Schauspieler Jörg Schüttauf

„Ich will die Leute zum Lachen bringen!“

Am Altonaer Theater gibt Jörg Schüttauf den Allan aus dem ­Erfolgsroman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Ein Gespräch über kleine Waldgeister, einen Sack Weizen und Ersatzteile für einen Škoda 100.

(aus Hinz&Kunzt 250/Dezember 2013)

Einen widerborstigen Alten spielt Jörg Schüttauf in der Bühnenadaption von ­Jonas Jonassons Bestseller. Das Buch hat  er ­allerdings noch nicht zu Ende gelesen.
Einen widerborstigen Alten spielt Jörg Schüttauf in der Bühnenadaption von ­Jonas Jonassons Bestseller. Das Buch hat er ­allerdings noch nicht zu Ende gelesen.

Es muss an der Bühne liegen. An der Magie, die sie ausstrahlt. An der Atmosphäre, die entsteht, wenn der Vorhang zur Seite gezogen ist, die Scheinwerfer strahlen und das Spiel beginnen kann. Jörg Schüttauf kommt durch den noch leeren Zuschauersaal des Altoner Theaters geschlendert; er hat es nicht allzu eilig, er wirkt fast ein bisschen gelangweilt. Aber dann nimmt er die Stufen hoch zur Bühne, stellt sich genau in die Mitte, schaut auf die Reihen mit den roten Plüschsitzen, wo in gut anderthalb Stunden das Publikum sitzen wird, und es ist, als verwandle er sich. „Voll ist es; jedes Mal“, sagt er mit lauter, klarer Stimme. „Aber ich weiß nicht, was die Leute denken, wenn sie uns da rumhampeln sehen.“ Er geht einen Schritt nach vorn: „Ja, sie lachen viel. Aber sie könnten mehr lachen.“ Er streckt den Brustkorb vor und sagt mit donnernder Stimme: „Aber dann muss es besser gearbeitet sein!“

Er setzt sich auf den Bühnenrand, holt ein Taschentuch hervor, schneuzt sich die Nase, steckt dann das Taschentuch weg. Entschuldigt sich, er sei mordsmäßig erkältet. Er flachst: „Können wir mich vielleicht so fotografieren, dass man sieht, wie verschnupft ich bin?“

Es ist die Geschichte eines eben Hundertjährigen, der an seinem Geburtstag lieber einen ordentlichen Schnaps statt Kaffee zur klebrigen Geburtstagstorte trinken möchte.

Jörg Schüttauf spielt den Allan Karlsson, Held des schwedischen Erfolgsromans „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Es ist die Geschichte eines eben Hundertjährigen, der an seinem Geburtstag lieber einen ordentlichen Schnaps statt Kaffee zur klebrigen Geburtstagstorte trinken möchte und der auf der Flucht aus dem Altenheim diverse Abenteuer erlebt. Seit zwei Jahren steht das Buch von Jonas Jonasson bei uns ununterbrochen oben auf den Bestsellerlisten.

Eigentlich wollte Jörg Schüttauf mit diesem Buch nur auf eine Lesetournee gehen. Aber dann erfuhr er über Umwege davon, dass man am Altonaer Theater gerade die Bühnenrechte er­worben hatte. Ein Hamburger Bekannter vermittelte den Kontakt. „Ich hatte zwar keine Ahnung, wie die das machen wollten“, sagt Schüttauf, „aber ich kann mich da immer ganz gut auf mich verlassen, weil ich ein ganz, ganz Toller bin. Und weil mir immer was einfällt – selbst in der kürzesten Zeit.“

Gerade mal drei Wochen dauerten die Proben: „Wir haben, ohne lange zu überlegen, den Text probiert, haben das Bühnenbild aufgebaut und umgebaut und abgebaut – die Fassung jetzt hat drei Stunden.“ Die erste Fassung war noch doppelt so lang.

Schüttauf macht erstmal eine Lehre als Tischler und wird „Kulissenschieber“.

