Hinz&Künztler

„Ich hatte solches Heimweh“

Heimkinder haben in den Nachkriegsjahrzehnten oft ein bitteres Schicksal erlitten: Sie wurden eingesperrt, gequält, mussten ohne Lohn arbeiten. Hinz&Künztler Günter war eines von ihnen. Kann es dafür eine angemessene Entschädigung geben?

(aus Hinz&Kunzt 249/November 2013)

Immer wieder versuchte  Günter, aus dem Heim  abzuhauen. „Ich hab einfach nicht begriffen, dass meine Mutter mich nicht haben wollte“, sagt er.
Immer wieder versuchte
Günter, aus dem Heim
abzuhauen. „Ich hab einfach nicht begriffen, dass meine Mutter mich nicht haben wollte“, sagt er.

Er hätte sich so gerne hinters Lenkrad gesetzt. Wäre einfach mal losgebraust, über Landstraßen und Autobahnen. Hinz&Künztler Günter ist als eines von geschätzten 600.000 ehemaligen Heimkindern für das erlittene Leid finanziell entschädigt worden. „Der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg möchte Ihnen gegenüber offiziell zum Ausdruck bringen, dass er das Ihnen zugefügte Unrecht zutiefst bedauert“, so stand es in einem Schreiben, das Günter von der Sozialbehörde erhielt. Am Ende wurden ihm für die Jahre, in denen er als Jugendlicher nachmittags arbeiten musste, die Rentenbeiträge nachgezahlt, und es gab eine allgemeine Entschädigung, von der er einen Führerschein und einen gebrauchten Wagen finanzieren wollte.

Doch nach sieben Fahrstunden erlitt er einen Herzinfarkt. Er hat ihn gut überstanden, aber so fit wie vorher ist er nicht. Besonders die Augen wollen manchmal nicht so ganz. „Ich könnte den Schein noch machen, aber dann wäre ich eine Gefahr für die Menschheit, und das will ich nicht“, sagt der heute 66-Jährige.

Höflichkeit, Freundlichkeit, Rücksicht – das alles ist ihm wichtig. Dabei hat er selbst im Leben eine Menge Rücksichtslosigkeit erfahren. Als er etwa acht Jahre alt ist, kommt Günter ins Heim. Seine Mutter lehnt ihn ab, behandelt ihn lieblos, verwöhnt aber seine Geschwister. Wa­rum, weiß er bis heute nicht. Sein Vater sitzt immer wieder im Gefängnis. Die Eltern lassen sich scheiden. Er schwänzt die Schule. Das Jugendamt schickt ihn erst in ein Kinderheim bei Volksdorf, dann nach Stade. „Haus hinter der Insel“ heißt es, aber so schön, wie das klingt, war es dort nicht. Immer wieder haut er ab: „Ich hatte immer solches Heimweh. Ich hab einfach nicht begriffen, dass meine Mutter mich nicht haben wollte.“

„Prügel gab es reichlich.“

Er fängt an zu klauen, Kleinigkeiten. Er kommt ins Stephansstift in Hannover, ein evangelisches Kinderheim. Er hat dort nachgefragt, ob es Akten über ihn gibt, die erklären könnten, warum er dorthin kam. „Aufgrund der Eintragungen können wir Ihnen lediglich bestätigen, dass Sie sich aus pädagogischen Gründen in der Betreuung des Stephansstiftes befanden“, antwortete ihm die heutige Geschäftsleitung. „Was waren das denn für pädagogische Gründe?“, fragt Günter.

Er wird weitergeschickt nach Borstel bei Nienburg an der Weser. „Prügel gab es in Borstel reichlich“, erinnert sich Günter. „Morgens hatten wir Schule; Schularbeiten gab es nicht, denn nachmittags mussten wir beim Bauern auf dem Feld schuften.“ Auch aus Borstel haut er mehrmals ab. Alleine und mit anderen. „Zusammen mit A. und J. entwichen – 2 Fahrräder gestohlen – abends durch die Polizei zurück“, ist im April 1959 notiert.

Im Januar 1962 ein rätselhafter Eintrag auf seiner Meldekarte: „KH; schlaffe Haltung, leichte Wachstumsstörung.“ Günter nimmt die Meldekarte wieder an sich. „KH, das heißt Krankenhaus“, erklärt er. „Da war ich im Annastift, im Kinderkrankenhaus von Hannover, durfte ewig lange im Gipsbett schlafen, denn in Borstel hatte mir der Bauer, bei dem ich arbeiten musste, eine Mistforke in den Rücken geworfen.“ Ein bitteres Lächeln huscht über sein Gesicht. „Muss man doch verstehen, dass die nicht aufschreiben konnten, was wirklich passiert ist. Vielleicht hätte jemand nachgefragt – also hatte ich eben eine schlaffe Haltung.“ Er wird wieder gesund; wird 15. Ein letzter Eintrag im November 1962: „Entwichen – kehrt nicht zurück.“

Glückstadt hat damals eines der schlimmsten Heime.

