Herz für Gestrauchelte

Helfer für Haftenlassene, Flüchtlinge, Obdachlose: Dieter Ackermann geht nach vier Jahrzehnten bei der Caritas in Ruhestand

(aus Hinz&Kunzt 169/März 2007)

40 Jahre Hamburg – und der Mann redet immer noch so, als sei er gestern aus Bayern eingetroffen. Dabei hat Dieter Ackermann fast eine typisch Hamburger Karriere. Zur See wollte er eigentlich fahren und kam deshalb Anfang der 60er-Jahre hierher. Aber nach einem Jahr in der Bordmontage bei MAN merkte er: „Das ist nichts für mich.“

Viel mehr interessierten ihn die Menschen an Land. Vor allem für die Gestrauchelten hatte der Katholik ein Herz. Vielleicht lag es daran, dass er als Kind der Nachkriegszeit Armut kennengelernt hat. „Meine Mutter schmierte ein Brot mit Margarine, bestreute es mit Zucker, legte es auf einen großen Teller und teilte es in vier Stücke“, sagt Ackermann, der 1944 in München geboren wurde. „Das war das Abendessen für die ganze Familie.“ Oder sie standen irgendwo an, wo es etwas zu essen geben sollte, und als sie dran waren, gab’s nichts mehr.

Der Vater, ein kaufmännischer Angestellter, war monatelang arbeitslos. „Aber allen ging es damals so“, sagt Ackermann, „man war da nicht allein.“

Nach seiner gescheiterten Seemannskarriere ging er deshalb zurück nach München und studierte Sozialpädagogik. 1967 kam er wieder nach Hamburg – für immer. Denn dort lebte die Frau seines Lebens. Im gleichen Jahr wurde er Geschäftsführer des Sozialdienstes Katholischer Männer in Hamburg. „40 Jahre bin ich jetzt bei der Caritas, und 40 Jahre bin ich auch verheiratet“, sagt er.

Sein Hauptarbeitsbereich war damals die Bewährungshilfe. Er kann sich nicht erinnern, dass er auch nur einen Fall gehabt hätte, bei dem er selbst den Widerruf der Bewährung veranlasst hat. Allerdings habe die Polizei schon manchmal einen seiner starken Jungs „weggefiedelt“, sagt er und meint damit: wieder hinter Gitter gebracht. Insgesamt hatte der SKM aber eine Rückfallquote von rund fünf Prozent.

Und das, obwohl Ackermann „echte Kaliber“ betreute. In „Santa Fu“ saßen damals viele Lebenslängliche aus ganz Norddeutschland ein. Viele hatten auch noch Sicherungsverwahrung. Das heißt, dass sie nach der Haftverbüßung noch als gefährlich eingestuft und erst dann entlassen wurden, wenn sie eine positive Prognose hatten.

Wie der Mann, der zwei Frauen und einen Mann aus der Nachbarschaft umgebracht hatte. Nur weil die ihn nach einer Tanzveranstaltung einfach im Wald aussteigen ließen. Er hatte sich wohl mehr erhofft. Er folgte ihnen und erstach sie. Für andere waren solch Menschen Monster. Ackermann sah trotz allem, wie schwach sie in Wirklichkeit waren. „Nach seiner Freilassung wurde er depressiv und ängstlich“, so Ackermann über den dreifachen Mörder. „Er war nicht gläubig im eigentlichen Sinne, aber er dachte, dass er später noch eine schlimme Strafe bekommen würde.“ Immer wieder versuchte er, dem Mann Mut zu machen. „Sie haben hier auf der Erde Ihre Strafe verbüßt“, sagte er ihm. „Sie brauchen keine Angst mehr zu haben.“

Viele nach außen hin so starke Kerle erkannten nach einer langen Haftstrafe die Stadt nicht wieder, hatten Angst vor den Geräuschen, erschraken sich, dass so viele Autos auf der Straße fuhren. „Manchmal war das so schlimm, dass die Männer sich beim ersten Ausgang übergaben, so aufgeregt waren sie“, sagt Ackermann. In dieser für sie so bedrohlichen Welt voller Gefahren wollte Ackermann ihnen Halt geben. „Ich wollte, dass sie wissen, dass sie auf mich zählen können, und habe mir wahnsinnig viel Zeit für sie genommen“, sagt er.

