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Ich habe lebenslänglich

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 165/November 2006

Gabriele Hoening wurde vom Vater sexuell missbraucht. Vor acht Jahren schrieb sie darüber und gewann den Hinz&Kunzt-Schreibwettbewerb. Ein Wiedersehen

(aus Hinz&Kunzt 165/November 2006)

Bei der Jury-Sitzung zum Schreibwettbewerb geht es gewöhnlich hoch her. Wir streiten uns über unsere Lieblingsgeschichten, dass die Fetzen fliegen. Bei der von Gabriele Hoening zum Thema „Wenn es dunkel wird in Hamburg“ war es anders. Acht Jahre ist das jetzt her. Stille. Kein Zerreden, keine Diskussionen. Es ist eine kleine Geschichte. Eine harmlose Geschichte scheinbar. Von einem Mädchen, das nachts nach Hause radelt über den Norderdeich. Und sich bei dem Wort „Zuhause“ die Frage stellt, ob sie überhaupt ein Zuhause hat. Sie steht vor der Haustür und will nicht hinein. Ich weiß noch, wie sich damals bei mir eine Gänsehaut bildete. Den anderen muss es ähnlich gegangen sein. Und dann war es irgendwann klar: Gabriele Hoening beschreibt einen Missbrauch, so deutlich, so klar, ohne dass das Wort je vorkäme, ohne dass es drastisch würde. Aber man sitzt neben einem Mädchen auf der Fensterbank, fühlt mit ihr – und auch wieder nicht, weil dieses kleine Mädchen völlig abgekapselt in sich lebt, ganz isoliert. Die Geschichte war unsere Nummer eins. Nach der Jury-Sitzung musste ich Gabriele Hoening einfach anrufen.

„Ja“, sagte die Frau am anderen Ende der Leitung, „ich beschreibe nicht nur irgendeinen Missbrauch, sondern meinen.“ Ich war schockiert, wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Sie war gefasst. Und wusste, was sie wollte. „Nein“, sagte sie, „Sie brauchen den Namen für die Veröffentlichung nicht zu anonymisieren. Ich stehe dazu.“ Die Lesung war damals noch in der Teestube im Thalia Theater. Klein und intim. Aber eben öffentlich. Wieder rief ich Gabriele Hoening an und sagte ihr das: Normalerweise sitzen die Autoren der Lieblingsgeschichten neben mir auf dem Sofa. Frank Göhre oder Fanny Müller lesen die Texte vor und danach befrage ich die Autoren zu ihrem Leben und zu ihren Geschichten. Aber in diesem Fall?

Gabriele Hoening lächelte, quasi durchs Telefon: „Machen Sie sich mal keine Sorgen“, sagte sie. Sie selbst werde sowieso nicht kommen, weil sie auf eine psychosomatische Kur fahre und das Ganze ein bisschen mehr verarbeiten wolle. Aber ihr Mann, ihre zwei Söhne und ihre Tochter würden kommen. Natürlich bot ich wieder an, das Ganze anonym zu behandeln. Aber davon wollte auch Gabriele Hoenings Mann nichts wissen. „Es ist wichtig, nicht zu schweigen. Nicht Gabi muss sich schämen, sondern er“, sagte Carsten Hoening. Er saß dann tatsächlich tapfer auf dem Sofa neben mir. Frank Göhre las. Ich sah, dass er und die Kinder Tränen in den Augen hatten. Auch ich musste schlucken. Und sicher nicht nur ich. Nie wieder hatte ich das Gefühl so großer Nähe zwischen völlig unbekannten Menschen.

Gabriele Hoening lernte ich erst nach ihrer Kur kennen. Eine etwas verhuschte Frau, ängstlich, aber mit wachen Augen. Nicht unhübsch, aber eine Frau, die auf keinen Fall auffallen will.

Jetzt, anlässlich unseres Jubiläums, denke ich wieder häufig an sie. Und will wissen, wie es ihr geht. Sie ist sofort am Telefon, unter ihrer alten Nummer. Und ist sofort bereit, sich mit mir zu verabreden. Ich erkenne sie kaum wieder. Gabriele Hoening ist jetzt 46 Jahre alt, aber sieht jünger und lebendiger aus als vor acht Jahren. Eine attraktive Frau. Und dann erfahre ich endlich die ganze Geschichte. Ja, der Mann, der sie missbraucht hat, jahrelang, war ihr eigener Vater. „Seit ich denken kann“ dauert ihr Martyrium. Und das bedeutet: Mindestens seit sie sieben Jahre alt ist, denn an die Zeit davor hat sie gar keine Erinnerungen mehr. „Da ist alles nur veschwommen.“

