„Ja, auch das kann schmeck!“

Hannes Wienert verbindet auf „Schmeck-Abenden“ Lyrik, Musik und Kochkunst. Bei den Hamburger Lesetagen ist der Künstler live zu erleben

(aus Hinz&Kunzt 146/April 2005)

Womit sollen wir anfangen? Mit der Malerei, mit der Musik, dem Kochen oder dem Eishockey? Hannes Wienert sitzt da in seiner roten Seidenjacke, vor ihm dampft eine kleine Schale grüner Tee. Er greift sich eines der kleinen schmalen Bücher, die auf seinem Küchentisch in der Eimsbüttler Wohnung liegen, und liest erst einmal ein Gedicht vor:

„Seit welcher Zeit steht der Mond wohl schon im hellen Himmel oben/ ich stelle mein Weinglas hin und frage heute danach/ Menschen ver-mögen nicht auf den Mond hinaufzusteigen/ der Mond jedoch vermag mit ihnen zu zie-hen.“ Er klappt das Buch wieder zu und schaut uns an: Ist das nicht klasse? Einfache, poetische Sätze, geschrieben im China der Tang Periode, also etwa 700 nach Christus.

Was jetzt allerdings auf die falsche Spur führen könnte – von wegen Chinafreak und so. Für Hannes Wienert ist die chinesische Kultur mit ihren Kalligraphien und ihrer Dichtung zwar eine Quelle der Inspiration. Doch im Nu schlägt er einen großen Bogen von japanischen Haikus zur modernen Musik eines Charles Ives aus den 20er-Jahren, der zwei Orchester aufeinander zu marschieren ließ, sodass sich der Klang der beiden Konzerte vermischte und wieder trennte. Kurz verweilt er bei dem Komiker Karl Valentin und streift den Komponisten John Cage, bis es weitergeht zum wiederum japanischen Butoh-Tanz. „Warum soll man all diese Dinge voneinander trennen?“, fragt er immer wieder und macht deutlich, was ihn antreibt: Zu schauen, was die Künste verbindet und nicht, was sie trennt. Hannes Wienert sagt: „Ich kenne Maler, die hören furchtbare Musik, und ich kenne Musiker, die schauen sich grauenhafte Bilder an.“ Und das muss ja nicht sein.

Dass er einmal Künstler werden wird, war durchaus vorgezeichnet: Beide Eltern malten. Wienert studierte in Hamburg Bildende Kunst, stellte später Malerei aus. Doch von Beginn an gab es noch eine zweite, nicht minder flammende Leidenschaft: die Musik. Freie Musik, improvisierte Musik, die dem Zufall Platz lässt und bei der am Anfang oft nicht feststeht, wie das Ergebnis aussehen wird. Musik, die man folglich nie auf den Gute-Laune-Sendern unserer Stadt hören wird. Lange spielte er im legendären Vollmondorchester, der Begegnungs-stätte für Hamburger Musiker, die zwischen Jazz und improvisierter Musik pendeln. Er gehört zum Verein „Tonart“ und zum „H7 Club für improvisierte Musik“. Seine Instrumente: Saxofon, Trompete, Klarinette; er bläst in Schläuche, in Alphörner, in tibetanische Hörner – was immer sich eignet.

Auch kann man vieles essen, das – angeblich – nicht zusammengehört. Fisch und Kürbis und dazu Fleischwurst und Bananen. „Ich bin kein Koch“, sagt Hannes Wienert, „aber man kann aus allem etwas machen.“ Sein Interesse erwachte, als er mit einem japanischen Tänzer zusammenarbeitete. Zuweilen kochten sie nach einem Auftritt gemeinsam, manchmal kamen Besucher der Vorstellung dazu.

Bald sollten diese Abende eine Form erhalten und jeweils um ein Thema kreisen. Wie es dazu kam? Wienert hörte eines Abends bei einer Freundin eine Schallplatte mit dem Titel „Exotic Tahiti“. Ganz hübsch, dachte er, ging nach Hause und schaltete den Fernseher an. Was lief? „Meuterei auf der Bounty“ – mit Marlon Brando vor Palmen, dem südseeblauen Meer und blumengeschmückten Tänzerinnen. In einem Lexikon las Wienert dann, dass Tahiti zu den Gesellschaftsinseln gezählt wird. Gesellschaft! Das war’s! Eine Gesellschaft musste her. Und zusammen mit der Künstlerin Ragna Jürgensen konzipierte er die „Schmeck Abende“, bei denen es neben Essen eben Musik, Gespräche und Kunst zu erleben gibt.

Auch hier findet sich wieder eine kleine Geschichte, die erzählt, wie der Titel „Schmeck Abende“ entstand: Da kaufte Wienert in einem korea-nischen Lebensmittelgeschäft in Altona ein, stets verfolgt vom dreijäh-rigen Sohn der Inhaberin, der alles in Wienerts Einkaufskorb warf, was er greifen konnte. Begleitet von den Rufen seiner Mutter: „Ja, auch das kann schmeck!“ Das meiste sortierte der Künstler wieder in die Regale, aber der Name „Schmeck“ ließ ihn nicht mehr los. Mittlerweise hat es neben einem polynesischen unter anderem einen russischen, einen ar-gentinischen und einen dänischen „Schmeck Abend“ gegeben. Weitere werden folgen – als nächstes ein Abend für Hypochonder und die von ihnen geschätzten Krankheiten. Der Clou ist: Vor Publikum wird gekocht; dazu laufen Musik und Filme oder jemand erzählt kurz etwas über die Kultur der jeweiligen Region. So können die Stunden ins Land gehen.

Womit noch die Frage nach dem Eishockey offen ist. Denn ist es zeitlich machbar, steht Wienert bei den Spielen der Hamburg Freezers mit seiner Trompete im Publikum. Auch dies eine alte Leidenschaft, weshalb er sich fast ein wenig aufregt, dass plötzlich die halbe Welt zum Eishockey geht, als sei dieser Sport gerade erst erfunden. Wer weiß denn schon, dass der Eishockeyclub des HSV vor Jahrzehnten bereits in der zweiten Liga spielte? Oder dass man sich Ende der 60er-Jahre Eisho-ckey in den Wallanlagen anschaute?

Heute Abend ist er wieder unterwegs, nur geht es diesmal zum Hand-ball. Wienert ist als Fan-Trompeter regelrecht engagiert, wird bezahlt werden und kann so das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Die Eintrittskarte liegt auf dem kleinen Schränkchen neben der Haustür.

Frank Keil

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