Im Land der Väter

Der elfjährige Schwede Jonatan Wächter spielt die Hauptrolle in dem deutsch-skandinavischen Kinofilm „Simon“. Simon erfährt, dass seine wahren Eltern deutsche Juden sind und begibt sich auf Spurensuche. Das Gleiche machte übrigens Jonatans Vater. Auch seine Vorfahren waren deutsche Juden – und sie stammten aus Hamburg.

(aus Hinz&Kunzt 232/Juni 2012)

Zu Besuch in Hamburg, der Stadt seiner Vorfahren: Torkel S. Wächter mit seinem Sohn Jonatan. Der Elfjährige spielt die Hauptrolle im Kinofilm „Simon“ – an der Seite von Jan Josef Liefers.

Torkel S. Wächter ist stolz auf seinen Sohn. Zärtlich ruht sein Blick auf Jonatan, während dieser von den anstrengenden Dreharbeiten berichtet. Der Elfjährige spielt neben Jan Josef Liefers in dem jüdischen Familiendrama „Simon“ (siehe Infokasten), das jetzt in die Kinos kommt.

Der 50-jährige Schwede Torkel S. Wächter genießt seine Vaterrolle, und sie war es auch, die ihn zur Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte anregte. „Als ich Vater wurde, wollte ich meinen Kindern etwas aus der Vergangenheit ­erzählen können.“ Er wusste zwar, dass er aus einer deutsch-jüdischen Familie stammt, dass sein Vater und dessen Brüder aus ihrer Heimatstadt Hamburg fliehen mussten und seine Großeltern deportiert wurden. Aber Einzelheiten waren ihm nicht bekannt. „Ich wusste alles, aber nichts“, sagt Wächter.

Er wählt seine Worte sorgfältig. Er ist ein guter Erzähler. Sein Deutsch ist ausgezeichnet, obwohl er die Sprache erst vor einigen Jahren gelernt hat. Es ist ihm wichtig, sich genau auszudrücken, schließlich ist er Schriftsteller. Als junger Mann hat er als Model in Spanien gearbeitet, später war er viele Jahre Pilot und hat nebenbei Wirtschafts- und Entwicklungsgeschichte studiert. „Ich komme aus einer intellektuellen Familie, Pilot war da eine ungewöhnliche ­Berufswahl. Ich hatte wohl einen Bildungskomplex, das Einfachste war, ein Studium zu absolvieren. Das kam mir besser vor als zehn Jahre Therapie.“ Seit einigen Jahren ist er Autor und schreibt Artikel und Romane.

Das Verhältnis zu seinem Vater war immer gut, „aber nicht eng“, wie Torkel S. Wächter betont. „Ich liebte ihn, und ich weiß, dass er mich liebte. Es fiel ihm nur nicht leicht, das zu zeigen.“ Torkel S. Wächters Vater, den er unter dem Namen Michaël kannte, wollte vor allem nicht über die Vergangenheit sprechen. „Mein Vater ist immer wütend geworden, wenn wir die falschen Fragen gestellt haben.“

Auf der Durchreise im Urlaub kommt die Familie auch häufig durch Hamburg, aber der Vater schweigt zur Vergangenheit. „Als ich 20 war, waren wir für ein paar Tage gemeinsam in Hamburg. Wir haben viele Plätze besucht, über die er etwas hätte erzählen können, aber er hat nichts erzählt. Aber so ist das wohl in vielen deutschen Familien.“ 1983 stirbt Michaël Wächter. In seinem Nachlass findet Torkel S. Wächter vergilbte Unterlagen. Er rührt sie nicht an. Erst als 2000 sein Sohn Jonatan geboren wird, wendet er sich der Familiengeschichte zu. „Ich war 40 Jahre alt, als ich das erste Mal Fotos meiner Großeltern gesehen habe.“ Außer zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos findet er 32 Postkarten, adressiert an einen Walter Wächter. Viel mehr kann er nicht entziffern, denn er kann damals noch kein Deutsch und erst recht keine Sütterlinschrift lesen. Bei Recherchereisen nach Hamburg, beim Stöbern in Archiven und bei Gesprächen mit Zeitzeugen kann er die Tragödie seiner Familie Stück für Stück rekonstruieren. „Der Fund hat mein Leben verändert, war schmerzvoll, aber auch schön.“

Torkels Großvater Gustav Wächter, 1875 geboren, ist Beamter. 1901 heiratet er die sechs Jahre jüngere Minna Sonnenberg. Die beiden bekommen drei Söhne: John (geboren 1902), Max (1904) und Walter (1913), der sich später Michaël nennen wird. Die Familie führt ein zufriedenes bürgerliches ­Leben mit Hausmusik und Theateraufführungen. John, der Älteste, wird wie sein Vater Beamter, Max wird Schauspieler, Walter möchte studieren. Doch die Nationalsozialisten verändern das Leben der Hamburger Familie grundlegend.

Gustav wird denunziert und zwangspensioniert. Die Brüder Walter und John kommen in unterschiedliche Konzentrationslager und Gefängnisse (Fuhlsbüttel, Sachsenhausen, Lauerhof, Bremen Oslebshausen). „Klein-Jerusalem“ hieß der Trakt für die jüdischen Häftlinge in Fuhlsbüttel. Walter wird dort gefoltert, verliert die Zähne und hat später massive Rückenprobleme. Max kann 1938 nach Argentinien fliehen, John 1939 nach Brasilien. Walter/Michaël wird 1938 unter der Bedingung aus dem KZ entlassen, dass er Deutschland innerhalb von 14 Tagen verlässt. Er ist 25 Jahre alt. Ohne Visum kann er nur in ein Land ausreisen: Italien, mit dem Deutschland ein entsprechendes Abkommen hat.

