Gedenkort

„Jede Frau ist bedeutend“

Ob bekannte Schauspielerin oder stille Kämpferin: Der „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof erinnert an außergewöhnliche Hamburgerinnen. Im Juli feiert der Verein den zwölften Geburtstag des grünen Gedenkortes.

(aus Hinz&Kunzt 245/Juli 2013)

Mehr als 100 Grabsteine auf 1000 Quadratmetern: „Es gibt  immer wieder Neues zu entdecken“, sagt Marion Eggers vom Verein  „Garten der Frauen“ – in diesem Monat sogar multimedial.
Mehr als 100 Grabsteine auf 1000 Quadratmetern: „Es gibt immer wieder Neues zu entdecken“, sagt Marion Eggers vom Verein „Garten der Frauen“ – in diesem Monat sogar multimedial.

Wasser plätschert, Vögel zwitschern und Rhododen­dronsträucher blühen in sattem Lila. Sonnige wie schattige Ecken gibt es, etwas ab vom Weg oder da, wo andere Besucher über den Kies schlendern. „Hier findet jeder seinen Platz, wo er entspannen kann“, sagt Marion Eggers, die gerade an ihrer Lieblingsstelle im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof steht: vor einer Bildhauerarbeit mit zwei Frauenkörpern, der eine mit nach oben geöffneten Händen, der andere gebeugt. „Dieser Wechsel zwischen Hoffnung und Verzweiflung“, sagt Marion Eggers, „das gefällt mir besonders.“ Als Mitglied des Vorstands des Vereins „Garten der Frauen“ kennt sie hier jeden Stein – und kommt doch immer wieder gerne her.

Ein Besuch lohnt sich am 7. Juli besonders: Dann liegen anlässlich der Feier zum zwölften Geburtstag des Gartens MP3-Player bereit, mit Tonaufnahmen von Hamburger Schauspielerinnen und Musikerinnen, die hier begraben sind. Außerdem werden Bilder von Werken der Malerinnen und bildenden Künstlerinnen gezeigt. „Vor den Grabsteinen der Frauen zu stehen und zu sehen und zu hören, was sie geleistet haben, bringt sie einem noch einmal näher“, ist Marion Eggers sich sicher.

Entstanden sind Verein und Garten der Frauen aus einem Projekt von Vereinsgründerin Rita Bake. Ende der 1990er-Jahre gab sie mit Brita Reimers das Buch „Stadt der toten Frauen“ (mittlerweile vergriffen) heraus – als Erinnerung an Frauen, die in Hamburg Geschichte mitgeschrieben haben. Dabei entdeckten die Autorinnen: Die handfeste Erinnerung an viele dieser Frauen ist gefährdet. Weil ihre Gräber nach 25 Jahren verschwinden, die historischen Grabsteine gehäckselt werden, wenn es keine Angehörigen oder Ini­tiativen gibt, die sich um sie bemühen. So kam es zur Eröffnung der Gartens der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof im Jahr 2001: Grabsteine, denen die Vernichtung drohte, wurden auf das Areal nahe des historischen Wasserturms umgesetzt. Hier stehen jetzt die Steine von Schauspielerin Anni Kalmar und Malerin Gretchen Wohlwill neben denen von Antonie Milberg, die als erste Lehrerin Turnspiele für Mädchen angeboten hat, und Kiez-Ikone Domenica Niehoff.

Prominenz ist zwar kein Kriterium für einen Platz auf dem Areal. „Wir finden: Jede Frau ist durch ihre Einzigartigkeit bedeutend.“ Aber für alle ist der Garten nicht groß genug, deswegen konzentrieren sich die Mitstreiter auf Hamburgerinnen, die sich als Politikerinnen, Künstlerinnen oder Kämpferinnen verdient gemacht haben. Dafür widmet der Verein seine jährliche Ausstellung im historischen Wasserturm in diesem Jahr neun verstorbenen Mitgliedern – ganz normalen Frauen, von der Sparkassenangestellten bis zur Domina, die eins gemeinsam haben: Sie verdienen es, dass man sich an sie erinnert.

Feier zum zwölften Geburtstag des Gartens der Frauen, So, 7.7., 14–17 Uhr, an der Cordesallee auf dem Ohlsdorfer Friedhof, Nähe Kapelle 10. Mit multimedialem Rundgang, Ausstellung „Dass ihr auch nicht eine fehlet“ im Wasserturm und Einweihung neuer historischer Grabsteine. Von Mai bis September öffnet der Verein sonntags, 14–17 Uhr, den Wasserturm. Weitere Infos und Führungstermine: www.garten-der-frauen.de

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