Kultur

Wohnungslose machen Theater

Hornköppe, die dritte: Die Theatertruppe aus jetzigen und Ex-Bewohnern der Unterkunft Hornkamp steht bald mit ihrem dritten Stück auf der Bühne. Diesmal wagen die Hornköppe eine Komödie. Der Klamauk hat mit der Finanzkrise aber einen ernsten Hintergrund.

Fünf Geprellte und ihre Geisel: In „Heckenschnitt“ spielen die Hornköppe Kleinanleger, die mit der Entführung eines Bankdirektors ihr Erspartes zurückerpressen wollen. Foto: Sven J. Olsson

Occupy lässt grüßen: In „Heckenschnitt“, ihrem mittlerweile dritten Bühnenstück, mimen die Hornköppe Menschen, die ihr (finanzielles) Schicksal selbst in die Hand nehmen – maskiert und mit einer höchst ungewöhnlichen Methode. Die Laienschauspieler, die sich in der Wohnungslosenunterkunft Hornkamp (daher auch der Name) gefunden haben, schlüpfen in die Rollen von Personen, die alle vom selben Direktor einer Bank um ihr Gespartes gebracht wurden.

Weil sie keiner unterstützt, helfen sie sich selbst und entführen den Geldgierigen kurzerhand. Mit ihm als Geisel wollen sie ihre Ersparnisse von der Bank zurückerpressen – aber die schert sich um den gefangenen Direktor nicht und wäre ihn eigentlich sogar gerne endgültig los, um ihm die finanzielle Pleite des Instituts in die Schuhe schieben zu können. Klar, dass die Geiselnehmer sich damit nicht abfinden wollen. Ob sie es schaffen, ihre Ersparnisse zurück zu bekommen? Werden die Machenschaften der betrügerischen Bank aufgedeckt und die Drahtzieher bestraft? Wie die Geschichte ausgeht, bestimmt das Publikum: In der Pause wird über zwei alternative Enden abgestimmt.

Regisseur Sven J. Olsson war schon vor der allerersten Premiere der „Bremer Stadtmusikanten“ von den wohnungslosen Schauspielern begeistert: „Alle waren von Anfang an voll dabei“, sagte er. „Die kamen zur ersten Besprechung nach dem Motto ,Her mit dem Text!‘. Sie sind immer pünktlich und top vorbereitet. Die haben eine Energie, das ist unglaublich!“ Wie die beiden ersten Stücke der Hornköppe stammt auch „Heckenschnitt“ aus der Feder von Sven J. Olsson, der auch immer Regie führte. Von ihrem Elan haben sich die Hornköppe seit dem Start ihres Theaterprojekts bewahrt. Mittlerweile gibt es schon richtige alte Hasen wie Konstantin Kliesch, der jetzt zum dritten Mal mit auf der Bühne steht. „Wir können unsere Erfahrungen mit den Neulingen teilen und ihnen helfen, wenn sie zum Beispiel aufgeregt sind“, sagt Konstantin. „Wir sind ein gutes Team.“

Seit fast einem halben Jahr proben die vier Frauen und sechs Männer für „Heckenschnitt“. Jetzt, kurz vor der ersten Aufführungen treffen sie sich dreimal die Woche für den Feinschliff. „Die Schauspieler können sich im Projekt bewähren, sich erheblich weiterentwickeln und voneinander lernen“, sagt Claudia Glantz, erste Vorsitzende des Fördervereins Pik As, der die Truppe unterstützt. „Sie brauchen Mut, Zuverlässigkeit, Motivation, Teamgeist und Durchhaltevermögen. Und das sind Fähigkeiten, die nicht nur auf der Bühne, sondern auch bei der Job- und Wohnungssuche gefragt sind. Die Besonderheit dieser Theatergruppe legt nahe, dass der wirlich Erfolg jenseits der ausverkauften Vorstellungen liegt.“

Mit „Heckenschnitt“ wagen die Hornköppe ihre erste Komödie. Das Stück ist der Truppe auf den Leib geschrieben. Denn wie ein roter Faden zieht sich ein Motiv durch die Aufführungen der Hornköppe. Immer schlüpfen sie in Rollen von Menschen, denen das Leben übel mitspielt. Als Bremer Stadtmusikanten waren sie Personen, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurden, weil sie alt, faltig oder träge wären. In „Ganz unten“ waren sie Gestrandete in einer Kartonunterkunft. Und jetzt in „Heckenschnitt“ eben Abgezockte, die dafür sorgen, dass am Ende die Gerechtigkeit siegt – oder auch nicht. Das entscheidet schließlich das Publikum!

Text: Beatrice Blank

Die Hornköppe: Heckenschnitt, das Stück mit dem Ende nach Wahl. Es spielen: André Antonio dos Santos Margado Maia, Brigitte Gödicke, Alenka Jantschar, Svenja Kauer, Konstantin liesch, Henry Paap, Dan Pintea, Mona Pohl, Bernd Speckhahn, John Paul Günter Thiel. Buch und Regie: Sven J. Olsson; Produktionsleistung: Thurid Simona Schwerdtfeger; Kostüm und Requsite: Anna Urtecho Lopez

Monsun Theater, Friedensalle 20, 23. Mai, 20 Uhr (Premiere); 24. Mai, 20 Uhr; 8. Juni, 20 Uhr, Eintritt: 15,55/12,80 Euro (VVK), 16/13,50 Euro (AK), Tickets unter Telefon 0180 – 50 40 300 oder www.monsuntheater.de
Vorpremieren (Eintritt jeweils frei, um Spenden wird gebeten): St. Marienkirche /Nikodemus Gemeindesaal, Am Hasenberg 44, 18. Mai, 19.30 Uhr; Obdachlosentagesstätte Mahlzeit, Billrothstraße 79, 20. Mai, 11 Uhr

Zusammen ist man weniger allein: Die Hornköppe spielen die Bremer Stadtmusikanten

VIDEO – Die Hornköppe auf der Bühne: Der erste Durchlaf der Bremer Stadtmusikanten mit Kulissen, Kostümen und vor Publikum

1 Kommentar zu “Wohnungslose machen Theater

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