Sie ist das dritte Kind ihrer Mutter, aber das erste aus der Verbindung mit ihrem Vater. Ein Bruder und zwei Zwillingsschwestern sollten noch folgen. Die Oma, die Mutter des Vaters, vergöttert die kleine Gabriele, allerdings nur sie – die anderen Geschwister lässt sie links liegen. „Ich bekomme ein Fahrrad, die anderen können zugucken, wie ich damit herumfahre“, sagt Gabriele Hoening, der erst Jahre später bewusst wurde, wie sehr die Oma einen Keil in ihre Familie getrieben hat. „Meine Geschwister haben mich zeitweise gehasst, und selbst meine Mutter entwickelte eine Hassliebe zu mir.“ Die Oma versuchte sogar, das Sorgerecht für ihren Liebling zu bekommen. Zu acht lebte die Familie in zweieinhalb Zimmern. Man hörte alles durch die Wände. Auch, dass der Vater die Mutter nachts vergewaltigte. „Und wenn sie sich erfolgreich wehrte, dann kam er eben zu mir.“ Ob auch zu ihren anderen Schwestern, darüber möchte Gabriele Hoening nicht reden. Auf jeden Fall war die Oma der Ruhepol für das kleine Mädchen, ein Ort, an dem sie geschützt war.Hilfe hat Gabriele damals nicht bekommen. Die Mutter, davon ist sie überzeugt, muss alles mitbekommen haben. Aber sie greift nicht ein. Die Oma auch nicht, obwohl sie sich ihr anvertraut hat. Einmal nämlich, da wollte Gabriele nicht bei ihrer Oma bleiben, weil sie wusste, dass der Vater mit den beiden jüngeren Schwestern allein zu Hause war. Die Oma hörte sie geduldig an, rief dann den Vater an, dass er sie abholen solle – aber ansonsten schwieg sie.

[BILD=#schreib2][/BILD]Gabriele ist 18, als sie sich in Carsten verliebt. Der ist sieben Jahre älter als sie, und zu ihm hat das verängstigte Mädchen Vertrauen. Eines Tages ist sie wieder einmal nach einer Begegnung mit ihrem Vater völlig aufgelöst. Und obwohl sie es gar nicht richtig will, erzählt sie alles ihrem Freund, es platzt förmlich aus ihr heraus. Eine schreckliche Situation. „Carsten saß da wie versteinert, sagte dann nur, ich soll sofort mitkommen.“ Wortlos stiegen sie ins Auto. Carsten fuhr auf direktem Wege zur Wohnung von Gabrieles Eltern. „Ich dachte nur eins: Er glaubt mir nicht, jetzt habe ich ihn verloren.“ Erst als Gabriele ausstieg, sagte Carsten: „Wir gehen da jetzt hoch, ich gehe mit deinen Eltern in die Stube und du packst sofort deine Sachen und ziehst zu mir.“ Geschimpft haben die Eltern. Aber Carsten ließ sich nicht beirren. Und Gabriele packte und zog aus.

Jahrelang sprachen die beiden kaum darüber. Sie heirateten und bekamen ihre drei Kinder. Die Jüngste war ein Mädchen. „Wenn wir meine Eltern besuchten, ließ ich meine Tochter nie aus den Augen. Meine Eltern machten sich lustig über mich, weil ich so eine Glucke sei. Die wussten ja nicht, dass ich zu Hause ganz anders war.“ Immer fühlte sie sich wie zwei Personen: eine, die selbstbewusst ist und weiß, was sie will, die andere, die vor allen Angst hat, außer vor ihrem Mann. „Den fragte ich ständig, ob dies oder jenes richtig ist“, sagt sie.

Vor zehn Jahren kam dann der Stein ins Rollen. Sie konnte mit ihrem Hass auf ihren Vater nicht mehr leben. Als Kind war da immer auch noch etwas Liebe mitgemischt, weil sie damals ja nicht wusste, dass dieses Leiden nicht automatisch zum Leben gehört. Sie fing an, sich mit dem Missbrauch zu beschäftigen. Weder ihr Vater noch ihre Mutter wollten davon etwas wissen. Sie brach den Kontakt zu ihren Eltern ab. Eine Horrorzeit begann. „Mein Vater stellte meiner Tochter nach. Lauerte ihr überall auf.“ Das Mädchen war völlig verängstigt. Ob der Mann seine Enkelin nur sehen oder ob er sie missbrauchen wollte, ist ungewiss. Die männlichen Enkel ließ er jedenfalls in Ruhe. Erst als die Hoenings drohten, das Gericht einzuschalten, ließ er von dem Kind ab.Und dann kam vor acht Jahren der Schreibwettbewerb. Das Thema „Wenn es dunkel wird in Hamburg“ sprang sie förmlich an. „Ich musste schreiben, sofort. Wie unter Zwang schrieb ich die Geschichte runter.“ Ob sie sie abgeschickt hätte, weiß sie gar nicht. Aber ihr älterer Sohn bestand darauf. „Als klar war, dass ich die Geschichte abschicken würde, veränderte ich sie noch mal: Ich schrieb die Straße und die Hausnummer rein.“

