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Ich schreibe, was ich nicht malen kann

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 165/November 2006

Drei Hinz&Künztler erzählen, warum sie Geschichten und Gedichte verfassen

(aus Hinz&Kunzt 165/November 2006)

Drei Hinz&Kunzt-Verkäufer als Literaten: Andreas O.s Geschichte gehört zu den besten Einsendungen beim aktuellen Schreibwettbewerb. Erich Heeder ist seit Beginn Jury-Mitglied. Steffi Neils arbeitet mit Gedichten ihre Drogenvergangenheit auf – und bedankt sich gleichzeitig bei ihren Kunden.


Andreas O. (30): „Schreiben ist ein günstiger Zeitvertreib“

Ich bin Legastheniker. Aber wenn man etwas nicht kann, dann will man es gerade machen. Also schreibe ich. Außerdem hilft das Rechtschreibprogramm auf meinem Computer. Ich merke mir ziemlich viele unnütze Sachen, die so passieren – aus denen kann man dann Geschichten machen. Wenn ich mir weniger verrückte Sachen merken könnte und dafür mehr Sachen, die einen Sinn haben, würde ich mein Leben wohl besser auf die Reihe bekommen. Dass ich beim Schreibwettbewerb mitgemacht habe, war eher Zufall. Ich hatte die Anzeige in der Hinz&Kunzt gesehen, hatte den Tag nichts vor – und bin wirklich erstaunt, dass ich als Legastheniker unter die Lieblingsgeschichten komme.Denn eigentlich schreibe ich eher Science-Fiction-Geschichten. Da ist es mir wichtig, dass alle Details stimmen – also dass es gewisse Erfindungen tatsächlich geben könnte. Dass alles aufeinander abgestimmt ist. Geschichten schreiben ist ein günstiger Zeitvertreib – alles andere, was ich gerne machen würde, wäre zu teuer. Außerdem arbeite ich an einem Brettspiel. Es soll ein Rollenspiel werden über den Kampf Gut gegen Böse. Ist viel Arbeit, man muss sich die Hintergrundgeschichte ausdenken,

die Spielregeln, den Spielplan zeichnen. Eigentlich mache ich das nur aus Rache. Ein Mädchen, in das ich verliebt war, hat mal zu mir gesagt, dass sie nicht mit mir zusammen sein will, weil ihr Freund mindestens 1500 Euro im Monat verdienen muss. Und die habe ich natürlich nicht. Na ja, und wenn mir irgendwer das Brettspielkonzept abkauft, lade ich sie ein. Dann darf sie mal für 1500 Euro shoppen gehen – und danach sag ich ihr tschüs.

Andreas O.s Kurzgeschichte:

Große Freiheit!

Die große Freiheit was ist das, in einer Stadt wie Hamburg? Hörte ich drei ältere Herren eifrig diskutieren, der eine sagte Skat ohne die Olen Weiber spielen, und kippt sich einen Korn den Rachen hinunter, und was sagst du dazu Fidel? Ja schon recht Hein! Nu, sag mal, erwiderte Hein. Keine Ahnung, und macht eine kleine Pause, na gut mal nachdenken, noch mal mit meinen alten Käfer um die Welt, aber ohne dass ich tanken muss, denn dafür reicht die schmale Rente nicht!

Kalle, der sich gerade eine Zigarette anmachte, zog noch einmal kräftig an ihr und fragte, wie Du hast ein Käfer?

Jo, mit den fuhr ich und meine Anke, Gott hab sie selig, durch Südfrankreich. War ne schöne Zeit, die wir da hatten, und nahm einen Schluck aus seinem Bierglas.

Wisst Ihr, meine Anke suchte immer einen Mann, der ihr die ganze Welt zeigt, wie die jungen Dinger nun mal so sind. Ja und!

Lass mal, Hein, das kriegen wir schon gewahr, erst mol ne Runde Korn, und schaut mit drei erhobenen Finger den Wirt an.