Geboren wird Jörg Schüttauf im Jahr 1961. Er wächst in Chemnitz auf, das damals noch Karl-Marx-Stadt heißt. „Mit sechs Jahren bin ich nach der Schule zum Pionierpalast bei uns um die Ecke gegangen und habe vorgesprochen“, erzählt er. Zuvor hatte er mit seiner Mutter eine Operette angeschaut: „Die Fledermaus.“ Das sei ganz lustig gewesen, auch dank der flotten Melo­dien, aber so richtig begeistert ihn die Figur des Gerichtsdieners: „Der musste nicht singen, der konnte Faxen machen, der hatte die Lacher auf seiner Seite, und das wollte ich auch: dass die Leute da unten sitzen und ich sie zum Lachen bringe.“ Er spricht vor, wird genommen und gleich zu den Größeren geschickt, die zehn Jahre älter sind: „Von da ab ­habe ich die kleinen Steppkes in den Weihnachtsmärchen gespielt, die kleinen Waldgeister.“

Nach der Zehnten verlässt er die Schule. Macht eine Lehre als Tischler, wird „Kulissenschieber“, wie er sagt. Absolviert seinen Dienst in der Nationalen Volksarmee. Dann geht es weiter zur Schauspielschule nach Leipzig, lückenlos wird er anschließend am Theater in Potsdam engagiert.

Nebenher fängt er an zu drehen: Zunächst sind es kleine Rollen für den „Polizeiruf 110“, eine Krimiserie im DDR-Fernsehen, mit der die Obrigkeit ihren sozialistischen Bürgern vermitteln wollte, dass man sich weder vom Klassenfeind im Westen noch von gelegent­lichen kleinbürgerlichen Charakterschwächen zu strafbaren Handlungen hinreißen lassen sollte. „Es gab da noch eine zweite Krimiserie, in der ich mitspielen durfte“, sagt Schüttauf und er gluckst, er lacht in sich hinein, er lacht laut auf und man ahnt, dass jetzt eine Geschichte kommt: „Die Serie hieß ,Der Staatsanwalt hat das Wort‘. Da hat der Generalstaatsanwalt der DDR, so ein Honecker in Klein, vorher immer den Leuten gesagt, wie sie diesen Film zu betrachten hätten. Mit so einem erhobenen Zeigefinger!“

„Das Theater in der DDR, das war ein goldener Käfig.

In einer der Folgen spielt Schüttauf einen Bauern, der bei der LPG, für die er arbeitet, dann und wann einen Sack Weizen mitgehen lässt – für die Schweine, die er sich privat hält. „Bei der LPG, wo wir die Folge gedreht haben, haben die Bauern zu mir gesagt: ,Nimm doch keinen Sack, dat fällt doch uff. Nimm doch den ganzen Hänger!‘ Das wurde auch nicht leise geflüstert, nee. Da wurde laut gesagt: ,Ja, bist du denn bescheuert? Was willst du denn mit zwei Säcken, die sind doch nach zwei Wochen alle!‘ Darüber haben wir einen Film gemacht, ich hab mich kaputtgelacht. Und am Ende stand er wieder da, der Generalstaats­anwalt, und hat gesagt, dass dieser Mensch, den ich da nachspielen durfte, mit drei Jahren Haft bestraft wurde.“ Jörg Schüttauf lacht, holt tief Luft, schneuzt sich die Nase, sagt dann wieder gefasst: „Das war die DDR.“

Überhaupt die DDR: „Das Theater in der DDR, das war ein goldener Käfig. Wir Schauspieler durften alles machen“, erzählt er. „Okay – wir durften jetzt nicht von der Bühne runterbrüllen ,Honecker ist doof!‘ oder so. Aber alles, was man zwischen den Zeilen sagte oder was man laut dachte, das wurde verstanden, und deswegen war unser Saal immer voll, bei jeder Vorstellung, egal was. Das Theater war der einzige Ort in diesem Land, wo Wahrheiten gedacht wurden.“

