„Ich will in Hamburg bleiben“

Marcis (30) verkauft seit Oktober Hinz&Kunzt in der Grindelallee.

(aus Hinz&Kunzt 227/Januar 2012)

Marcis ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Der 30-Jährige berichtet so spannend aus seinem Leben, dass man beinahe vergisst, dass der Held der Geschichte direkt vor einem sitzt. Nur manchmal, wenn er an die traurigen Stellen kommt, sieht man ihm an, dass das Erzählen wehtut. Dann winkt er mit den Händen ab. „Wie auch immer“, sagt er dann.

Die Wendepunkte in Marcis’ Leben hingen oft mit einer fixen Idee zusammen. Er ist in Kekava aufgewachsen, einem Vorort der lettischen Hauptstadt Riga. Mit zwei Geschwistern, ohne Vater. Mit 13 fällt ihm die Musikzeitschrift „Rolling Stone“ in die Hände, mit einem Bericht über die Punk-Band „Dead Kennedys“. „Irgendwie hat mich das berührt“, sagt er. „Und dann hab mir einen Irokesenschnitt machen lassen.“ Die Direktorin seiner Schule duldet aber keine Punks und wirft ihn von der Schule.
Marcis landet in einer Abendschule, in der viele Jugendliche mit Problemen sind. Dort kommt er mit Drogen in Kontakt, mit 16 probiert er Heroin. „Beim ersten Mal hat es mir gefallen, dann wollte ich ein zweites Mal“, sagt er. Zwei Jahre lang ist er abhängig. Einmal klaut er im Drogenrausch ein Auto und baut einen Unfall – und muss für zweieinhalb Jahre in den Knast. „Das war hart“, sagt er gequält. Mehr will er nicht erzählen.

Als Marcis
wieder draußen ist, trifft er seine Jugendliebe Liga wieder, die inzwischen ein Kind hat. Sie ziehen zusammen, Marcis findet Arbeit, ein Jahr lang geht alles gut. Dann wird Liga erneut schwanger. „Drei Wochen lang haben wir Familienpläne geschmiedet“, sagt Marcis. Doch eines Abends erzählt Liga ihm, dass sie das Kind abgetrieben hat. Wortlos verlässt Marcis die Wohnung. Er fängt an zu trinken: „Ich stand schon morgens mit einer Flasche Wodka auf.“

Und dann kommt wieder so eine fixe Idee: Marcis will nach Paris. Mit ein paar Euro in der Tasche macht er sich auf den Weg. Er trampt nach Paris und reist ein Jahr lang quer durch Europa. Zurück in Riga zieht er wieder mit Liga zusammen. „Das ist eben eine Liebe fürs Leben“, sagt Marcis. Doch zuletzt findet er immer schlechter Arbeit – und hat die fixe Idee, nach Deutschland zu gehen. „Deutsch habe ich ja in der Schule gelernt“, sagt er. Jetzt sucht er eine feste Arbeit. Und er hat schon die nächste fixe Idee im Kopf: „Wenn ich einen Job und eine Wohnung habe, kommt Liga ja vielleicht nach. Ich will in Hamburg bleiben.“

Text: Hanning Voigts
Foto: Kathrin Brunnhofer

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