Sollt ihr haben, mein Jungs! Und zaubert eine halbvolle Pulle aus dem Kühlschrank. Es war eine von diesen Kneipen, in der die Gläser nicht gleich verschwunden waren, bevor man den Inhalt überhaupt leeren konnte.

Verrauchte gelbe Wände mit lauter Zeitungsartikeln und alten Kaffeedosen, die von der Decke hinunterhingen, und die Fenster waren vom Nikotin beschlagen.

So, drei Korn geht aufs Haus!

Jetzt wurde es laut an meinen Nachbartisch, die Alten waren in ihrem Element: Korn gratis, das machte Laune.

Danke Michel, aber du trinkst einen mit!

Er tat zögernd, aber meiner Meinung nach hatte er sich genau diese Reaktion erhofft. Prost!

Ja Prost! Mit dir kann man Schweine waschen, ne Michi, stellte Fidel in den Raum.

Schweine waschen, ich gestehe die Alten verstanden, mich zu unterhalten, und das, ohne mich überhaupt zu registrieren. Nun brannte Kalle darauf, der Geschichte von Fidel und dem Käfer weiter zu lauschen, und sprach mir aus der Seele.

So, Jung, und du nimm mal deine Latschen von der Bank, ja dich meine ich, sagte Hein und schaute mich vorwurfsvoll an. Ich fühlte mich ertappt, obwohl ich erst jetzt, wo ich darauf angesprochen wurde, merkte, wo meine Beine endeten. Ich zog meine Beine von der Bank und brachte mein Bedauern zum Ausdruck.

Nun mal nicht so steif, aber das gehört sich nicht! Fidel entspannte diese Situation, indem er weiter erzählte, stundenlang, von den kleinen Pausen für den Korn mal abgesehen, und ohne das Glitzern der Begeisterung in seinen Augen zu verlieren.

Alles im allem schien diese Anke wohl wirklich eine Frau zum Verlieben zu sein. Oder zeigte der Korn, den mir die Alten pausenlos nachschenkten, langsam seine Wirkung? Ich wankte schon beim Weg zum Pinkelbecken, aber dachte auch nicht im Traum daran, diese Kneipe zu verlassen. Mir wurde im Laufe des Abends immer schummriger, bis mir die Augen zufielen, und ich gratis, noch einige Zeit mit einem diesem, ich kam nicht drauf aber alles drehte sich.

Ich wurde erst Stunden später wieder wach, aber wo war ich? Nein! Ich war im Käfer von Fidel, und Kalle haute mir mit einem Stock, gegen mein Knie.

Bist du wach, Jung, fragte er, und die anderen lachten, als sich mein Körper wieder zu regen begann. Ich schrak auf, denn jetzt fielen mir die Mengen an Korn wieder ein, die sie weggesoffen hatten.

Seid Ihr verrückt? Ich will aussteigen, jetzt sofort!

Gestern machtest du aber einen netteren Eindruck und sagtest, du könnest dir auch eine Reise im Käfer vorstellen, zischte Kalle.

Wir halten nicht an, damit das klar ist, waren sich die drei einig und Kalle stößt in diesen Moment mir seinen Stock noch mal in die Rippen. Jetzt wurde mir ganz anders zumute, ich war im fahrenden Käfer neben drei Psychopathen gefangen. Ich glaubte nie an Gott, aber jetzt wurde es an der Zeit, damit anzufangen, denn Sie tranken selbst jetzt noch ihren Korn weiter. Es war ein Alptraum, auch wenn sich Fidel als trinkfest erwies und das Geschehen auf der Strasse bis auf kleinere Patzer im Griff hatte.

Warum die ganze Welt bereisen, denn Hamburg ist doch auch wunderschön bemerkte Hein. Wir sahen den Hafen, den Kietz und selbst nach Blankenese reisten wir.

So, Jungs, jetzt will ich meiner Anke noch Hallo sagen, gab Fidel in einen leicht verheulten Ton von sich.

