerb immer wieder. „Es erfüllt mich mit Stolz, denn da sitzen die Preisträger mit Ehefrau oder Ehemann, mit Freunden und Bekannten, und ich darf ihre Geschichte präsentieren.“Besonders schätzt sie die Atmosphäre der Lesung: „Da ist keiner, der den anderen in die Pfanne hauen will. Die Leute kommen, weil sie Geschichten hören wollen. Und diese Geschichten könnten vom Nachbarn sein; von der Bäckerin, wo man einkauft.“ Es ist dieses Ursprüngliche, was sie immer wieder fasziniert, und weit ist der Weg nicht zu ihrem eigenen Beruf: „Es ist die Grundlage unseres Berufes, Geschichten zu erzählen; Geschichten zu einem Zuhörer zu bringen.“

So wie sie Respekt hat vor der Form der Kurzgeschichte: „Du hast nur zwei, drei Seiten; du musst den Leser schnell auf die Schiene bringen. Und doch ist eine Kurzgeschichte nicht einfach ein Kurztrip, es ist eine richtige Reise, die man erleben soll.“ Keine einfache Sache. Sie kennt das, wenn sie sich abends für ihre Kinder Geschichten ausdenkt: „An dem einen Abend sitzt du da und weißt nach zehn Minuten nicht mehr weiter. Wie kam noch mal der König auf die Insel? Und beim nächsten Mal kannst du drei Stunden erzählen, hast du im Handumdrehen zehn Schlösser mit 20 Prinzessinnen bestückt und es wird womöglich ein richtig spannender Krimi.“ Auch das Vorlesen braucht jene Mischung aus Handwerk, Routine und manchmal Inspiration. Sandra Flubacher beschreibt es so: „Ich will die Geschichten ja nicht verfremden, sondern versuchen, sie zu verstehen und sie mit Betonungen und Pausen angereichert zu vermitteln.“

Hartmut Schories schätzt es entsprechend, wenn er seine Texte sehr früh bekommt, um sich mit viel Zeit vorzubereiten. Die Texte müssten sich setzen, ihm „immer mal wieder in den Kopf geistern“, damit er ihnen nach und nach auf die Spur kommt. Auch müsse man bedenken, dass es ein offener Schreibwettbewerb sei: „Die Geschichten sind ja komplett unbearbeitet. Die Autoren sind keine Profis; das ist nicht wie bei Heinrich Böll, wo jede Erzählung in sich einen Spannungsbogen hat.“ Was eben besonderes Engagement verlange: „Ich muss in den Geschichten ein wenig herumstochern. Was kann ich herauskitzeln?“ Und er sieht für sich eine echte Herausforderung: „Ich muss mich als Vorleser mit diesen Geschichten sogar mehr beschäftigen als mit einem Text, den etwa ein Lektor schon bearbeitet hat.“

Dritter im Bunde ist in diesem Jahr Daniel Hoevels, einer der jungen Schauspieler am Haus. Dass er gefragt wurde, liegt an einer der eingereichten Geschichten, bei der Juror Heinz-Werner Köster, zugleich Verwaltungsdirektor des Thalia Theaters, beim Lesen fortwährend eine junge Männerstimme im Ohr hatte. Er sah sich im Ensemble um, seine Wahl fiel auf Daniel Hoevels, der sofort zusagte. Nun sitzt er zwischen den beiden alten Hasen, hört zu, wie sie über den Schreibwettbewerb plaudern. Er ist lange genug in der Stadt, kennt Hinz&Kunzt gut, aber er kennt noch keinen der Texte, die ihm die Jury zum Vorlesen zuweisen wird. Eine Vermutung hat er: „Da dürfte viel Herzblut in den Geschichten stecken.“ Neugierig sei er, gespannt auf den Vormittag. Bald ist es ja soweit. Hartmut Schories sieht ihn kurz von der Seite an, nimmt einen letzten Schluck Kaffee und sagt wie nebenher: „Vielleicht bleibst du ja auch dabei!“ Möglich wäre das.

Frank Keil

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