Günter wird erwischt, er kommt nach Hamburg, dann nach Glückstadt an der Elbe. Das Jugendamt aus Hamburg bringt ihn hin. „Die hatten dafür eigens einen VW-Bus.“ Glückstadt hat damals eines der schlimmsten Heime. Unter den Nazis „Landesarbeitsanstalt“, seit 1949 dann „Landesfürsorgeheim“. Große Teile des Personals werden nach dem Krieg einfach weiterbeschäftigt: „Ich kann mich noch gut an die Hakenkreuze und den Reichsadler erinnern, die in die Matratzen und Bettdecken eingeprägt waren.“

Günter muss für eine Glückstädter Firma Fischernetze knüpfen. Einen Lohn gibt es nicht. Nur manchmal ein paar Zigaretten. Wer aufbegehrt, wer den Erziehern widerspricht, wird nicht selten verprügelt und mit wochenlanger Einzelhaft in einer Isolierzelle im Keller bestraft. „Da unten saß ich auch“, sagt Günter fast lapidar. „Und mit dem Totschläger eins übergezogen bekommen, das hab ich auch erlebt.“ Er holt tief Luft: „Allein während des einen Jahres, in dem ich in Glückstadt war, sind dort fünf von uns ums Leben gekommen.“ Mitzöglinge, die die Misshandlungen durch die Aufseher, aber auch die Gewalt untereinander nicht mehr aushalten und sich das Leben nehmen.

Immer wieder gerät Glückstadt in die Schlagzeilen, soll geschlossen werden – und immer verläuft alles im Sande. Auch die Stadt Hamburg spielt eine unrühmliche Rolle: Statt selbst zu überlegen, wie man mit den nicht immer einfachen Jugendlichen klarkommen und wie man ­ihnen helfen kann, schiebt man sie über die Landesgrenze nach Glückstadt ab und überlässt sie dort ihrem Schicksal. Als das Heim 1974 endlich geschlossen wird, bedauert dies die Hamburger Jugendbehörde ausdrücklich. Noch mal 30 Jahre verstreichen, bis endlich eine His­to­riker­gruppe die Geschichte dieses Heimes systematisch erforscht. Und die Sozialpolitiker sind entsetzt, dass das, was die Glückstädter Heimkinder immer erzählt haben, stimmt. „Glückstadt war der krönende Abschluss“, sagt Günter lakonisch.

Günters Reise in seine Vergangenheit hat gerade erst begonnen.

Nach der Entlassung – er ist sechzehneinhalb Jahre alt – fährt er zur See. Und wird immer wieder straffällig: „Seefahrt – Knast – Seefahrt – Knast – Seefahrt – Knast, das war’s.“

Lange wollte er über all das nicht reden, wollte alles vergessen. Doch seit Günter für seine Heimjahre entschädigt wurde, rückt die verdrängte Zeit näher. Noch etwas ist passiert: Er hat wieder Kontakt zu seinem älteren Bruder! Acht Jahre war Funkstille. „Ich bin so froh, dass wir wieder miteinander sprechen“, sagt er. Umso heftiger, was sein Bruder zu berichten wusste: „Als wir Kinder waren, hat unser Vater versucht, uns mit Gas umzubringen“, sagt Günter und bemüht sich, möglichst unbeteiligt zu klingen. „Aber ich habe damals wohl das Fenster aufgemacht.“ An Einzelheiten kann er sich nicht erinnern. Drei oder vier Jahre alt muss er gewesen sein. Sein Bruder hat neulich einen Zeitungsartikel wiedergefunden. Die Geschichte hätte groß im Hamburger Abendblatt gestanden. Auch, dass man seinen Vater damals auf der Flucht verhaftet hätte. Leider hat sein Bruder den Artikel verlegt, unauffindbar. Auch eine Suche im Online-Archiv des Abendblattes gab bisher keinen Hinweis.

Seinen Vater hat Günter noch einmal wiedergesehen. „Das war kurz vor meiner Konfirmation im Stephansstift. Er hatte eine Alkoholfahne, und er hat mir einen Anzug versprochen. Auf den warte ich heute noch.“ Gern hätte er auch ein Konfirmationsfoto, denn das damals eines gemacht wurde, daran erinnert er sich. Aber vielleicht sollte er überhaupt mal nach Hannover fahren, einfach mal schauen, was ihm einfällt, wenn er wieder dort ist: „Kirchröder Straße, Hausnummer 44“, sagt er ohne eine Sekunde nachzudenken. Er lächelt kurz und ein wenig ­bitter: „Die Adresse werde ich mein Lebtag nicht vergessen.“ Günters Reise in seine Vergangenheit, sie hat gerade erst begonnen.

Text: Frank Keil
Foto: Mauricio Bustamante

Schätzungsweise 600.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche waren in der alten Bundesrepublik zwischen 1945 und 1975 in staatlichen und kirchlichen Heimen untergebracht. Für ihre Entschädigung wurde 2012 ein Fonds in Höhe von 120 Millionen Euro beschlossen. Davon bezahlt werden sollen Therapien, individuelle Hilfen, die wissenschaftliche Aufarbeitung sowie die Erstattung von nicht gezahlten Rentenabgaben. Hamburg beteiligt sich mit 1,3 Millionen Euro. Bis Mitte Oktober 2013 sind 544 Anträge eingegangen; davon wurden 382 bewilligt, 159 sind noch nicht abschließend geprüft, 3 wurden abgelehnt. Betroffene wenden sich an die Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder des Versorgungsamtes Hamburg, Adolph-Schönfelder-Straße 5, Telefon 428 63 71 71. E-Mail: heimkinder@basfi.hamburg.de

Buchtipp: Landesfürsorgeheim Glückstadt 1949–74, Irene Johns und Christian Schrapper (Hrsg.), Wachholtz Verlag, 24,80 Euro.
CD-Tipp aus dem Hinz&Kunzt-Shop: Wir Heimkinder. Verkäufer erzählen ihr Leben (2004). Viele Hinz&Künztler sind im Heim groß geworden. Ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit kennen sie nicht. Ihre Erlebnisse schildern sie unterstützt von prominenten Paten.

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