30 Minuten später waren wir am Öjendorfer Friedhof, und der Wagen kam zum stehen. Die drei stiegen aus, ohne etwas zu sagen, und ich weiß nicht warum, aber ich folgte ihnen. Nach etwa zehn Minuten standen wir vor einem dieser so zahlreichen Grabsteine, und Fidel kniete sich nieder, weinte bitterlich, selbst ich war in Versuchung, aus einen mir nicht bekannten Grund mitzuweinen. In meinen Hals ein Kloß von erdrückender Schwere, riss ich mich zusammen. Kalle machte dieser Situation ein Ende, indem er seinem Freund wieder auf die Beine half. Hein eilte mit einem Taschentuch herbei, und ich fühlte mich so fehl am Platz und beschloss zu gehen.

Halt Jung sagte Fidel und wand sich zu mir, bis Ja doch in Ordnung! Zwinkerte mir zu und warf mir seine Käferschlüssel zu. Die Papiere sind im Handschuhfach, es ist jetzt Deiner! Wie meiner, fragte ich, nicht verstehend, was gerade passiert.

Es ist deiner und jetzt keine Widerrede mehr, hast du mich verstanden?

Und was ist mit Euch, fragte ich, verunsichert durch diese Wendung.

Wir fahren mit den Bus heim, wir sind zu alt für solche Touren, und ließen mich stehen.

Ich stand noch einige Zeit unbewegt an meinen Fleck und schaute den Alten nach, die langsam, aber doch bestimmend sich von mir wegbewegten. So etwas hatte ich noch nie erlebt, und ich habe ein Auto, nein einen dunkelblauen Käfer mit Bretzelfenstern!

Ich setzte mich hinters Steuer und schmiss den Motor an, der zufrieden summte. Ich fuhr zur nächsten Autobahnabfahrt, wo ich eine Anhalterin sah und beschloss, sie mitzunehmen.

Hallo ich bin Andy und du?

Das Mädchen schaute etwas skeptisch, beschloss dann aber doch, mir zu antworten. Ich bin Anke und möchte die ganze Welt sehen!

Dann steige ein, ich zeige sie Dir!

Erich Heeder (54): „Zwölfeinhalb Jahre gespart, um mein erstes Buch herauszugeben“

Ich schreibe, was ich nicht malen kann. Wenn ein Thema leicht zu visualisieren ist, mache ich ein Gemälde da-raus. Themen, die sich schriftlich leichter transportieren lassen, bringe ich in Textform. Vor allem Politisches. Ein Buch habe ich inzwischen veröffentlicht, es heißt „wohnungslos …!?“. Es ist meine Geschichte, ich erzähle, was es bedeutet, in Hamburg ohne Wohnung zu sein. Fertig geschrieben habe ich sie schon vor mehr als zehn Jahren. Nur leider wollte sie kein Verlag drucken. Jetzt habe ich das Buch im Selbstverlag herausgegeben – ich hatte ja zwölfeinhalb Jahre Zeit, darauf zu sparen. Und ich habe schon mehr als 100 Stück verkauft.Ich schreibe aber nicht nur politische Sachen.

Einmal habe ich mit meinen beiden Töchtern ein Märchen geschrieben, da waren die beiden zwölf und 15 Jahre alt. Es handelt von einem Mann, der in einem Traumland herumwandert. Beim Schreibwettbewerb konnte ich leider nie mitmachen – weil ich in der Jury sitze. Immerhin habe ich die Idee für den Wettbewerb vor zehn Jahren entwickelt: Ich fand es wichtig, dass es eine Zeitschrift gibt, die auch die Texte von ganz normalen Hamburgern veröffentlicht – ganz demokratisch. Ich arbeite schon an meinem nächsten Buch: Da geht es um die Korrespondenz zwischen mir und dem Senat. Als im Stadtteil aktiver Bürger habe ich immer wieder alle Sorgen und Nöte an den Senat geschrieben. Beispielsweise über die Schließung der Bücherhallen. Insgesamt an die 100 Briefe. Einige Antworten habe ich leider nicht mehr – weil ich wütend war, dass meine Bemühungen keine anständigen

Antworten bekommen.

