Diagnose: manisch-depressiv

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Klaus Lenuweit ist seit 15 Jahren Hinz&Künztler – und manisch-depressiv. Mal will er sich mit einem Messer am liebsten die Arme aufschnibbeln, dann wieder durch den Park tanzen. Die Geschichte einer Krankheit – von innen betrachtet.

(aus Hinz&Kunzt 205/März 2010)

Es fährt mich jemand in die Klinik. Es geht nicht mehr anders, ich fühle mich am Ende, will nicht mehr leben, mein Leben hat keinen Sinn mehr. Habe an meinen Handgelenken rumgeschnitten. Bin eigentlich eher ein Feigling – aber wie lange schneidet ein Feigling, bis wirklich etwas klappt? Mir laufen die Tränen runter, als ob ich jahrelanges Nicht-Weinen nachholen muss, ein Gefühl, als ob die Tränen nie mehr aufhören wollen zu laufen.
Ich klingele an einer Tür, es ist die Aufnahme oder die Anmeldung, ich weiß es nicht mehr. Ich werde in den Warteraum verfrachtet, versuche mit Renate, meiner besten Freundin, zu telefonieren, geht nicht. Hab mich noch nie so allein gefühlt. Ich suche den Raucherraum, muss unbedingt eine rauchen, auch da funktioniert mein Handy nicht. Es tut mir alles weh, ich möchte nur, dass es aufhört, egal wie.

Eine Ärztin kommt, sie hört mir geduldig zu, sagt, ich müsste noch einen Moment warten, geht; nach kurzer Zeit kommt sie wieder und sagt, sie hätte meinen Fall besprochen und könnte mich nicht hierlassen. Ich komme gleich in das gelbe Haus gegenüber. Ich werde von einem Pfleger rübergebracht und von einer Schwester in Empfang genommen.

Einige Männer und Frauen sehe ich über den Flur laufen, dazwischen eine ganz junge Frau mit Kopfhörern und geballten Fäusten. 147 ist meine Zimmernummer. Der Mann, der mit mir auf dem Zimmer ist, soll mich auf der Station rumführen und mir alles zeigen, aber was er mir zeigt, ist, wie man 23 Stunden schlafen kann – und immer noch müde ist. Ich sitze draußen abseits von den anderen Patienten, rauche und weine. Ich habe nicht gewusst, dass es so eine tiefe Traurigkeit gibt, so eine Verlorenheit, so eine Einsamkeit. Ich kann nicht essen und nicht schlafen. Todesgedanken überrollen mich, der schwarze Vorhang lässt sich nicht aufziehen. Ich fühle mich so ausgelaugt, es kostet mich alles so viel Kraft. Gott sei Dank ruft Renate gegen Abend an, ich weiß nicht, was sonst wäre.
Ich habe ein sehr gutes Gespräch mit Dr. Sch. Auf seine Anregung hin schreibe ich für mich auf einige Karten: „Mein Leben hat einen Sinn“, „Ich bin etwas wert“, „Ich bin liebenswert“. Ich bekomme Tabletten und habe ein bewegendes Gespräch mit meiner Bezugsschwester. Um 19.30 Uhr in der Befindlichkeitsrunde sage ich, dass ich gestern Morgen etwas suchte, um weiterleben zu wollen. Auch sehe ich die junge Frau wieder, die mit einem traurigen Gesicht sagt, sie möchte heute nichts sagen. Vor meinem Zimmer steht ein Boxsack, auf den die junge Frau einprügelt, sodass ich nur mit größter Mühe rein oder raus komme. Gehe viel allein spazieren und sehe auch die junge Frau, deren Namen ich jetzt weiß, wütend in den Wald laufen. Morgens beim Frühstück wird kein oder kaum ein Wort geredet.
Der Langschläfer wird entlassen und es kommt ein echt dufter Kumpel zu mir aufs Zimmer. Mir geht es von Tag zu Tag besser in der Klinik, ich weiß, woran es liegt: an vielen Mitpatienten und besonders an einer. Wir unternehmen ganz viel, essen Berge von Haribo, sie sagt: „Wir haben schon Blutgruppe Haribo.“ Oder sie kauft Unmengen Eiskonfekt. Ich merke gar nicht, wie ich mich immer mehr zu ihr hingezogen fühle. Ich habe einen Kaufrausch, und wir benehmen uns wie Kinder, und das ist schön. Mit Leuchtböllern und Leuchtstäben raus aus der Depression. Endlich kann ich wieder lachen.
Ich merke gar nicht, wie die Tabletten mein Denken und Handeln verändern. Spielplatz, Herold Center, Markt, Busfahren, Spazierengehen, Flohmarkt, Patienten-Café, Musikhören unterm Regenschirm. A. schneidet mir draußen die Haare. Open-Air-Friseur. L. lässt sich rote Strähnen ins Haar machen, sieht toll aus.

