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Helfer auf Abruf

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 152/Oktober 2005

Gunther Schramm reist für die Welthungerhilfe innerhalb von 48 Stunden in Katastrophengebiete

(aus Hinz&Kunzt 152/Oktober 2005)

Weihnachten 2004 bei Familie Schramm in Jesteburg in der Nordheide. Am Vormittag des 26. klingelt das Telefon. Ein Kollege der Welthungerhilfe in Bonn ist dran: In Südostasien zeichnen sich katastrophale Folgen einer Flutwelle ab. Am Nachmittag der zweite Anruf. Am nächsten Morgen um fünf Uhr sitzt der Nothelfer Dr. Gunther Schramm im Taxi zum Flughafen. Am selben Abend ist er in der Krisenregion.

Hinz&Kunzt: Herr Schramm, Sie gehören zur Task Force der Welthungerhilfe, einer vierköpfigen Gruppe, die als erste in Katastrophengebiete entsandt wird. Was machen Sie da?

Gunther Schramm:Wir klären, was überhaupt los ist, das so genannte Assessment. Wir organisieren die Nothilfe, beschaffen zum Beispiel Lebensmittel und verteilen sie. Dazu stellen wir Helfer ein, mieten Fahrzeuge an. Und wir müssen uns natürlich abstimmen mit UN-Mitarbeitern, Regierungsvertretern, anderen Hilfsorganisationen. Das alles muss sehr schnell gehen, denn den Menschen fehlt es am Nötigsten.

H&K: An 2000 Menschen Lebensmittel verteilen, wie geht das praktisch?

Schramm:Wir können die Hilfsgüter nicht vom Lastwagen werfen. Also zäunen wir ein Areal ein und sorgen dafür, dass die Menschen der Reihe nach drankommen. Wir registrieren sie und lassen sie den Empfang bestätigen. Das muss ohne Tumult und Chaos vor sich gehen.

H&K: An Wie lange dauern die Einsätze?

Schramm: In der Regel zwei bis drei Wochen. Schwerpunkt ist Afrika, weil es dort die meisten Katastrophen gibt.

Gunther Schramm kommt entspannt zum Termin bei Hinz&Kunzt. Der nächste Einsatz ist ausnahmsweise mal geplant: Ernährungssicherung in Kenia, im Oktober. Nein, der 47-Jährige hat keine gepackte Tasche zu Hause stehen, um schneller starten zu können. Er reist mit weniger als zehn Kilo: ein paar T-Shirts, Hosen, Moskitonetz, Anti-Malaria-Mittel, Notfall-Apotheke, Satellitentelefon. Meist ein kleiner Laptop, etwa um einen Projektantrag zu schreiben. Auch im Busch muss Verwaltung sein, die Spender der Welthungerhilfe wollen schließlich wissen, wofür ihr Geld eingesetzt wird.

Die Task Force wurde 2002 gegründet – um bei Krisen nicht überstürzt Mitarbeiter suchen und einweisen zu müssen. Gunther Schramm ist seit Beginn dabei.

H&K: Sie sind Tierarzt. Hätten Sie gedacht, dass Sie einmal als Nothelfer in Katastrophengebieten unterwegs sind?

Schramm: Nein, aber es passt. Ich habe Landwirtschaft und Tiermedizin studiert und mich als Tropenveterinär auf Kamele spezialisiert. Viel gelernt habe ich im Kamel-Camp des Sultans von Oman, wo viele Rennkamele gehalten werden; der medizinische Standard dort ist übrigens besser als in mancher humanmedizinischen Klinik in Afrika. Anschließend war ich acht Jahre in Entwicklungs- und Nothilfeprojekten in Kenia und im Sudan. Unter anderem habe ich so genannte Barfuß-Tierärzte ausgebildet. Dass ich mich immer wieder in unterschiedlichen Kulturen zurechtfinden musste, ist ein guter Hintergrund, um jetzt die akute, kurzfristige Hilfe zu organisieren.

H&K: Auslandseinsätze auf Abruf und Familienleben – wie bringen Sie das zusammen?

Schramm: Bei der Welthungerhilfe habe ich eine halbe Stelle. Die Hälfte des Jahres bin ich im Ausland, meist zehn bis zwölf Einsätze von jeweils zwei bis drei Wochen. Das ist für unsere Kinder – zehn, sechs und vier Jahre alt – überschaubar. In der übrigen Zeit bin ich dafür ganz zu Hause.

Natürlich leben wir durch meinen Beruf kosmopolitisch. Afrika liegt für uns sehr nah. Als unser Junge sieben war, ist er schon allein geflogen, um mich dort zu besuchen; ich war aufgeregter als er. Unsere jüngste Tochter hat sich schon beschwert, dass sie als Einzige noch nicht in Afrika war. Immer wenn ich in den Flieger steige, sagt eins der Kinder: Warum nimmst du uns nicht mit?

Schramm, der Englisch, Französisch, Spanisch und Kisuaheli spricht, war in den vergangenen zweieinhalb Jahren in mehr als 20 Ländern. Wenn er zurückkommt, weiß er: Er hat erste Hilfe geleistet, für einige Menschen die größte Not überbrückt, aber die Katastrophe ist deshalb nicht zu Ende. Jetzt sind andere am Zug, sie müssen mittel- und langfristige Hilfe zu organisieren. Schramm hat viel Elend gesehen hat. Aber er wirkt gelöst.

H&K: Hunger, Tod und Zerstörung – wie gehen Sie damit um?

Schramm:Ich habe schlaflose Nächte, aber ich weiß auch: Ich bin genau wegen der Katastrophe hier und kann helfen – das gibt Kraft.

Meine Arbeit ist eine Gratwanderung: Die Schicksale der Menschen dürfen mich nicht kalt lassen, dann wäre ich nicht mehr gut. Aber ich muss auch Abstand halten, um alle Seiten sehen zu können. Ein Beispiel: Wenn wir an 2000 Menschen in einem Katastrophengebiet Werkzeug verteilen, dann hilft ihnen das. Aber der örtliche Händler wird verständlicherweise grantig. Das müssen wir berücksichtigen, um Hilfe so zu gestalten, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen. Gutmenschentum allein ist keine Leitlinie, um das Richtige zu tun.

H&K: Was ärgert Sie?

Schramm: Wenn sich Regierungsvertreter vor Ort wie kleine Könige aufführen und die Hilfe verzögern. Oder wenn sie nach einem Treffen mit uns Sitzungsgeld verlangen. Aber das ist nicht die Regel. Meistens sind wir willkommen, sehr willkommen.

Interview: Detlev Brockes

Die Welthungerhilfe, 1962 gegründet, ist eine der großen Hilfsorganisationen. Schirmherr ist der Bundespräsident.

Mehr unter www.welthungerhilfe.de

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