WOHNUNGSLOS …!? von Erich Heeder, Books on Demand 2006, ISBN 3-8334-4879-2, 7,80 Euro.

Das erste Kapitel aus Erich Heeders Buch:

Wenn Gedanken schreiben könnten, würden die Worte nur so auf das Papier fließen. Da diese Gedanken über mich sind, können sie nicht so schnell geschrieben werden, wie sie fließen! Dieses Denken muss geordnet werden wie eine Tabelle, aber wo setze ich Prioritäten, was steht bei mir an vorderster Stelle? In meinem Kopf muss erst einmal Ordnung herrschen, und der innere Druck muss von mir weichen. Die Probleme, die mich betreffen, sind folgende: Der Konflikt mit meinem Vater, meine Scheidung, und die Bedrohung meiner Person in der Konfrontation mit hoch aggressiven Jugendlichen, die mich am liebsten umgebracht hätten. Das alles hat in meiner Seele Spuren hinterlassen! Besonders die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit meinem Vater und letztendlich die seltsame Entscheidung meiner Frau, sich scheiden zu lassen. Sie hat zu mir gesagt, sie könne ohne mich besser leben, das muss ich dann wohl so akzeptieren, ob ich möchte oder nicht! Dass mich diese Akzeptanz wohnungslos machen könnte, hätte ich nie gedacht, das hat in mir bis zum heutigen Tag tiefe Furchen hinterlassen.

Diese geschriebenen Gedanken drücken aus, was ich nach dem Wegfall der familiären Bindung empfunden habe. Diese Empfindung ist das, was ich spüre, aber es ist auch das, was ich Tag für Tag erlebe. Meine Bodenständigkeit zum alltäglichen Leben im Stadtteil als Stadtteilkünstler hat eine Lebenserfahrung gebracht, die mein Innerstes nicht greifen kann. Da ich diese Gedanken kaum selbst aufarbeiten kann, werde ich sie für euch aufschreiben. Damit ich sie auch selbst nachlesen kann, sonst werde ich nie begreifen, was mit mir passiert ist. Für mich ist dies alles schwer nachvollziehbar, obwohl ich es selbst erlebt habe! Da ich diese Gedanken nicht mit mir her umschleppen möchte, bringe ich eben das Erlebte aufs Papier. Dies schreibe ich nicht nur für mich alleine, es wird für alle öffentlich gemacht.

Damit alle erfahren, wie Behörden und Ämter mit uns umgehen. Denn in dieser Stadt leben sechstausend Menschen ohne einen festen Wohnsitz, und viele möchten sich gerne äußern, sie können das aber nicht, oder anders gesagt, sie möchten es nicht mehr! Es gibt einige, die sehr verbittert sind und andere, die genau wissen, was sie wollen. Aber in dieser Stadt haben die Ärmsten der Armen keine Lobby, und das ist schlimm genug. Hier fehlt einfach eine Anlaufstelle für tägliche oder wöchentliche Probleme. Denn es kann doch nicht angehen, dass wir in dieser Stadt (unserem Staat) keine Menschenrechte haben? Meiner Meinung nach ist das ein Fall für die Kommission der Menschenrechte. Vorausgesetzt, dass sie für solche Angelegenheiten überhaupt zuständig ist.

Denn es kommt nicht darauf an, wer wir sind, es kommt darauf an, dass wir unterstützt werden! Es spielt auch keine Rolle, dass ich das aufschreibe, ich tue es einfach, weil ich wachrütteln möchte! Ob mir das überhaupt gelingt, weiß ich leider nicht, aber ihr könnt es mir ja mitteilen. Wer außer mir selbst hat schon so viel Idealismus, das aufs Papier zu bringen? Unter euch ist bestimmt niemand, der oder die das für mich tun würde, da gehört schon eine Menge Selbstbewusstsein dazu, und das hab’ ich schon immer besessen. Ich habe so viel Tritte in meine Seele bekommen, dass ich aufgehört habe, sie zu zählen. Diese Tritte tun verdammt weh, und warum sollte ich hinter euch herlaufen, wenn ihr mir fremd wäret? Vertrauen entsteht nicht von alleine, aber wer vertraut hier wem? Vielleicht sind meine Erwartungen ja zu hoch gesteckt. So, vermute ich, zerbrechen die meisten Freundschaften. Denn jede/r hat hohe Anforderungen an seine Freunde und Freundinnen, und so etwas können Freundschaften kaum aushalten!