In der Klinik ist es nicht mehr so dunkel,
hell erleuchtet jeder Raum.
Schwestern singen Frühlingslieder
und ein Arzt pflanzt einen Baum.
Wir halten unsere Hände.
Endlich wieder Mai.
Mag dieser Frühling niemals enden,
wir war’n so lange nicht dabei.

Ich habe ein paar richtig gute Wochen. B. von einer anderen Station sagt: „Das Mittel, das du bekommst, möchte ich auch haben. Dir geht es ja immer gut.“
Wir bekommen ein drittes Bett ins Zimmer und einen dritten Mann. H. sieht unheimlich traurig und ängstlich aus.
Gegen Abend ist H. verschwunden, es ist dunkel. L., M. und ich gehen ihn suchen, wir denken bloß immer: „Bitte, lieber Gott, gib, dass er sich nichts angetan hat!“ Wir schimpfen, dass die meisten nur an den Quark denken und es ihnen egal ist, was mit anderen Menschen ist. H. taucht wieder auf. Er saß die ganze Zeit draußen auf einer Bank, ganz allein. Gott sei Dank ist nichts passiert.
Es ist schön, dass H. bei uns auf dem Zimmer ist. Wir lachen viel. L. hat einen Kaufrausch und bringt Leuchtstäbe mit. M. und ich haben einen Lachanfall und können nicht aufhören. H. fragt, was los ist, wir wissen es aber auch nicht.
In zwei Tagen werde ich entlassen – und ich drehe durch.Ich mache Dinge, die nicht zu mir gehören. Ich werde wieder schutzlos sein. Ich werde wieder allein sein, die anderen werden mir fehlen, vor allem L. Ich fange wieder an, mich zu schnibbeln. Eine Schwester kommt. „Komm, ich verbinde dich“, sagt sie liebevoll. Bin ich nur noch auf diese Art fähig, mir Zuneigung zu verschaffen?
Was ist mein Leben? Atmen und essen, eine Mütze aufsetzen, warten und hoffen, dummes Zeug reden und warten auf die nächste Tablette, auf die nächste Diagnose? Ich kann gar nicht so viel schreien, wie ich möchte. Ich warte aufs Essen, auf den Wäschetausch, dass es dunkel wird, hell wird, ich warte auf dich. Bestimmt gibt es dagegen auch eine Tablette.
Dr. Sch. ist im Urlaub – und L. bekommt Seroquel. Sie schläft fast nur noch oder läuft geistesabwesend durch die Gegend. „Ich bekomme Lithium, das ich nicht vertrage, bekomme Panikattacken. „Sie müssen einfach nur atmen, ein und aus, ein und …“, sagt die bemühte Gruppenleiterin. Ich falle um. Liege da, mein Herz klopft rasend, ich kann nicht mehr atmen, nicht mehr antworten. Keiner kann den Arzt rufen, das Nottelefon ist kaputt. Was ist, wenn etwas Schlimmeres passiert? Ein Herzinfarkt oder so? Wir atmen alle gemeinsam und warten auf die Telekom. Zur Not haben wir für alles eine Tablette. Traurig-Tablette, Fröhlich-Tablette.
Ein Hilfspfleger erklärt uns, was man in der Befindlichkeitsrunde sagen darf und was nicht. Einfach nur sagen: Geht’s gut oder schlecht. Mehr nicht. Keiner soll ja überfordert werden. Das macht mich wahnsinnig: Hauptsache, es gibt Quark. Ich habe Lust, den Quark anzuschreien, bis er mir sagt, wie spät es ist.