So viel, dass er noch nachträglich ein schlechtes Gewissen seiner Frau und seinen Kindern gegenüber hat. Er arbeitete nicht nur tagsüber, sondern besuchte seine „Knackis“ auch abends, wenn er merkte, dass sie die Herausforderungen der Freiheit nicht bestehen würden. Wenn er merkte, dass einer seiner Männer aus dem Ruder lief, rief er den zuständigen Richter an. „Laden Sie ihn mal wieder vor, reden Sie ihm ins Gewissen“, bat er ihn. „Das reichte meistens!“

Dass so viele seiner Klienten ihre Chancen nutzten und die Bewährungsauflagen schafften, führt Ackermann auch auf die äußeren Rahmenbedingungen zurück: Mehr Geld habe er zur Verfügung gehabt, um eine Wohnung anzumieten, beispielsweise. Und auch Wohnungsgeber und Arbeitgeber hätten mehr Verständnis gehabt.

Einmal stellte Ackermann einen Gefangenen bei Neckermann an der Mundsburg vor. Gefesselt wurde er von zwei Beamten zum Vorstellungsgespräch gebracht. Nicht nur dem Gefangenen, sondern auch dem Geschäftsführer war das wahnsinnig peinlich. „Herr Ackermann, so etwas machen Sie bitte nie wieder. Aber ich gebe dem Mann trotzdem eine Chance. “

Oder Ackermann war eingeladen beim Vorstand einer großen Versicherung. Ungeschminkt erzählte er den Männern, was sein Klient verbrochen hatte, dass er aber trotzdem an ihn glaube. „Und wenn was ist, können Sie mich jederzeit anrufen“, schloss Ackermann.

Nach seinem „Vortrag“ waren die Vorstandsmänner erst mal still. „Das hört sich an wie im schlechten Film“, sagte einer zögernd. Dann entschieden sie sich aber trotzdem, den Mann zu nehmen. „Und er hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen.“

Das sind Beispiele, die heute Seltenheitswert haben. „Dabei sind Strukturen das Wichtigste, wenn man das Leben in Freiheit schaffen will“, sagt Ackermann.

Seit Ende der 80er-Jahre verschoben sich Ackermanns Schwerpunkte beim SKM. Immer noch, egal wie sehr er als Geschäftsführer eingebunden war, übernahm er einige Probanden selbst, „um die Bodenhaftung zu behalten“. Aber sein Augenmerk richtete sich auf Kriegsflüchtlinge. „Als 1992 die Flüchtlinge aus Bosnien kamen, hatten wir und die Kollegen aus der AWO eine Sechs-Tage-Woche. Die Menschen standen in Schlangen bis in unseren zweiten Stock, und manchmal habe ich in der Menschenmenge einen meiner Knackis gesehen, der mir zuwinkte.“

Und das Thema Obdachlosigkeit wurde in Hamburg immer drängender. Im Januar 1995 gründete die Caritas die Mobile Hilfe. „Wir konnten es nicht mehr ertragen, dass so viele Obdachlose krank waren.“ Ackermann organisierte eine Krankenschwester und besuchte mit ihr die Menschen auf Platte. Später lernte er dann auch einen Arzt kennen, und die Sozialbehörde gab Geld für die Krankenversorgung. Heute gehören Mobile Hilfe und die Krankenstube zu den besten Hilfsangeboten für Obdachlose.

Wir sind in der Gegenwart angekommen. „Haben Sie die Checkliste der ARGE gesehen?“, erzürnt sich Dieter Ackermann aus dem Stand. „Wie soll jemand innerhalb von sieben Tagen die geforderten Sachen erledigen, bevor man Hartz IV beantragen kann… Sogar einen tabellarischen Lebenslauf soll einer vorlegen, also ich bitte Sie!“

Tja, er wird fehlen in Zukunft: Er, der sich immer so aufregen kann über Dinge, dass man schon Angst um ihn bekommt, der sich einfach nicht entmutigen lässt und der nie jemanden im Regen stehen lässt.

Es fällt schwer, ihn gehen zu lassen, auch wenn wir alle ihm gönnen, was er sich vorgenommen hat: „Meine Frau hat mir 40 Jahre den Rücken frei gehalten, jetzt ist sie mal dran.“

Birgit Müller

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *