„Ich habe Angst davor, nicht mehr dazuzugehören“

Mit 51 Jahren wurde Heidi Lüben plötzlich arbeitslos. Seitdem kämpft sie wie viele ältere Arbeitslose um eine zweite Chance – und um ihre Würde.

(aus Hinz&Kunzt 220/Juni 2011)

Die Kauffrau setzt alles dran, wieder Arbeit zu finden.
Die Kauffrau setzt alles dran, wieder Arbeit zu finden.

„Das war ein totaler Schock.“ Heidi Lüben versucht zu beschreiben, wie sie sich gefühlt hat, als sie 2009 plötzlich ohne Job dastand – das erste Mal nach mehr als 30 Jahren Berufstätigkeit. „Ich habe gedacht, die Welt hört auf, sich zu drehen“, sagt die 53-jährige Kauffrau. „Und ich hab mir sofort gesagt: Du bist über 50. Große Chancen hast du nicht mehr.“
Trotzdem setzt Lüben sofort alles daran, wieder Arbeit zu finden. Immerhin hat sie mit ihrem Mann 14 Jahre ein Taxiunternehmen geführt und war nach ihrer Scheidung acht Jahre Geschäftsführerin einer anderen Taxifirma – bis ihr Chef den Betrieb aufgab. Sie fühlt sich fit, sie will arbeiten. Deshalb nimmt sie an Eingliederungs-Seminaren teil, geht zur Abendschule, schreibt Bewerbungen. Doch überall werden nur Jüngere gesucht. „In den Anzeigen steht immer: bis 45“, sagt Lüben. Schon bald beschleicht sie das Gefühl, dass man sie zum Arbeiten eigentlich schon zu alt findet.
Mit diesem Problem ist Heidi Lüben nicht allein, denn ältere Arbeitnehmer haben es schwer auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Nach Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört, waren die über 50-Jährigen zwischen 1998 und 2008 stets häufiger arbeitslos als Jüngere und waren auch öfter langfristig ohne Job. An dieser Tendenz hat sich wenig geändert: Im April 2011 lag die bundesweite Arbeitslosenquote bei 7,3 Prozent. Bei Menschen über 50 betrug sie 8,5 Prozent, bei über 55-Jährigen sogar 9,1 Prozent. Auch die Dauer der Arbeitslosigkeit ist bei Älteren deutlich höher: Derzeit sind Arbeitslose durchschnittlich 34 Wochen ohne Arbeit, über 50-Jährige dagegen ganze 49 Wochen.
Insgesamt zeigt sich bei älteren Arbeitnehmern derzeit eine zweischneidige Tendenz: Einerseits steigt seit 2006 die Beschäftigungsquote bei den über 50-Jährigen – von 39,8 Prozent Ende 2006 auf 46,8 Prozent im dritten Quartal 2010. Andererseits gibt es aber auch mehr ältere Arbeitslose: Im Jahr 2009 waren von 3,4 Millionen Arbeitslosen 914.000 jenseits der 50, im April 2011 waren es 953.000 von insgesamt 3 Millionen. Während die Zahl der Arbeitslosen insgesamt abgenommen hat, sind also mehr über 50-Jährige ohne Arbeit als noch vor zwei Jahren. Und fast jeder dritte Arbeitslose war im April 2011 über 50.
Heidi Lüben geht es mittlerweile immer schlechter. Sie bekommt Arbeitslosengeld II. „In jedem Brief vom Jobcenter stehen Drohungen, obwohl ich nie etwas versäumt oder falsch gemacht habe“, erzählt sie. „‚Wenn Sie dies und das nicht tun, müssen Sie mit Sanktionen rechnen.‘ Für jemanden, der sich bemüht, ist das ganz schön heftig.“ Als sie Ende 2010 einen Ein-Euro-Job als Buchhalterin bekommt, ist sie wieder motiviert, aber auch diese Stelle ist befristet. „Ich habe einfach Angst davor, nicht mehr dazuzugehören“, sagt Lüben.
Wenn sie nicht auf den Verein Silberpfeil Hamburg gestoßen wäre, hätte sie vielleicht schon aufgegeben. Der Verein bringt ältere Arbeitslose zusammen, sorgt für Austausch und gegenseitige Unterstützung. Jeden Freitagvormittag treffen sich die Mitglieder im Kulturladen Hamm. „Ohne den Verein hätte ich Mühe gehabt, mich immer wieder aufzurappeln“, sagt Heidi Lüben. Gerade der emotionale Rückhalt untereinander tut ihr gut. „Wir geben uns gegenseitig das Gefühl, dass wir noch zur Gesellschaft dazugehören.“

Text: Hanning Voigts
Foto: Hannah Schuh

Eine Podiumsdiskussion aus der Reihe „Gerechte Stadt“ thematisiert die Situation älterer Arbeitnehmer. Es diskutieren unter anderem der DGB-Vorsitzende Uwe Grund, die Soziologin Tanja Buch und Peter Endert von Silberpfeil Hamburg. Dienstag, 7. Juni, 16.30 Uhr, Agentur für Arbeit, Kurt-Schumacher-Allee 16, Eintritt frei.

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