Ich weiß, was ich mir schuldig bin, und habe genug Vertrauen zu mir selbst, wer außer mir vertraut hier noch wem? Vertrauen entsteht nicht von heute auf morgen, das weiß ich selbst, aber immer noch besser, als sich niemandem anzuvertrauen. Wenn ich nicht genau wüsste, wovon ich hier schreibe, dann lebte ich wohl auf dem falschen Planeten! Der seelische Absturz in mir ist zwar schon lange her, aber die Erinnerung daran hielten mich davon ab, wieder zu fallen. Meinem ehemaligen Freund verdanke ich, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt! Aber es kann auf Dauer ganz schön hart werden, sich selbst zu schützen! Doch ich kann nicht ewig unter solchen Umständen leiden, denn so etwas hinterlässt Spuren. Immer krank zu sein, macht keinen Spaß, und ich habe im Moment genug seelische und körperliche Probleme. Blicke ich vom heutigen Tag an bis in meine Kindheit zurück, heißt das: sechzehn Jahre lang leiden müssen! Und ich werde wohl unter der Gleichgültigkeit der Gesellschaft weiterhin leiden. Es waren einfach zu viele Jahre, trotzdem kann ich mich kaum daran erinnern, einmal richtig traurig gewesen zu sein! Das habe ich wohl in meiner Kindheit und Jugend verloren? Aber irgendwie muss ich es wieder lernen, denn lange halte ich diesen Zustand nicht mehr aus. Aber ihr braucht keine Angst zu haben, ich werde schon nicht von der Köhlbrandbrücke springen. Dazu ist mir mein Leben viel zu kostbar!

Was haben wir unter meinem Vater erdulden müssen, denn der war ein ziemlich harter Brocken. Gegen ihn kam niemand in unserer Familie an, was er sagte, war Gesetz! Wir bekamen Prügel, mit und ohne Grund, das war völlig egal. Ich kam mir manchmal vor wie ein Leibeigener, wir mussten Kohlen schleppen, Holz hacken, Jauche fahren und vieles mehr! Da gab es keine Widerworte, es musste das gemacht werden, was befohlen wurde!

Als wir aber etwas älter wurden, glänzten meine Brüder und ich durch Abwesenheit nach den Hausaufgaben. Diese Zeit hat mich stark geprägt, und sie geht in mir nie verloren. In meiner Jugend habe ich mir geschworen, nie so zu werden wie mein verstorbener Vater! Diesen Schwur konnte ich bis zum heutigen Tag halten und werde alles daran setzen, ihn auch in Zukunft zu halten. Sechzehn Jahre Auseinandersetzung haben in mir aber Spuren hinterlassen, positive wie negative: Die Abwesenheit von Zuhause war einfach eine tolle Zeit, wir trieben uns in den Wäldern und Mooren herum. Bloß das Nach-Hause-Gehen war nie einfach, denn wir wussten, was uns erwartete! Doch jahrelang waren wir mit unseren Freunden zusammen, und der Umkreis von mehr als sechzehn Kilometern gehörte uns! Wenn ich heute darüber nachdenke, was wir so alles angestellt haben, wird mir ganz anders. Der Zusammenhalt in der Gemeinschaft war für uns wichtig in dieser Zeit, denn die guten Erfahrungen überwiegen. Was wir damals erfuhren,haben wir von unserem Vater nie bekommen. Je älter, desto selbstbewusster wurde ich.

