Chin Meyer

„Jede Seele hat ihren Preis“

Beim Hinz&Kunzt-­Kabarett-Gipfel am Sonntag macht Chin Meyer Witze über alles, was mit Geld und dessen Krisen zu tun hat. Er ist Profiteur und Ankläger zugleich: ­Gern rechnet der Finanz­kabarettist mit den Methoden der Banker ab, er tritt aber auch vor ihnen auf.

Mit Bankern verbindet  Finanz-Kabarettist  Chin Meyer mehr, als ihm manchmal lieb ist.
Mit Bankern verbindet Finanz-Kabarettist Chin Meyer mehr, als ihm manchmal lieb ist.

Roter Teppich, viel güldenes Licht, luxuriöses Ambiente. Chin Meyer kommt uns in der Lobby eines Hamburger Fünfsternehotels freundlich lächelnd entgegen. Hier sieht er auffällig unauffällig aus, in Jeans mit einem ­bedruckten T-Shirt unter einem legeren Blazer, die Haare zerzaust. Wir wollen reden. Über seine nächsten Auftritte.

Heute Abend spielt er hier für eine Vermögensberatung mit Gästen in schicker Abendkleidung, am 11. Mai dann beim Hinz&Kunzt-Kabarett-Gipfel – einer Benefizveranstaltung. Sein Lieblingsthema: Geld und alles, was daran absurd ist, zum Beispiel Finanzprodukte. Der Mittfünfziger ist Finanz-Kabarettist, auch bekannt als der Steuerfahnder „Siegmund von Treiber“. Wir sitzen in einem der Konferenzräume des Hauses, an einem ovalen Edelholztisch, Notizblöcke mit dem Hotellogo liegen bereit – nicht für uns. Was hier an anderen Tagen besprochen wird, darüber lässt sich nur spekulieren.

Er lacht laut und herzlich, als er sich für seine Auftritte vor den „Großen“, unter anderem Banken, Versicherungen, Ölkonzerne und Fluggesellschaften, rechtfertigen soll: „Als Entertainer ist man zwar nicht käuflich, aber man kann gemietet werden. Ich trete für die Leute auf, die mich haben wollen, die sagen, wir möchten einfach gerne mal Spaß haben.“ Warum? „Weil ich denke, mit gut gelaunten Menschen kann man leichter die Gesellschaft verändern als mit miesepetrigen.“ Banker zum Beispiel seien so gesehen genau das richtige Publikum, „weil das Leute sind, die das hören müssen und nicht nur die, die sowieso schon meiner Meinung sind“. Es klopft. Eine gepflegt aussehende Dame in dunkelblauem Hosenanzug mit Namensschildchen am Revers serviert frisch gebrühten Cappuccino in weißen Tassen.

Finanzprodukte, sagt Meyer, sind letztlich pure Illusionen. „Es geht ja nur darum, Risiken neu zu verpacken und dann noch mal neu zu verpacken und dann wieder weiter zu verkaufen und dann noch mal auseinanderzupacken und wieder neu zusammenzusetzen und so weiter. Das ist ein bisschen wie Julklapp für Banker, und am Ende packt jemand das aus und denkt: ‚Hä? Da ist ja gar nichts drin!‘“ Meyer lacht.

Dass Menschen mit so etwas Geld verdienen,
findet er absurd. Weil Meyer die meisten Banker für sehr intelligente Menschen hält, glaubt er, dass auch sie gesellschaftliche ­Missstände wahrnehmen. „Die sind auch zerrissen zwischen Das-Richtige-Tun und Den-Bonus-Kriegen.“ Meyer und die Banker vereint dasselbe „Leiden“. Sein klares Statement: „Ich kann den Lockruf des Geldes verstehen, weil ich dem ja auch teilweise folge. Wenn mir jemand eine gute Gage bietet und sagt ‚Lass ein wenig Urlaub dafür sausen‘, dann fang ich auch an nachzudenken.“ Er versucht, Produkte von Firmen zu vermeiden, die in Deutschland keine Steuern zahlen, nennt als Beispiele Starbucks und Apple. Er schielt auf den Tisch, grinst. Da liegt sein iPhone.

Meyer ist ein Gestikulierer. Seine Hände unterstreichen was er sagt, auch wenn es um die Frage nach dem Verhökern der eigenen Seele geht. Wann wäre der Zeitpunkt erreicht, an dem er umdenken müsste? „Da habe ich mir, um ganz ehrlich zu sein, noch gar keine Gedanken darüber gemacht.“ Sagt dann: „Ich glaube, der Punkt ist erreicht, wenn der Veranstalter sagt: ‚Wir möchten, dass Sie dies und das so und das so sagen, und das oder das darf nicht kommen.‘“ Der Finanz-Kabarettist grübelt weiter. Es bleiben zwei Möglichkeiten: „Man müsste entweder sagen ‚Nö, so geht das nicht‘ oder die Gage müsste wirklich exorbitant hoch sein.“ Der Konferenzraum füllt sich mit hämischem Lachen: „Jede Seele hat einen Preis.“

Chin Meyer steht dazu, dass er sich in Versuchung führen lässt, weil er eben auch andere, harte Zeiten in seinem Leben kennengelernt hat. „Ich finde Geld gut, ich hatte lange Zeit keines, das fand ich nicht gut. Das schränkt die Beweglichkeit sehr ein.“ Seit seinem Abitur hatte der 54-Jährige viele Jobs ausprobiert: Taxifahrer, DJ, Koch, Masseur, Butler, Heilpraktiker und Roulettespieler war er auch.

Letzteres ist zwar kein Beruf, dennoch hat Meyer Geld damit verdient, damals in einer Hamburger Spielbank. Ungefähr zwei Monate ging das gut, er verdiente manchmal ein paar Hundert Mark. „Und dann irgendwann habe ich im großen Stil verloren und realisierte, dass das System, was ich hatte, auf Sand gebaut war – genau wie in der Finanzwelt – und ich keinen Bezug zur Realität hatte.“ Selbstironisches Lachen. Für Meyer aber entwickelte sich alles. Seit einem Engagement in einem Restauranttheater geht es bergauf. Das war im Jahr 2000. Seitdem erklärt er sein persönliches Prekariat für beendet. Und in zehn Jahren etwa, da sieht er sich auf Bühnen von Tausenderhallen. Das, so sagt Chin Meyer, wäre sein Wunsch. Vielleicht liegt seine Auftrittsquote für große Konzerne dann nicht mehr – wie jetzt – bei rund zehn Prozent, sondern eher bei null.

3. Hinz&Kunzt-Kabarett-Gipfel: Sonntag, 11.5., um 14.30 Uhr in Alma Hoppes Lustspielhaus; Benefizveranstaltung mit Chin Meyer, Michael & Jennifer Ehnert, Alma Hoppe, Kerim Pamuk, Felix Oliver Schepp. Durch den Abend führt Axel Pätz. Karten: 22 /18 Euro. Kartentelefon: 040 555 6 555 6. Oder: www.almahoppe.de

Text: Maike Plaggenborg
Foto: Mauricio Bustamante

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *