Hüter der verlorenen Schätze

Liebesbriefe, Scheidungsakten, Vibratoren: Der Mann vom Fundbüro lernt die Menschen kennen. Dem Webdesigner hilft er ebenso wie dem Obdachlosen

(aus Hinz&Kunzt 161/Juli 2006)

Vor dem Fundbüro sind alle gleich. Von der Ledertasche über den Turnbeutel bis zum Rucksack mit den letzten Habseligkeiten: Nichts darf verlegt, nichts dem Falschen zurückgegeben werden. Dafür sorgt seit 14 Jahren Dieter Gehlmann.

Ein Cent fehlt. 60,49 Euro waren in der blauen Lederbörse, als sie vorigen Montag bei der Polizei abgegeben wurde. So steht es im rosa Formular, das der Polizist jetzt auf Dieter Gehlmanns Schreibtisch im Fundbüro legt. Herr Gehlmann schiebt die Münzen mit dem Zeigefinger zusammen. „Sind nur 48.“ Schweigen. Beide Männer starren auf die Münzen.

Herr Gehlmann schüttelt die blaue Lederbörse noch einmal – eine Centmünze und ein rosa Steinchen kullern auf den Tisch. „Na, man kann’s ja mal versuchen, ne?“ Der füllige Polizist lacht dröhnend. Herr Gehlmann drückt den Übernahmestempel des Zentralen Fundbüros Hamburg aufs Formular.

280 Kilometer östlich von Herrn Gehlmanns Schreibtisch hat eine gewisse Barbara Ritter* vermutlich gerade schlechte Laune. Die Berlinerin vermisst 60,49 Euro, ihren Personalausweis und ihre EC-Karte. Zuletzt hatte sie ihre Börse am Hamburger Hauptbahnhof in der Hand. Frau Ritter wird bald wieder bessere Laune haben: Ihre Schätze sind in Sicherheit. Bei Herrn Gehlmann.

Die blaue Börse liegt jetzt neben Herrn Gehlmanns Tastatur, vor dem gerahmten Studiofoto von seinen beiden Töchtern. Er tippt Fundnummer, Fundort, Datum, Finder und die Beschreibung der Börse in die Maske auf seinem Bildschirm: „blau, Papiere, Geld“. Und in das Feld „interner Vermerk“: „3 mal 20 Euro“. Bei reinen Geldfunden muss der Besitzer dem Fundbüro die Stückelung der Scheine angeben. „Wir hatten mal einen, der wollte 1500 Euro verloren haben. Hatte aber keine Ahnung, was es für Scheine waren, und beim Verlustort kam er auch ins Schlingern.“ Unnötig zu erwähnen, dass Herr Gehlmann ihm das Geld nicht gegeben hat. Herr Gehlmann: mittelgroß, hager, graue Haare, Jeans, grauer Pullover. 3 mal 20 Jahre (plus eines), davon 14 im Fundbüro.

Die nächste Fundsache wird niemand anderes als der Besitzer haben wollen, einen schwarzen Rucksack Marke Puma, gefunden im Metrobus 20. Am Träger hängt schon ein rosa Kärtchen des HVV mit Fundort und Datum. Herr Gehlmann pult die Kordel auf: „Wir müssen hier in sämtliche Leben reingucken.“ Er holt einen Stapel Schulhefte aus dem Rucksack: von Clara* aus der 7a. Herr Gehlmann blättert. Clara nimmt gerade die Geschichte Ludwig des XIV. durch. Aber auf welcher Schule? Im Englischbuch findet er eine heiße Spur: ein Stempel der Theodor-Haubach-Schule in Altona. Herr Gehlmann wählt die Nummer der Schulsekretärin.

Für die goldene Kreditkarte des Webdesigners ruft Herr Gehlmann bei der Deutschen Bank an, für den Rucksack des Obdachlosen beim Landessozialamt. „Man versucht schon alles, um die Besitzer ausfindig zu machen. Das ist unsere Aufgabe.“ Die Kollegen nennen ihn „den Detektiv“, weil er der richtige Mann für die schwierigen Fälle ist. Das erzählt Herr Gehlmann aber nicht selbst. „Ich war ja früher Busfahrer. Da kennt man Hamburg.“

Und die Hamburger. Herr Gehlmann hatte Papiere auf seinem Schreibtisch, die die Besitzer nicht mal ihren besten Freunden zeigen würden: Liebesbriefe, Scheidungsakten, Passierscheine von Freigängern… „Dieser ganze Stapel hier ist vom Kopierer bei Karstadt“: eine Bewerbung als Verkäufer, ein Abiturzeugnis vom Hansakolleg (Durchschnitt 3,2), eine Bürgschaft für die Ausländerbehörde, ein Arztbrief mit Diagnose (Rheuma). Auf das rosa Kärtchen am Puma-Rucksack schreibt Herr Gehlmann jetzt „Clara“. Er trägt ihn nach vorne in die schmale Kammer, durch die man ins Besucherfoyer kommt. Hier liegen die Fundsachen, deren Besitzer verständigt werden konnten. Die wieder nach Hause dürfen. Es riecht hier auch nicht ganz so muffig wie bei den „Anonymen“ weiter hinten. Hinten lagern in einer Halle im Neonlicht die herrenlosen Regenschirme, Handtaschen, Plastiktüten und Mützen, in einer weiteren alle sperrigen Fundsachen. Von seinem Büro hat Herr Gehlmann direkten Zugang zu beiden Hallen.

Frische Fliegen-Klebebänder hängen von der Decke. Auf langen Ständern und Metallregalen warten die Verlorenen, nach Art und Fundmonat geordnet, dass sie jemand abholt. Nur in 15 Prozent der Fälle macht sich der Besitzer die Mühe. „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft“, schimpft Herr Gehlmann und greift in einen Turnbeutel: „Reebok-Schuhe. Was die kosten!“ Ersteigert er selbst mal etwas, wenn die Sachen nicht abgeholt werden? „Och…“, er wiegt den Kopf, „nö.“ Die Douglas-Hochglanztasche mit den Parfümflakons kommt genauso auf den Haken wie der Leinenbeutel voll welliger Hinz & Kunzt-Ausgaben. Nur Wertsachen lagern in einem extra gesicherten Raum, Verderbliches in der Kühlkammer. „Es sind gar nicht die teuren Sachen, die abgeholt werden“, sagt Herr Gehlmann, „eher die, an denen die Menschen hängen. Oft nur ein schnuddeliger Schal.“ Freut er sich mit dem Besitzer über das Wiedersehen? Schulterzucken. „Ja, doch, da sind wir ja für da. Das ist unsere Aufgabe.“

Mit den Fundsachen in den Hallen könnte man sich mehrfach komplett ausrüsten: sieben Kinderwagen, drei Rollstühle, ein eingeschweißter Geo-Kalender für 2006, zwei Monitore, ein Staubsauger, ein Hamsterkäfig mit der Packung Streu gleich dabei, 14 Hackenporsche, ein Schlauchboot mit Außenbordmotor, ein unterarmlanger Vibrator. „Hier gibt es nichts“, sagt Herr Gehlmann, „was es nicht gibt.“ Die Menge der abgegebenen Fundsachen ist mit rund 40.000 pro Jahr konstant. Verändert hat sich die Qualität: Während vor 20 Jahren noch Pelzmäntel und Perlencolliers das Lager füllten, sind es heute Tchibo-Jacken und Glaskettchen. Einiges sieht eher nach Müll denn nach Fundsache aus. Der vergilbte Scanner, warum schmeißt das Fundbüro den nicht gleich in die Tonne? „Der gehört uns ja nicht“, sagt Herr Gehlmann. „Hier kommt nichts weg.“

Nicht alle Kunden wissen das zu würdigen. Herr Gehlmann zeigt auf den Ständer mit den Plastiktüten. „Wir hatten mal eine Bürgerin, die war drei Mal hier und hat ihre eigene Karstadt-Tüte nicht erkannt. Die hat sich beim Bezirksamtsleiter beschwert, dass wir ihre Sachen unterschlagen hätten. Dabei“, Herrn Gehlmanns Stimme wird ein bisschen heiser, „dabei hing die Tüte die ganze Zeit hier! Hier auf dem Haken!“

Ein Kunde kommt, im Blaumann: Firmenschlüssel verloren. „War der Generalschlüssel, mein Chef tobt.“ Herr Gehlmann zeigt ihm die vier Meter lange Schlüsselwand im Foyer. Zweimal fingert der Handwerker die Stange mit den dicksten Schlüsselbunden durch: „Nicht dabei. Schiete.“ Seinen Namen will der Schlosser nicht in der Zeitung lesen. „Dann lachen doch alle über mich!“

Der nächste Kunde auch nicht. Er sucht sein Handy, verloren im 144er. Ein leichter Fall, er kann die Fundnummer vom HVV angeben. Herr Gehlmann öffnet den Handyschrank und greift in die unterste Schublade „Da ist es.“ Der Kunde grinst – zu früh. „Haben Sie eine Bestätigung Ihres Handy-Betreibers?“ Fehlanzeige. „Dann aktivieren Sie uns mal bitte das Handy.“ Zögernd klappt der Kunde das Gerät auf. „Also, ich… Das gehört meiner Schwester. Aber ich bin selbst Busfahrer. Wenn Sie mir nicht glauben, gucken Sie doch auf meinen Dienstausweis…“

Er wird mit einer Bestätigung des Handy-Betreibers wiederkommen müssen. Herr Gehlmann nimmt die Fundsache wieder an sich und lächelt: „Ihr Handy liegt hier warm und trocken.“


* Name geändert

Heike Dierbach

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