Aber die Höhen und Tiefen des Lebens sollten erst noch auf mich zukommen, denn die Ereignisse überschlugen sich mit der Zeit. Mit sieben Jahren wurde ich erst eingeschult, denn ich war ein Spätentwickler. Als ich etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt war, erfuhr ich von meiner Mutter, wieso. Sie erzählte mir, dass ich im Krabbelalter dem Tod zweimal von der Schippe gesprungen war! Das hatte sie mir deshalb so lange verschwiegen, um mich vor dieser Tatsache zu schützen! Was ich in diesem Alter auch verstand. Als ich dann zur Schule kam, habe ich geheult, es war alles anders, als ich geglaubt hatte. Denn Ende der 1950er- bis Mitte der 1960er-Jahre herrschte in den Schulen noch die Prügelstrafe! Es gab kaum einen Unterschied zwischen dem Zuhause und der Schule. Heutzutage kann sich das kein Jugendlicher mehr vorstellen, obwohl einige zu Hause auch gezüchtigt werden! Jede Form von Brutalität wird von meiner Person abgelehnt, denn sie richtet mehr Schaden an, als sie nutzt, wenn hier überhaupt von Nutzen gesprochen werden kann. Ich weiß, wovon ich schreibe, wie noch zu lesen sein wird. Es ist nur schade, dass ich eure Gesichter nicht sehen kann!

Steffi Neils: „Zu Weihnachten schreib ich Engelsgedichte für Kunden“

Ich habe einen ganzen Karton voller handschriftlicher Gedichte – etwa 300 Stück. Die gebe ich jetzt nach und nach in den Computer ein, um dann schöne Ausdrucke machen zu können. Den gebrauchten Computer hat mir ein Stammkunde geschenkt. Zu Weihnachten schreibe ich immer Gedichte für meine Kunden auf Karten. Ich nenne sie meine „Engelsgedichte“. Weil mich meine Kunden vor dem Leben auf der Straße gerettet haben – wie Schutzengel.

Aber ich verarbeite in meinen Gedichten auch viele Erlebnisse aus meiner Drogenzeit. Ich war viele Jahre lang abhängig, habe am Hauptbahnhof geschlafen. Bin in St. Georg anschaffen gegangen. Viele Freunde aus dieser Zeit sind gestorben. Und die Erinnerung an den Entzug: Das fühlt sich an, als würdest du innerlich erfrieren. Meine Texte erinnern mich daran, dass ich immer, mein ganzes Leben lang, abhängig sein werde. Und immer gegen den Rückfall ankämpfen muss. Alles muss aus meinem Kopf raus. Aufs Papier oder in meinen Computer. Ich brauche das Schreiben, um meinen Kopf leer zu machen. Sonst habe ich zu viel Druck in mir – und das ist gefährlich.

Ein Gedicht von Steffi:

Drogen 6

Die Angst klappert durchs Zimmer

bringt Kälte mit

Eingekreist und zugeeist

verschließt sich die Seele

verkriecht sich am äußersten Rand

Der Schmerz krümmt sich an der Wand

Rauschen von Schwingen

hinter der Stirn

Stimmen und Flimmern im Gehirn

Regenbogen im Spiegel

Dahinter steingrau mein Gesicht

Der erlösende Druck

Im Spiegel explodiert mein Kopf

Es riecht nach angebrannten Zopf

Die Kerze hat das Haar versengt

Die Nadel hängt noch in der Vene

Die Wärme kommt

bringt Leben mit

Die Droge wirkt

und mit ihr stirbt

die Hoffnung

Ich fürchte mich täglich mehr vor mir

Wenn ich meine Träume verliere

mein Lachen einfriere

meine Wut stranguliere

meine Angst mit Drogen voll stopfe

mir den Mund zuklebe

mir das Lachen verbiete

meine Hoffnung erschlage

mich nicht mehr ertrage

in eine Zwangsjacke stecke

und langsam verrecke

dann ist meine Seele

längst vor mir gestorben.

Guten Tag, liebe Fee,

du zauberst Glück?

Dann zauber mir bitte mein Leben zurück

und die Droge raus aus mir,

liebe Fee, ich danke dir.

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