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Das Hinz&Kunzt-Winternotprogramm geht zu Ende

27. April 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 219/Mai 2011

Wieder auf Zimmersuche: Zwölf Obdachlose haben im Notprogramm von Hinz&Kunzt überwintert und müssen jetzt wieder eine Bleibe suchen. Einige haben schon etwas Passendes gefunden.

(aus Hinz&Kunzt 219/Mai 2011)

Fledermaus ist richtig aufgeregt. Heute zieht sie um. Bis vier Uhr morgens hat die 34-Jährige Klamotten sortiert, ihr Zimmer aufgeräumt und alles eingepackt. Jetzt warten vier prall gefüllte Plastiksäcke und zwei Einkaufstaschen auf den Abtransport. Säuberlich aufgereiht stehen sie neben dem Bett. „Das muss alles ordentlich sein“, sagt Fledermaus, die eigentlich Sonja heißt. „Ich kann ja nicht alles in einen Sack werfen, und dann hab ich am Ende Lebensmittel zwischen meiner Dreckwäsche.“ Ein letzter prüfender Blick – nein, sie hat nichts vergessen. Und schon hat der  Hinz&Kunzt-Zivi Gabriel den Transporter vorgefahren. Es kann losgehen.

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Vier Monate lang hat Fledermaus in einem kleinen Zimmer in Farmsen gewohnt. Mit Spenden von der Sparda-Bank und engagierten Lesern konnte Hinz&Kunzt im vergangenen Dezember acht Zimmer in einem Monteursheim mieten. Zwölf Verkäufer fanden so eine Bleibe für den Winter – eine Notunterkunft zwar, aber mit vergleichsweise hohem Standard: Wer wollte, bekam ein Einzelzimmer, alle Zimmer haben ein eigenes Bad und vor allem eine Tür, die man hinter sich zuziehen kann. Für die meisten Obdachlosen ein Luxus, den Notunterkünfte wie die Sportallee oder das Pik As nicht bieten. Für Fledermaus, die gerade mit ihrem damaligen Freund Platte machte, bedeutete das im Dezember die Rettung. Mit ihrer schweren Lungenentzündung und 40 Grad Fieber hätte sie auf der Straße nicht mehr lange durchgehalten. „Hätte ich den ganzen Winter draußen gepennt, wär’s übel geworden“, sagt sie nachdenklich. Umso dankbarer war sie, dass sie und ihr Freund eine Unterkunft bekamen – und sogar ein eigenes Zimmer. „Wie sehr ich mich darüber gefreut habe, kann sich keiner vorstellen“, sagt sie. Das Schlimmste auf der Straße sei nämlich, dass man nie zur Ruhe komme. Das Zimmer in Farmsen war daher ein Geschenk. „Ich konnte abends wieder sagen: ‚Ich fahre nach Hause‘ “, sagt Fledermaus. „Und ich konnte alleine sein. Einfach Tür zu und Ruhe.

Die letzten Monate haben Fledermaus verändert. Sie ist richtig fröhlich. „Ich bin viel entspannter“, sagt sie selbst. „Draußen auf der Straße bin ich wegen jeder Kleinigkeit aggressiv geworden.“ Kurz nachdem sie das Zimmer bezogen hatte, trennte Fledermaus sich auch von ihrem Freund, der daraufhin wieder auszog. „Auf der Straße wäre das gar nicht möglich gewesen“, sagt sie. „Ohne Mann ist es da als Frau ziemlich gefährlich.“ Doch selbst wenn man ein eigenes Zimmer hat: Jedes Winternotprogramm ist nur eine Übergangslösung. Seit Ende April werden die Zimmer, die für zwölf Hinz&Künztler einen Winter lang ein Zuhause waren, wieder an Handwerker auf Montage vermietet. Jetzt stehen alle wieder vor dem alten Problem: Sie müssen eine Bleibe finden. Bei der Lage auf dem Wohnungsmarkt eine schier unlösbare Aufgabe. Fledermaus hat Glück gehabt: Mithilfe von Hinz&Kunzt hat sie einen Platz in einer Kirchenkate bekommen – ein kleines Häuschen, in dem Obdachlose unterkommen können, bis sie eine eigene Wohnung finden. Chris, mit dem sie sich in Farmsen angefreundet hat, zieht ebenfalls in eine Kirchenkate und wird ihr neuer Nachbar.

Auch Frank und Thomas, die sich in Farmsen ein Zimmer geteilt haben, haben schon ein neues Zuhause gefunden. Mit einem Kredit von Hinz&Kunzt hat Frank sich einen Wohnwagen gekauft, er zieht auf einen Campingplatz südlich von Hamburg. Thomas sucht jetzt ebenfalls einen Wohnwagen, dann will er schnell nachkommen. „Um so was kannst du dich nur kümmern, wenn du nicht von morgens bis abends darüber nachdenken musst, wo du schläfst“, sagt er. Hinz&Künztler Torsten M. hat seine Sachen erst einmal bei einem Freund untergestellt, er geht bis Ende Mai auf Wanderschaft. Danach wird ihm wohl wieder nur die  Straße bleiben. So ist es auch bei Jürgen und Torsten W.: Die beiden haben unter der Kennedybrücke geschlafen, bevor sie nach Farmsen gezogen sind. Jetzt übernachten sie schon wieder abwechselnd auf ihrer alten Platte, damit sie ihnen keiner wegnimmt.

Die ganze Fahrt nach Volksdorf über ist Fledermaus aufgeregt. Vor Ort erwartet sie ein kleines Idyll: Hinter der Kirche stehen zwei Kirchenkaten, wie eine Postkarte aus dem Schweden-Urlaub. Weiße Wände, dazu grüne Fensterläden. Auf der Wiese stehen eine Holzbank und ein Grill, ein erster Krokus reckt seine Blüte in die Frühlingssonne. Den Weg fegen, Rasen mähen, die Kate putzen – dafür ist Fledermaus jetzt selbst zuständig. Aber das stört sie kein bisschen. Im Gegenteil: Sie gerät sogar richtig ins Schwärmen, als sie von ihren Plänen für die allernächste Zeit erzählt. „Ab morgen wird hier gelüftet, Wäsche gewaschen und mal so richtig Frühjahrsputz gemacht“, sagt sie. „Und wenn ich im Juni Geburtstag habe, schmeiße ich eine Grillparty.“ Dann will sie sich wieder um eine Wohnung kümmern. „Aber in aller Ruhe, ohne diesen ständigen Druck im Nacken.“

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

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