Hinz&Künztler

„Ich war das schwarze Schaf von Hinz&Kunzt“

Richard Edel verkaufte jahrelang Hinz&Kunzt. Immer wieder verstieß der Drogenabhängige gegen unsere Verkaufsregeln, immer bekam er eine neue Chance – bis wir ihm auf Lebenszeit seinen Verkäuferausweis abnehmen mussten. Heute ist Richard clean – und fest im Job.

(aus Hinz&Kunzt 249/November 2013)

Im Knast machte er den Gabelstaplerschein. Heute ist Richard Ausbilder bei der Hanseatischen Bauregie – und rechte Hand des Chefs.
Im Knast machte er den Gabelstaplerschein. Heute ist Richard Ausbilder bei der Hanseatischen Bauregie – und rechte Hand des Chefs.

Richard zupft sein Hemd zurecht. Er möchte gut aussehen auf dem Foto. Prüfend lässt der zierliche Mittvierziger die Augen über die Halle mit dem Gabelstapler schweifen. Auch sein Arbeitsplatz soll tipptopp aussehen.

Dafür ist er als rechte Hand des Geschäftsführers und Ausbilder bei der Hanseatischen Bauregie verantwortlich. „Das kann ich manchmal selbst kaum glauben!“, sagt Richard.
Kein Wunder, schließlich hat er auf der Straße gelebt und war drogenabhängig. Insgesamt sechs Jahre hat Richard Edel wegen Scheckbetrug, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und Schwarzfahren im Gefängnis verbracht. Viele Jahre lang hat Richard Hinz&Kunzt verkauft. Dabei war er wenig zimperlich. „Die meiste Zeit habe ich mich nicht an die Regeln gehalten und auch da verkauft, wo ich nicht durfte. Ich musste unbedingt Geld verdienen, um die Drogen zu finanzieren.“

Das merkte man ihm auch an: „Man konnte schon sehen, dass ich auf der Straße lebte und drauf war.“ Sein Verkäuferausweis wurde ihm immer wieder weg-
genommen, schließlich musste er ihn ganz abgeben – auf Lebenszeit.

„Ich war das schwarze Schaf von Hinz&Kunzt.“ Das kann man heute kaum glauben. Richard ist ausgeglichen und wortgewandt. Die Augen hinter der Brille sind voller Schalk, und er erzählt seine Geschichte ohne Verbitterung.

Richard wurde als Sohn deutscher Auswanderer in Südafrika geboren. Die Mutter verlässt die Familie kurz nach seiner Geburt. Richard sieht sie nicht wieder. Er hat ihr diesen Schritt nie verziehen und deshalb nie nach ihr gesucht. Mit dem acht Monate alten Baby kehrt der Vater nach Hamburg zurück. Er nimmt seinen Beruf als Seemann wieder auf und überlässt seinen kleinen Sohn der Oma.

Richard ist ein braver, engagierter Schüler.

Richard braucht Jahre, um das zu verarbeiten. „Erst mit 32 Jahren, aus dem Knast heraus, habe ich wieder Kontakt zu meinem leiblichen Vater aufgenommen und mich mit ihm ausgesöhnt.“ Bei seiner Oma fühlt Richard sich gut aufgehoben. „Aber als ich fünf war, lernte sie einen Mann kennen und wollte ihm mehr Zeit widmen können.“ Da Freunde der Familie sich ein Kind wünschen, aber keine bekommen können, adoptieren sie ihn.

Richard bekommt einen neuen Nachnamen und ein neues Zuhause. „Es begann ein Leben, wie ich es nicht kannte, ein richtiges Familienleben. Ich war glücklich.“ Den Edels fehlt es finanziell an nichts. Sie kaufen ein Haus in Wilhelmsburg. Richard ist ein braver, engagierter Schüler: Klassensprecher, Schulsprecher, Volleyballtrainer, Schieds­richter. Am Wochenende wird gesegelt. Ein Idyll.

