TV-Experiment

Judith Rakers obdachlos

Wie fühlt sich das an – kein Zuhause zu haben? Tagesschausprecherin und Hinz&Kunzt-Botschafterin Judith Rakers hat all ihren Mut zusammengenommen und diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht. 30 Stunden war sie auf Platte, schlief unter der Brücke. Die Dokumentation über ihr Experiment läuft am Freitag im NDR-Fernsehen.

Der Schlüssel zum Glück – noch hält Judith Rakers ihn in der Hand. Dann gibt sie ihn ab, wenn auch zögernd. „Es ist sicher besser so“, sagt sie, „sonst gerate ich noch in Versuchung.“ In Versuchung, nach Hause zu gehen: Es ist ihr Wohnungsschlüssel, auf den sie für einen Selbstversuch verzichtet. Ein Schlüssel, der Schutz und Geborgenheit bedeutet und der für die meisten eine Selbstverständlichkeit ist. Aber eben nicht für alle.

Hungrig, ausgelaugt und müde – so zieht Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers durch die Innenstadt. Nachts schläft sie mit anderen Obdachlosen unter  der Kersten-Miles- Brücke. „Da habe ich mich wenigstens ­sicher gefühlt“, ­erzählt sie.
Hungrig, ausgelaugt und müde – so zieht Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers durch die Innenstadt. Nachts schläft sie mit anderen Obdachlosen unter der Kersten-Miles-Brücke. „Da habe ich mich wenigstens ­sicher gefühlt“, ­erzählt sie.

„1300 Obdachlose gibt es in Hamburg“, sagt Judith ­Rakers. „Und die Dunkelziffer liegt noch viel höher.“ Die Tagesschau-Sprecherin sieht sie täglich, Menschen, die „Platte“ machen, Bettler. „Manchmal kostet es Überwindung, nicht achtlos vorbeizugehen“, gesteht sie. „Aber mir ist das Schicksal dieser Menschen nicht egal. Ich will hinschauen.“ Deshalb dieses Experiment: 30 Stunden lang führte ­Judith Rakers im Februar das Leben einer Obdachlosen. Ohne Wertsachen, ausgestattet mit Spenden von der Kleiderkammer, Isomatte und Schlafsack – unauffällig begleitet von einem Kamerateam. „Ich wollte nachspüren, was es heißt, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein“, sagt sie.

Schon lange engagiert sich Judith Rakers für Obdachlose, seit zwei Jahren ist sie Botschafterin von Hinz&Kunzt. „Ich habe mich oft gefragt, welche Gründe zu Obdachlosigkeit führen“, erklärt sie. „Und ob es jeden von uns treffen kann.“ Aber die bloße Suche nach Antworten reichte ihr nicht mehr. Schuld daran ist Gunni. Judith Rakers traf die 52-Jährige in einem Wohncontainerprojekt für obdachlose Frauen. Gunni erzählte, wie sie nach Gewalterfahrungen auf der Straße landete, wie ihr Gästezimmer von Männern angeboten wurden – gegen Sex. Aber sie sagte auch: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie es auf der Straße ist. Nicht, wenn du es nicht selber erlebt hast.“

Nun erlebt Judith Rakers es selber, erste Station ist die Kleiderkammer. „Schon da hatte ich ein mulmiges Gefühl.“ Sie gibt ihre persönliche Habe ab, aber nicht nur das: „Ich lasse sogar mein Gesicht hier“, sagt sie beim Abschminken.Ein Scherz, natürlich, aber auf der Straße fühlt sie sich wirklich unsichtbar. Sie hat Hunger und kein Geld, sucht nach Pfandflaschen, beginnt zu betteln. „Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hat mich jemand beachtet“, sagt sie. 3,50 Euro landen in ihrem Becher. „Da habe ich vor Rührung geheult.“ Berührend ist auch ihre Begegnung mit Alex, 46, die seit vielen Jahren Platte macht. „Du musst dich dichtkippen wie die Bekloppten, um das hier zu ertragen“, sagt sie knallhart. Und die wichtigste Regel für Frauen: „Immer jemanden an der Seite haben. Sonst bist du hilflos.“

Ein Croissant wird zum Luxus

Hilflos fühlt sich Judith Rakers am Abend, müde und ausgelaugt. Sie hatte auf ein Bett in der Übernachtungsstätte „Frauenzimmer“ gehofft, doch alle Plätze sind belegt: „Der Deal war, dass ich niemandem ein Bett wegnehme, der wirklich darauf angewiesen ist.“ Also wieder raus, in die Kälte. Unter der Kersten-Miles-Brücke trifft sie auf Ricky und ihre Truppe. Ricky will nicht erzählen, weshalb sie auf der Straße lebt. Aber sie und ihre Freunde nehmen Rakers in ihre Runde auf, bieten ihr einen Schlafplatz an, teilen Getränke und ­Lebensmittel. „Ihre Hilfsbereitschaft hat mich überwältigt“, so Judith Rakers. „Eigentlich sind sie ja selber auf Hilfe angewiesen.“ In der Nacht findet sie kaum Schlaf, es ist zu laut und zu hell. „Aber ich habe mich wenigstens sicher gefühlt.“