Mithilfe der jüdischen Organisation Hechaluz versucht er, ein Visum für Palästina zu bekommen, aber er erhält nur die Einreiseerlaubnis für Schweden. Im November 1938, einen Tag nach der Reichspogromnacht, ist Walter ein letztes Mal in Hamburg und besucht seine Eltern, die mittlerweile in einer kleinen Wohnung im Scheideweg in Eppendorf leben. Dann reist er auf verschlungenen Pfaden nach Schweden, wo er als Landarbeiter und Knecht schwere Arbeit verrichtet. Dort legt er seinen Vornamen Walter ab und nennt sich Michaël.

Die einzige Möglichkeit für seine Familie, mit ihm Kontakt zu halten, waren Postkarten. 32 dieser Karten aus der Zeit von März 1940 bis Dezember 1941 hat Torkel S. Wächter im Nachlass seines Vaters Michaël gefunden. Dokumente, die vom Alltäglichen berichten und nur für Eingeweihte verständlich sein durften, um der Nazi-Zensur zu entgehen, denn Berichte über den Verlauf des Krieges und die Gräuel der Nazis waren verboten. „Heute Nachmittag sind wir bei Blumenthals eingeladen u. morgen kommt Familie Prall zu uns. Er war ja infolge einer Verstauchung des linken Armes 6 Wochen arbeitsunfähig“, steht auf der Postkarte vom 20. April 1940. Walter konnte sich bestimmt denken, dass die erwähnte Verstauchung die Folge einer Vernehmung durch die Nazis war. Und wenn sich seine Mutter Minna besorgt über Walters Zähne äußert, wissen ja alle Eingeweihten, dass sie über die Folgen des KZ-Aufenthalts in Fuhlsbüttel spricht. Am 6. Dezember 1941 schrieben Minna und Gustav ihre letzte Karte, direkt vor dem Transport in ein Konzentrationslager bei Riga.

Torkel S. Wächter hat die Postkarten sorgfältig studiert und alle familiären und wichtigen politischen Hintergründe dazu zusammengetragen. Daraus machte er eine Kunstaktion im Internet. „Meine Aufgabe ist es, die Postkarten selbst sprechen zu lassen, aber sie brauchen Kommentare.“ Auf www.32postkarten.com hat er den Schriftwechsel zwischen Hamburg und Stockholm veröffentlicht – immer auf den Tag genau 70 Jahre später. So hat Torkel S. Wächter seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. „Die Tür nach Deutschland war für meinen Vater und seine Familie geschlossen, aber wir können sie wieder öffnen. Es ist meine Aufgabe als Vater, Türen zu öffnen.“ Auch die Weigerung von Michaël/Walter, über die Vergangenheit zu sprechen, kann der Sohn mittlerweile verstehen. Schließlich schweigen viele über ihre Erlebnisse in Nazi-Deutschland. „Als Kind dachte ich, es sei Deutschland-Hass, aber heute sehe ich es als eine Geschichte der Liebe. Unbeantwortete Liebe. Die Geschichte zwischen Deutschen und Juden ist eine spezielle Beziehung; ich würde sagen, eine Liebesbeziehung, und da ist es nicht ungewöhnlich, dass einer der Liebenden mehr liebt als der andere.“

Die geöffnete Tür nach Deutschland hat die Familiengeschichte der Wächters grundlegend verändert. Torkel S. Wächter hat außer der schwedischen jetzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Seine Kinder besuchen die deutsche Schule in Stockholm. Die drei älteren sind regelmäßig in Hamburg. Torkel hat nicht nur seinen Frieden mit Michaël/Walter geschlossen, sondern mit einer ganzen Nation. „Ich habe mich früher oft über Deutsche aufgeregt. Ich hatte den vermeintlichen Hass meines Vaters geerbt. Das war nicht konstruktiv. Ich bin froh, dass es vorbei ist.“

Text: Sybille Arendt
Foto: Mauricio Bustamante

Der Film: Simon (Jonatan Wächter) lebt mit seinen Eltern, liebevollen, einfachen Menschen, bei Göteborg. Oft hat der Junge das Gefühl, anders zu sein: Sein Vater Erik ist Arbeiter, er selbst interessiert sich mehr für Bücher. Simon freundet sich mit Isaak an, Sohn eines ­reichen Buchhändlers (Jan Josef Liefers), der mit seiner Familie vor den Nazis nach Schweden geflohen ist. Erst als junger Mann erfährt Simon, dass er adoptiert wurde. Eigentlich ist er der Sohn eines ­jüdischen Musikers. Seine Adoptiveltern verschwiegen ihm seine wahre Herkunft, um ihn vor dem Judenhass zu schützen. Nach dem Zweiten Weltkrieg reist Simon auf der Suche nach seinem Ursprung ins Land seiner Herkunft. Eine Reise, die ihn auch zu den Grundfragen des Lebens führt. Als Vorlage diente der gleichnamige Roman der schwedischen Bestsellerautorin Marianne Fredriksson aus dem Jahr 1985. Regie: Lisa Ohlin, Drehbuch: Marnie Blok, Darsteller: ­Bill Skarsgård, Helen Sjöholm, Jan Josef Liefers, Stefan Gödicke, ­Katharina Schüttler – und Jonatan Wächter.  Ab 28. Juni im Kino.

 

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