Draußen, in der Wirklichkeit, war es weniger entspannt. „Ich hab das gehasst, dass du nur was bekommen hast, wenn du jemanden kanntest; wenn du Beziehungen hattest“, sagt er. „Ich hatte mit 24 Jahren einen Škoda 100. Das war in der DDR nicht üblich, dass man mit 24 Jahren schon ein Auto besaß. Jedenfalls: Dieses Auto ging manchmal kaputt. Und dann brauchtest du eine Werkstatt. Und du wusstest: Es gibt Ersatzteile, aber ich kriege sie nicht. Weil ich den aus der Werkstatt nicht kenne! Und dann hast du da in der Schlange gestanden, und dann hat der dich wie so ein Stück nasses Klopapier weitergewunken. Und wenn du dann was sagtest, wenn du fragtest, ob du jetzt was vortanzen oder vorsingen sollst, dann hieß es: ,Mensch hau ab, mach hier keinen Ärger.‘ Und zu dem hinter dir: ,Mensch Fritz, komm rinn! Was willste? Nen Kotflügel S 100? Na, dann komm mal mit. Wie geht’s der Heidi?‘ Und du stehst da und könntest … So war det.“ Er schüttelt den Kopf, er schweigt für einen Moment, er murmelt: „Mann, was hat mich das angekotzt!“

Bekanntlich war es im November 1989 damit vorbei. Schüttauf wechselt ans Theater nach Berlin, er bekommt im bald gesamtdeutschen Fernsehen die nächsten Rollen, er dreht fürs Kino. Von 1992 bis 1996 ist er im ARD-Vorabendprogramm „Der Fahnder“ – in 49 Folgen. Dem ganz großen Fernsehpublikum wird er ab 2002 als Frankfurter „Tatort“-Kommissar an der Seite von Andrea Sawatzki bekannt. Nach acht Jahren hat er die Nase davon voll, immer nur den aufbrausenden, verhaltensgestörten Ermittler zu spielen. „Fragen Sie bitte Herrn Schüttauf nicht, warum er mit dem Tatort aufgehört hat – die Frage kann er nicht mehr hören, da kriegt er so einen Hals“, hatte der Pressesprecher des Altonaer Theaters gewarnt. Wie gut, dass wir ihn das gar nicht im Detail fragen wollten.

„Ich würde auch den Tierarzt spielen oder meinetwegen die schöne Frau – Hauptsache, ich hab was zu spielen.“

Lieber plaudern wir noch mal über den Hundertjährigen. Er sagt: „Das Stück ist ganz lustig, aber das ist nun kein Tschechow oder so.“ Er macht auch keinen Hehl daraus, dass er den Roman selbst bisher noch nicht zu Ende gelesen hat. Viel wichtiger ist ihm das Spielen: „Theater ist das Lebendigere. Vor allem, wenn du mit einer gewissen Konzentration spielst, dann wirst du direkt belohnt: von einem Lachen, von einer Stille. Das alles hast du beim Film nicht.“ Er sagt: „Natürlich ist eine Hauptrolle schön, aber ich hätte auch den Tierarzt in dem Stück gespielt oder meinetwegen die schöne Frau – Hauptsache, ich hab was zu spielen.“

Also macht es ihm einen Mordsspaß, in die Rolle des 100-jährigen Allan zu schlüpfen und mit ihm durch das vergangene Jahrhundert zu ziehen, die Kollegen seien prima und die Vorstellungen so gut wie ausverkauft. Und wie ist das Hamburger Publikum? „Alt“, sagt er. „Nett“, schiebt er sofort hinterher. „Sehr diszipliniert“, lobt er. Und das Publikum würde auch nicht sagen, wenn ihm das Stück nicht gefiele. In Berlin wäre das ganz anders: „In Berlin gibt’s immer mindestens einen pro Vorstellung, der aufsteht und geht und dabei ruft ,Wat is det für ’nen Mist hier!‘; das machen die Hamburger natürlich nicht.“

Er setzt sich in seine Garderobe, nimmt sich sein Textheft vor, das übersät ist mit Anmerkungen und Anstreichungen, lutscht ein Hustenbonbon. Eine gute Stunde noch, dann geht er wieder raus auf die Bühne, vor sich ein Publikum, das sich darauf freut, dass es gleich lustig wird. „Mensch, da sind wir ja richtig ins Quatschen gekommen“, sagt er noch. Und dann: „War ein inte­ressantes Gespräch – machen Sie was draus.“

Text: Frank Keil
Foto: Dmitrij Leltschuk

Jörg Schüttauf ist noch bis zum 26.12. als 100-Jähriger im Altonaer Theater zu sehen, Museumstraße 17, Uhrzeiten und Preise ­unter www.altonaer-theater.de, ­Kartentelefon: 39 90 58 70

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