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Haus auf Zeit

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006

Seit zehn Jahren gibt es Kirchenkaten als Übergangswohnungen für Obdachlose. Eine Fuhlsbüttler Gemeinde plant zusätzliche Plätze

(aus Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006)

Mario Campione wartet am Gartentor. Ein paar Schritte zum Haus – und wir betreten Campiones Souterrain-Wohnung. Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Duschbad, die Möbel hat er geschenkt bekommen. „Zum ersten Mal habe ich 45 Quadratmeter für mich allein“, sagt der 39-Jährige, der im Februar eingezogen ist. In den ersten Wochen sei er manchmal nachts aufgewacht. Dann sei er in der Wohnung umhergewandert, um zu begreifen, dass sein Glück wahr ist.

Campione hat sich auf den Besuch von Hinz&Kunzt gefreut. Er möchte mit seiner Geschichte anderen Mut machen, dass auch sie den Weg aus der Wohnungslosigkeit schaffen können. Ein „Glücksfall“ für ihn war die Kirchenkate in Lurup, ein Holzhäuschen an der Auferstehungskirche. Fünf Monate lebte er dort. Und durch Vermittlung der Kirchengemeinde fand er seine jetzige Wohnung.

„Dunkle Jahre“ liegen hinter Campione. Mit 20 war er zu Hause in Quickborn ausgezogen, arbeitete zunächst als Gärtner und Hausmeister. „Aber dann hab ich abgebaut“: Er verliert den Lebensmut, kümmert sich weder um Arbeit noch um Stütze, ist nicht krankenversichert, häuft Schulden an, denkt an Suizid. Mehr als drei Jahre ist Campione ohne festen Wohnsitz, kommt bei Bekannten unter. Bis er schließlich eine Beratungsstelle für Wohnungslose aufsucht. Und die vermittelt ihm den Mietvertrag für die Kirchenkate in Lurup.

Die Katen sind eine Erfindung der Journalistin Gisela Schiefler und des früheren Diakonie-Chefs Stephan Reimers (der auch Hinz&Kunzt anschob). Vorbild waren die „Gottesbuden“, mittelalterliche Armenwohnungen an Kirchen. Die Katen haben auf 20 Quadratmetern einen Wohnraum, Kochnische und Duschbad. In Lurup wurden vor zehn Jahren die ersten beiden aufgestellt. Heute stehen auf zwölf kirchlichen Grundstücken 25 Einzel- und eine Zweierkate.

„Das ist was Festes, Kleines für den Übergang“, sagt Mario Campione. Nicht bei jedem Bewohner läuft es so mustergültig wie bei ihm, manche brauchen mehr Zeit. Bilanz für die beiden Katen an der Auferstehungskirche: Von 34 Bewohnern in zehn Jahren haben 28 eine Wohnung gefunden, so Gemeindesekretärin Liane Rennpferd.

„Kirchenkaten sind die besten und komfortabelsten Übergangswohnungen für Obdachlose, die wir anbieten können“, sagt Uwe Martiny von der Tagesaufenthaltsstätte Bundesstraße, die Bewohner von sechs Katen betreut. „Sie können dort ihren eigenen Lebensstil pflegen und sind trotzdem eingebunden. Gerade die Privatheit ist in der öffentlichen Unterbringung mit Zwei- oder Drei-Bett-Zimmern nicht gegeben.“

Mindestens 40.000 Euro kostet die Errichtung einer Kate mit einem Unternehmen des zweiten Arbeitsmarktes, erläutert Peter Schröder-Reineke vom Diakonischen Werk (DW). Kirchengemeinden können beim Spendenparlament und beim DW Zuschüsse beantragen und die Mieteinnahmen zur Finanzierung einsetzen. Wenn Katenbewohner Arbeitslosengeld II erhalten, zahlt die ARGE die Miete – wie bei einer Wohnung auch.

Eigentlich ein Erfolgsmodell. Doch die Zahl der Katen stagniert, weil nicht mehr Kirchengemeinden zugreifen. Ein Lichtblick kommt aus St. Marien in Fuhlsbüttel. „Wir wollen an ein Jugendhaus nahe der Kirche zwei Kleinwohnungen anbauen“, sagt Architekt und Kirchenvorsteher Hinrich Krahnstöver. Der Bauantrag sei gestellt, ein Angebot des Beschäftigungsträgers Arbeit und Lernen liege vor. Krahnstöver: „Wir hoffen, dass im Herbst 2007 die ersten Bewohner einziehen können.“

Detlev Brockes

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