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„Ich will trocken bleiben“

30. Januar 2012 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 228/Februar 2012

Holger B. (44) verkauft Hinz&Kunzt am Glockengießerwall vor dem Hauptbahnhof.
(aus Hinz&Kunzt 228/Februar 2012)

Holger hofft, dass er weiterhin trocken bleiben kann. (Foto: Mauricio Bustamante)

„Ich bin jetzt seit über einem Jahr komplett dröge“, sagt Holger. „Und da bin ich stolz drauf.“ Holger meint selbstverständlich nicht, dass er ein langweiliger Typ ist, sondern dass er seit einem Jahr nicht mehr trinkt. Da er im ostfriesischen Upschört aufgewachsen ist, ist Plattdeutsch die Muttersprache des 44- Jährigen. „Ich musste damals, als ich eingeschult wurde, erst Hochdeutsch lernen“, sagt er.

An seine Kindheit denkt Holger gerne zurück. Sein Vater hatte eine erfolgreiche Heizungsfirma, Holger und seine Geschwister verreisten schon als Kinder nach Asien, Australien und in die USA. „Wir mussten auf nichts verzichten“, sagt Holger. Nach der Schule lernt er im Betrieb seines Vaters Heizungsbauer sowie Gas- und Wasserinstallateur. Beim Vater zu lernen ist nicht immer einfach. „Der Sohn vom Chef muss alles können“, sagt Holger. „Und die Kollegen denken immer, man erzählt zu Hause alles.“ Auch deshalb geht Holger nach der Lehre zur Bundeswehr, wo er sich für acht Jahre verpflichtet. Mittlerweile ist er verheiratet und hat drei Kinder.

Mitte der 90er-Jahre verlässt Holger die Bundeswehr und zieht mit seiner Familie nach Frankfurt am Main. Eines Abends, als Holger verfrüht von Montage wiederkommt, wird er Zeuge, wie seine Frau ihn mit seinem ältesten Freund betrügt. „Mir wurde das Herz rausgerissen“, sagt Holger. „Und ich bin streng erzogen worden – Verzeihen gibt es nicht.“ Die Ehe wird geschieden, Holger will weit weg und landet 2000 in Hamburg.

Hier kommt Holger erst einmal in einem Männerwohnheim unter und verkauft einige Zeit Hinz&Kunzt. Dann aber findet er einen Job und eine Wohnung in Wilhelmsburg. Er nimmt sogar wieder Kontakt zu seinen Kindern auf. Trotzdem fängt er an zu trinken, um seine Probleme zu betäuben. Bald trinkt er jeden Abend. „Zwei bis drei Flaschen Rum“, sagt Holger.

Erst als er eine neue Freundin findet, kriegt er sein Alkoholproblem kurzzeitig in den Griff – bis die Beziehung 2010 in die Brüche geht und seine Mutter stirbt. Holger sinkt noch tiefer, verliert seine Arbeit und seine Wohnung. „Ich wusste: Wenn ich draußen schlafe, überlebe ich das maximal ein halbes Jahr“, sagt Holger. Deshalb nimmt er allen Mut zusammen und begibt sich in Therapie. Jetzt lebt Holger in einer Nachsorge-Einrichtung und will von vorne beginnen. „Ich will trocken bleiben“, sagt er. „Ich will noch was aus meinem Leben machen.“

HINZ&KUNZT: Wer oder was imponiert dir?
HOLGER: Johannes Heesters. Weil der mit über 100 Jahren noch genug Kraft hatte, um auf der Bühne zu stehen. Diese Energie! Da habe ich Respekt vor.

H&K: Was macht dich traurig?
HOLGER: Dass ich alles in den Sand gesetzt und meine schöne Wohnung verloren ha- be. Aber das war meine eigene Dummheit.

H&K: Wie möchtest du in fünf Jahren leben?
HOLGER: Ich würde gerne eine Umschulung machen, einen festen Job und eine eigene Wohnung finden. Das ist mein Ziel.

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

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