Nach der elften Klasse verlässt Richard das Gymnasium und geht für vier Jahre zur Marine. „Wasser habe ich schon immer geliebt.“ Danach jobbt er und macht sich als Kurierfahrer selbstständig. Sein Leben verläuft noch immer in ruhigen Bahnen. Dann verliebt sich Richard. Als seine Freundin ihn mit seinem besten Freund betrügt, kann Richard das nicht verkraften. Er stürzt total ab. „Das war das einzige Mal in meinem Leben, wo ich ernsthaft an Selbstmord gedacht habe.“

Er lernt Leute kennen, die Drogen nehmen.

Er zieht sich monatelang zurück, arbeitet nur noch, starrt Löcher an die Wand. Schließlich zieht er bei einem Freund ein. Seine Eltern unterstützen ihn. Sie kaufen ihm eine kleine Wohnung in Eimsbüttel und leasen einen Wagen für seinen Kurierjob. Richard ist jetzt Mitte zwanzig, gelegentlich trinkt er Bier, aber nie, wenn er Auto fährt. Nur ein Mal: Mit 2,1 Promille fährt Richard den Wagen zu Schrott und verliert seinen Führerschein. Er schämt sich, will wieder neu anfangen.

Mit 28 Jahren beginnt er eine Elektrikerlehre, bricht sie aber ab. „Ich war noch seelisch zu angegriffen von der Trennung und nicht glücklich in der Lehre.“ Er lernt Leute kennen, die Drogen nehmen. „Kokain gab es ohne Ende. Ich konnte nicht widerstehen, gerade weil es mir so schlecht ging.“ Richard wird schnell ­abhängig von Kokain und bald auch von Heroin. Das Geld dafür besorgt er sich – so wie seine neuen Bekannten – mit Scheck­kartenbetrug.

Die Eltern haben langsam die Nase voll und schmeißen ihn aus der Wohnung. Richard wohnt mal hier, mal dort, weiß nicht wohin und landet schließlich auf der Straße. Er verkauft Hinz&Kunzt. Es folgt ein jahrelanger Reigen aus Heroin- und Kokainkonsum und Gefängnisstrafen wegen Schwarzfahren, nicht gezahlter Geldstrafen und Drogenbesitz, Entlassung auf Bewährung, Verstoß gegen Bewährungsauflagen, wieder Knast. Dort kommt er wieder zur Besinnung. „Das Gefängnis war für mich immer eine Pause vom Drogenkonsum und vom Leben auf der Straße.“

„Ich habe lange gebraucht, um einzusehen, dass ich Hilfe brauche.“

Dennoch dauert es 17 Jahre, bis Richard sich während einer Haftstrafe zu einer Entgiftung und Therapie entschließt. „Ich habe lange gebraucht, um einzusehen, dass ich Hilfe brauche.“ Innerhalb der zehnmonatigen Therapie ist auch ein Praktikum vorgesehen. Richard erinnert sich an den sympathischen Mann, der ihm während eines Gabelstaplerkurses im Gefängnis Hilfe bei der Suche nach ­einem Praktikumsplatz anbot. „Es war der 22. Mai 2012, als mein Praktikum begann“, sagt er. Wie bei allen wichtigen Tagen in seinem Leben weiß er auch bei diesem das genaue Datum. „Ein Glücksfall“, findet er: Aus dem Praktikum wurde eine feste Anstellung.

Nach acht Monaten kündigt sein Vorgesetzter. Richard muss plötzlich den Betrieb am Laufen halten: Ausbildung, Büroorganisation, Anträge schreiben. „Am Anfang brauchte ich ewig für eine harmlose Excel-Tabelle, jetzt schüttele ich das aus dem Ärmel.“ Richard ist stolz darauf, es geschafft zu haben: Er hat einen Job, ein Zimmer und Pläne für die Zukunft. „Mir wurde geholfen, jetzt möchte ich anderen helfen. Zum Beispiel, indem ich ihre beruflichen Chancen durch den Gabelstaplerschein verbessere.“ Aber ihm ist klar, dass er aufpassen muss: „Ich weiß, dass ich immer drogensüchtig und damit rückfallgefährdet bleibe.“

Text: Sybille Arendt
Foto: Mauricio Bustamante

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