Letzte Station ist am nächsten Tag Hinz&Kunzt: Zusammen mit Hinz&Künztlerin Bea zieht sie los, um Zeitungen zu verkaufen. Wieder erlebt sie das Gefühl von Ausgeschlossenheit und Nichtbeachtung. „Ich habe Bea bewundert, die trotzdem immer gelächelt hat.“ Am Ende wird sie ein Exemplar los, von den 1,90 Euro gönnt sie sich ein Croissant: „Ein ­Luxus. Das ging nur, weil ich das Geld nicht mehr zusammenhalten musste.“ Endlich sind die 30 Stunden rum. Judith ­Rakers kehrt nach Hause zurück, freut sich, „zurück im eigenen Leben“ zu sein. „Krass“ sei ihr Rollentausch gewesen, „von dieser Erfahrung werde ich noch lange zehren.“ Vor allem eins habe ihr der Versuch gezeigt: „Dass Obdachlose höchsten Respekt verdienen. Respekt, Würde und Achtung.“

Text: Maren Albertsen
Fotos: NDR/Caroline Pellmann

Die Reportage „Schicksal obdachlos“ mit Judith Rakers läuft am Freitag, 6.12., um 21.15 Uhr im NDR Fernsehen. Der Film gehört zu einer Reihe von Berichten rund um das Engagement der norddeutschen Tafeln, die der NDR mit seiner Weihnachtsaktion in diesem Jahr unterstützt. Vom 2. bis 13. Dezember berichten die Radioprogramme, das NDR Fernsehen und das Online-Angebot. Höhepunkt der Aktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ ist der Spendentag am 13. Dezember mit großer Live-Show im NDR Fernsehen.

3 Kommentare zu “Judith Rakers obdachlos

  1. Nach Vor-Ankündigung im TV war ich schon gespannt auf den Bericht. Mit Obdachlosen in HH-City bin ich schon verschiedentlich umgegangen, manchmal habe ich Ihnen ein Croissant oder einen Burger gekauft, (anstelle Bargeld)- wenn ein Bäcker/Imbiss in der Nähe war. Allerdings muss ich zugeben, dass auch ich manchmal schweigend an bettelnden Obdachlosen vorübergegangen bin. Dieses werde ich jetzt ändern, nachdem ich durch den Bericht erfahren habe, dass es keine schöne Erfahrung ist, mit Nichtbeachtung auch noch bestraft zu werden. Da ich aber ungern Geld gebe, weil ich nicht möchte, dass es für Alkohol ausgegeben wird, werde ich nun jeweils fragen, ob ich dem jeweiligen Obdachlosen etwas zu Essen oder Trinken kaufen kann. Leider gab es in Hamburg manchmal auch „organisierte Bettlerbanden“ aus Osteuropäischen Ländern, die nur sehen wollen, wo die Geldbörse sitzt, um dann vom Komplizen bestohlen zu werden. Aber jetzt im Winter muss ich davon wahrscheinlich nicht ausgehen. Das Menschen Schlafsäcke anzünden wusste ich noch nicht und ich finde es absolut ungeheuerlich von diesen Menschen. Auch die Nachts hupende Autofahrer-Problematik kannte ich noch nicht. Hintz+Kunzt Verkäufern gebe ich öfter vor Discountern einfach so eine Geldspende, weil ich es gut finde, wenn man als Obdachloser noch in der Lage ist und selbst versucht, aus der Obdachlosigkeit wieder herauszukommen.

  2. Ich habe mir extra die Zeit genommen, um diesen Beitrag zu sehen !! Ich möchte es nicht zerreißen, weil Judith selbst erfahren möchte wie es ist, „obdachlos“ zu sein !! 30 Stunden, sind nicht viel, aber diese 30 Stunden wird sie wohl noch lange in sich tragen !! Es hat aber auch Haken gegeben in diesem Beitrag, die bitter aufstoßen !! Denn die Realität ist viel schlimmer, als diese 30 Stunden gezeigt haben !! Diese Zweckgemeinschaften, die dort entstehen, da mit niemand allein ist, das muß man bewundern !! Ich weiß wo von ich hier schreibe, denn wenn du von dieser Stadt untergebracht wirst, kannst du dir die Menschen nicht aus suchen, mit den du auf ein Zimmer aus kommen mußt !!
    Man hat mich gedemütigt, man hat mich mehr mals im Schlaf überfallen, und vieles mehr !! Da brauchst du irgend jemandem, mit dem du gut auskommst, sonst gehst du in der Wohnungslosigkeit unter !!

  3. Ich habe ein Buch geschrieben über meine Wohnungslosigkeit, ich habe ein Liedtext geschrieben, und ihn öffentlich gemacht !! Denn in der langen Zeit, hat es die Politik noch immer nicht geschafft, auf die Menschen ein zu gehen !!
    Da werden sie unmenschlich zusammen gevercht, da müssen sie auf dem Flur schlafen, oder auf Stühle !! Wenn denn der neue Tag beginnt, müssen alle die Räumlichkeiten um 9:00 Uhr verlassen haben !! Da hatten wir es in den Hotels besser gehabt, da mußte mann nicht bis 16 oder 17:00 Uhr herum laufen, oder sich draußen aufhalten, bis man wieder zurück durfte !! Das dies immer noch so ist, sehe ich als ein politisches Debakel an !! So geht man nicht mit Menschen um, da muß die Politik noch viel lernen !!

    Hier meine Videos als Aufarbeitung der jetzigen Politik:
    LINK 1:
    http://splashurl.com/ntk593r

    Link 2:
    http://splashurl.com/o5tw3cb

    In diesem Sinn, Erich Heeder – HINZ&KUNZT-Verkäufer seit März 1994

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *