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Johannes Oerding

„Ich habe lange am Limit gelebt“

27. August 2013 | Von | Kategorie: 2013: Hinz&Kunzt 239-250, Archiv, Hinz&Kunzt 247/September 2013

Der September ist sein Monat: Erst spielt Singer-Songwriter ­Johannes Oerding beim ­Benefizkonzert Charitone für Hinz&Kunzt, kurz darauf vertritt er Hamburg beim Bundesvision Song Contest. Wir haben mit dem 31-Jährigen gesprochen – über unerfüllte ­Träume, Durststrecken und seinen Wohnort St. Pauli.

(aus Hinz&Kunzt 247/September 2013)

1_HK247_INGroße Bergstraße in Altona, wir sitzen mit Kaffee vom Bäcker in der Sonne. Johannes Oerding interessiert sich sehr für meinen Hund, der unterm Tisch döst. Aus Rumänien kommt er? Sein neues Insiderwissen teilt der Musiker gleich mit der alten ­Dame mit Gehhilfe, die vor unserem Tisch stehen bleibt: „Der Hund ist noch neu in Deutschland. Deshalb ist er ein bisschen unsicher.“

Hinz&Kunzt: Johannes, du kommst ja ursprünglich vom Dorf. Gab es da Obdachlose?
Johannes Oerding: Nein, das ist wohl doch eher eine Großstadterscheinung. Nichtsdestotrotz gibt es auch auf dem Land genug Bedürftige.

Dein Vater sorgte sich, dass du als Musiker nicht über die Runden kommst. Fürchtet er das immer noch?
Im Dorf kannte man den Beruf Musiker tatsächlich gar nicht. Da musste man dann erst mal die Eltern beruhigen, dass
man durchaus auch als Musiker seinen Kühlschrank voll bekommt.

War der denn immer voll?
Ich habe bestimmt sieben oder acht Jahre finanziell am Limit gelebt, immer im roten Bereich. Habe mich immer gerade so durchgehangelt. Im Nachhinein bin ich sehr stolz darauf, dass ich immer irgendwie über die Runden kam, allein mit musikalischen Dingen. Ich habe entweder im Studio gesungen oder auf der Reeperbahn im Nachtclub oder aber als Sänger von Soulbands. Ich wollte nie nebenher noch Pizza-Taxi ­fahren. Ich wollte nicht kellnern. Das war mein Anspruch und Ehrgeiz. Als Künstler muss man in einer gewissen Bescheidenheit und Demut leben, wenn man am Anfang steht. Erfolg dauert seine Zeit. Ich war aber immer glücklich, weil ich
den ganzen Tag von morgens bis abends meine Leidenschaft ­ausüben konnte.

War es schwierig für dich, als junger Musiker eine bezahlbare ­Wohnung zu finden?
Ja, ich habe in WGs gewohnt oder ein bisschen außerhalb.

Jetzt wohnst du in der Ecke St.Pauli/Sternschanze, beides Stadtteile, die sich gerade sehr verändern. Wie bewertest du das?
Meine Miete steigt auch. Da denkt man dann schon drüber nach, ob das alles so seine Richtigkeit hat. In meinem Umfeld suchen viele Leute bezahlbare Wohnungen. Die gibt es nicht, dafür irgendwelche unbezahlbaren Stadtteile und eine Elbphilharmonie. Das geht mir echt nicht in den Kopf rein, dass man dafür nicht 20.000 bezahlbare Wohnungen schafft!

Beim Bundesvision Song Contest am 26. September singst du für Hamburg. Da bist du der Bewertung des Publikums ausgeliefert. Wie willst du damit umgehen?
Im Grunde lieferst du dich als Künstler ja immer aus. Sobald ich mein Album auf den Markt werfe, wird es bewertet. Man steht immer auf dem Prüfstand. Ich glaube, man muss einfach sein Ding machen. Ich vertraue auf meinen Song „Nichts geht mehr“. Ich sehe das Ganze auch nicht so eng. Das wird eine große Klassenparty. Letzter will ich aber trotzdem nicht werden. Aber, selbst wenn das passieren sollte … Ich habe da einen Song auf dem Album, der heißt: „Wo wir sind ist oben“, das ist der Motivationssong, falls alles schiefläuft (lacht).

Dein aktuelles Album „Für immer ab jetzt“ war Platz 4 in den Album-Charts. Hast du noch unerfüllte Träume?
Schon als Kind habe ich davon geträumt, in großen Stadien zu spielen, vor vielen Menschen. Große Bühnen gefallen mir einfach. Weil ich mich da austoben und auch mal von links nach rechts laufen kann. Ich mag die Energie eines großen Publikums.

Beim Benefizkonzert Charitone spielst du am 15.9. deine Songs mit der NDR Bigband. Was reizt dich daran?
Es reizt mich, etwas auszuprobieren und in einen Fachbereich reinzugehen, den ich gar nicht so kenne. Ich freue mich total darauf, die Songs in ein neues Gewand zu packen und dann mal zu sehen, wie sie wirken. Die meisten habe ich ja auf der Gitarre geschrieben. Irgendwann kam dann das Fleisch drum herum, sprich die anderen Instrumente dazu. Aber ich finde: Ein guter Song funktioniert in jedem Gewand. Noch dazu ist die Energie einer Bigband eine tolle Sache.

Kannst du dich an deine erste Begegnung mit Hinz&Kunzt erinnern?
Ja, das war in der Schanze. Ich fand das Konzept auf Anhieb gut und lese das Magazin seitdem regelmäßig.

Ein Wunsch zum 20. Geburtstag für Hinz&Kunzt?
Noch mehr Leser!

Interview: Simone Deckner
Foto: Mauricio Bustamante

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