Später, als die Geschichte gedruckt war, schickte sie ihrem Vater und all seinen Bekannten ein Exemplar. „Das war meine Rache, und eine ganz legale.“ Und: „Zum ersten Mal hatte ich Macht über ihn, das war für mich ganz wichtig.“ Sie hat sich verändert seitdem. Seit zehn Jahren ist sie bei der Freiwilligen Feuerwehr, und vor drei Jahren hat sie den Lkw-Führerschein gemacht, damit sie auch die großen Einsatzfahrzeuge fahren kann. „Ich bin viel selbstbewusster geworden“, sagt sie. Ihr Mann und ihre Söhne unterstützten sie bei diesem „Durchbruch“. Trotzdem ist das nicht immer leicht für ihren Mann. „Er hat eine graue Maus geheiratet und steht jetzt einer ganz anderen Frau gegenüber.“ Zufrieden ist sie darüber, dass sie ihrem Vater begegnen kann. Keine Liebe und keinen Hass empfindet sie diesem Mann gegenüber, „nur noch Gleichgültigkeit“. Das ist weit entfernt davon, ein Happy End zu sein. „Ich habe lebenslänglich“, sagt sie und lächelt. Alle Jahre wieder laufen ihre Batterien leer und sie muss bei einer psychosomatischen Kur „auftanken“. Oder sie schnappt mitten in einem Gespräch ein, verkriecht sich ganz tief in sich selbst, ohne dass der Gesprächspartner weiß, was und ob er etwas falsch gemacht hat. „Aber ich habe so etwas wie inneren Frieden gefunden“, sagt sie. Zumindest hofft sie das.

Autor: Birgit Müller

Gabriele Hoenings Geschichte:

Wenn es dunkel wird in Hamburg

Hamburg! Großstadt voller Lichter. Abends, wenn es dunkel wird, die Sonne am Horizont verschwindet, erwacht ein neues, ein anderes Leben. Die Dunkelheit scheint alles einzuhüllen. Du stehst da, fühlst dich allein, doch du bist es nicht.

Ein Mädchen radelt abends über den Norderdeich nach Hause. Sie war im Schwimmbad und ist müde. Doch wo ist ihr Zuhause? Aufgewachsen im Stadtteil Finkenwerder radelt sie zu dem Haus, das ihr in der Finsternis ein Zuhause sein soll. Doch ist es das?

Sie hält in der Nordmeerstraße an, stellt ihr Fahrrad in den Keller, steigt die Treppe hoch und bleibt vor einer Tür stehen. Sie drückt den Klingelknopf und sieht dabei das Namensschild. Es ist die richtige Wohnung, doch ist es ihr Zuhause? Die Tür wird geöffnet: Da bist du ja endlich. Wir warten schon auf dich.

Abendbrot, ein bisschen fernsehen und dann zu Bett. Dieses Bett, denkt das Mädchen. Warum muss ich dort hinein? Es hat Angst vor der Nacht, Angst vor der Einsamkeit, Angst vor dem, was nachts passiert. Es ist dunkel. Sie verkriecht sich in ihr Bett, ganz hinten in die äußerste Ecke an der Wand.

Heute wird er mich vielleicht vergessen, vielleicht vergisst er einfach, dass es mich gibt. Sie hat die Gardine einen kleinen Spalt aufgelassen. Gern würde sie diese ganz öffnen, doch das geht nicht, wegen der Geschwister. Sie sieht hinaus in die Dunkelheit, und beim Anblick der Sterne verschwindet ihre Angst. Leuchtende Sterne, ab und zu ein Blinken von Flugzeugen in der Dunkelheit lassen ihre Angst vor der Finsternis verschwinden. Sie fühlt sich wieder gut und ihren Träumen nach. Bis die Zimmertür geöffnet wird. Sie möchte schreien, aber ihre Stimme versagt. Sie will diese Dinge nicht tun, die er von ihr verlangt. Sie will nicht! Sie will das nicht! Warum? Warum? Hilfe! Hilfe! Doch bleibt ihr Mund stumm. Ihre Stimme versagt. Kein Schrei, kein Wort. Nur ein dünnes, weinerliches Nein. Zu mehr ist sie nicht imstande. Ihr Körper fühlt sich an wie tot. Aber ihr Geist ist lebendig. Sie starrt auf den Nachthimmel von Hamburg, durch einen kleinen Spalt in der Gardine. Die Sterne und die blinkenden Lichter der Flugzeuge geben ihr Trost. Sie lebt! Ihre Müdigkeit ist wie weggeflogen. Die Dunkelheit hüllt sie ein. Manchmal sitzt sie mitten in der Nacht auf der Fensterbank hinter der Gardine und starrt hinaus. Die Ruhe, die Sterne, der Wind, die Lichter, die Wolken, die bei Sturm vorüberziehen und aussehen wie schnelle, fliegende Berge, geben ihr Trost, und sie spürt, wie das Leben in ihren Körper zurückkehrt. Der tote Körper erwacht durch den Anblick der Nacht über Hamburg wieder zum Leben. Sie hat überlebt.

Ein paar Jahre später sitzt dieses Mädchen oft im Gorch-Fock-Park auf dem Rasen. Es ist Nacht. Die Wellen der Elbe rauschen, und sie fühlt sich wieder gut. All ihr Leid erscheint ihr dann so klein, wenn es Nacht ist in Hamburg, die Wellen rauschen, der Wind weht, oder die Sterne über Hamburg stehen.

Sie lebt. Für sie fängt das Leben erst an, wenn es dunkel wird in Hamburg.

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