Warten auf was? Dass es mir wieder gut geht und einer kommt und sagt: „Ihnen geht es wohl zu gut?“
Kann es einem auch zu gut gehen?
Was passiert mit mir? Mein Kopf ist nicht klar, immer wieder habe ich Todessehnsucht. Ich schneide mit meinem Messer an den Handgelenken herum.
Am letzten Abend vor meiner Entlassung bin ich noch schlimmer drauf. Ich mache die ganze Station verrückt. K. weint und sagt, ich müsse ihr versprechen, mir nichts anzutun. Das kann ich nicht. Schwester M., die beliebteste, verarztet mich, und ich habe ein sehr gutes Gespräch mit ihr.
Was wäre, wenn Renate, Dr. Schulz, Schwester M., meine Bezugsschwester und L. nicht gewesen wären? Wie sehr verändern die Tabletten das Verhalten eines Menschen, bei mir zum Negativen?
Ich bin jetzt draußen und gehe allen Leuten aus dem Weg, weil ich mein Verhalten niemandem zumuten mag, nicht mal mir selbst. Um 9 Uhr möchte ich sterben, um 9.30 Uhr tanze ich auf dem Tisch, und um 10 Uhr möchte ich wieder sterben. Ich stelle mir vor: Ich schlucke zehn Tavor, trinke zwei Flaschen Wodka und springe vor die U-Bahn. Ich möchte mit mir selbst nichts mehr zu tun haben. Wo geht man vor sich selber hin? Ist es wichtig, dass ich die Namen der Tabletten weiß, die ich nehme? Zum Beispiel Seroquel, die Firma wirbt doch ernsthaft mit dem Slogan: „Endlich wieder ich“. Ist das Hohn, ist das Spott? Ausgerechnet, wenn man zugedröhnt ist, soll man „endlich wieder ich“ sein?
Ich bin zu egoistisch: Denke, was ich will, fühle, was ich will, anstatt auch nur einmal zu fragen, was die anderen wollen. Eigentlich bin ich ein immer lustiger Mensch, und nun finde ich meine Sachen nicht mehr. Wie viele Tabletten kann man nehmen, bevor man sich in Luft auflöst oder sich selbst mit Sie anspricht? Na ja, zur Not kann ich immer noch bei der Firma Haribo einen Antrag auf Asyl stellen oder ich steck mir zwei Leuchtstäbe in die Ohren und verlass diesen Planeten. Endlich wieder Ich!

Rotweinflaschen aneinandergereiht.
Am Fenster fliegt ein Elefant vorbei.
Träume sterben langsam.
Alles grau in grau.
Ein Gedanke bleibt auf dem Küchentisch liegen.
Mein rechtes Bein ist eingeschlafen.
Wieder so ein Tag, so eine Minute.
Mein Kopf versucht, das Zimmer zu verlassen,
abgeschlossen.
Bin ich ein Beipackzettel?
Zusammenhanglos taumeln ein paar Worte
aus meinem Mund.
Keine Antwort ist auch eine Antwort.
Eine Fliege verschwindet durchs offene Fenster.
Ich muss lachen.
Ich lache mir die Türe auf
Und laufe staunend in die Welt.

Klaus Lenuweit

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