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Hart im Nehmen

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2006: Hinz&Kunzt-Ausgaben 155 – 166, Archiv, Hinz&Kunzt 158/April 2006

Krimiautorin Renate Kampmann über ihr Praktikum in der Rechtsmedizin, die Schwächen von Donna Leon und Hilfen für Gewaltopfer

(aus Hinz&Kunzt 158/April 2006)

Es gibt Krimiautoren, die können kein Blut sehen. Auf dem Papier haben sie keine Probleme damit, ihre Opfer möglichst grausam um die Ecke zu bringen, aber eine echte Leiche haben nur die wenigsten von ihnen je gesehen. Renate Kampmann ist aus anderem Holz geschnitzt. Mehrere Wochen lang ist die Hamburger Autorin jeden Tag in der Rechtsmedizin des UKE angetreten, hat den Ärzten dort bei ihrer Arbeit zugesehen und so gelernt, was ihre Romanfigur Leonie Simon als Rechtsmedizinerin wissen muss. Das erfordert gute Nerven und einen robusten Magen. „Man kann vorher schlecht sagen, wie es einem mit der ersten Obduktion geht“, sagt Renate Kampmann. „Aber ich wusste, dass ich relativ hart im Nehmen bin.“

Dabei wirkt die zierliche Dunkelhaarige alles andere als cool und abgebrüht. Schon vor dem Klingeln öffnet sie uns die Tür zu ihrem unauffälligen Einfamilienhaus im Hamburger Osten. Ihr Händedruck ist warm und kräftig, ihre Stimme leise. Schwer zu glauben, dass diese freundliche Person ihr Geld mit Mord und Totschlag verdient. Schon viele hat die 53-Jährige ins Jenseits befördert, sei es als Erfinderin der RTL-Serie „Doppelter Einsatz“, als Drehbuchautorin für Bella-Block- oder Donna-Leon-Krimis und als Autorin der drei Romane mit Leonie Simon: „Die Macht der Bilder“, „Im Schattenreich“ und „Fremdkörper“.

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Während der Schulzeit entdeckte die Dortmunderin ihre Liebe zum Theater. Nach dem Umweg über einen ordentlichen Beruf als Fremdsprachenkorrespondentin landete sie endlich als Dramaturgie-Assistentin bei Peter Zadek in Bochum: „Das war das anstrengendste und verrückteste Jahr meines Lebens, ein Sprung ins kalte Wasser. Da habe ich viel Wissen mitgenommen und bin erwachsen geworden.“

Kurz steckt ihr Mann, der Schauspieler Klaus Mikoleit, den Kopf ins makellos aufgeräumte Wohnzimmer, bevor er wieder in sein Arbeitszimmer verschwindet. Sein Engagement am Thalia war der Grund, warum Renate Kampmann Mitte der Siebziger mit an die Elbe kam. „Hamburg, das war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sie sich. Und daran, dass es für sie am Theater keine Arbeit gab. Sie jobbte als Sekretärin, bekam schließlich beim NDR den Fuß in die Tür und kapierte: „Ich muss studieren, um in gewisse Berufe zu kommen.“

Ärztin wäre sie gern geworden, aber dann studierte sie doch Germanistik und Geschichte. Auf Umwegen kam sie schließlich als Producerin bei Studio Hamburg unter. Dort entwickelte sie die Serie „Doppelter Einsatz“ und wurde notgedrungen zur Autorin. „Der Auftrag für die Serie hing bei RTL vom Prototypen ab“, erzählt sie und kommt so in Fahrt, dass das Ruhrgebiet kräftig durchklingt. „Ich hatte zwei Autoren empfohlen bekommen, doch was die lieferten, war maximaler Megaschrott!“ Sie feuerte die beiden, und in nur zwei Tagen schrieb sie das Pilotbuch. „Das war mein Anfang“, sagt sie lachend.

Nach drei Staffeln „Doppelter Einsatz“ stieg sie 1995 aus dem Seriengeschäft aus und wechselte als Autorin „in die freie Wildbahn.“ Drehbücher für diverse TV-Formate folgten, darunter auch Adaptionen der Bestseller-Krimis von Donna Leon, deren Commissario Brunetti in Venedig ermittelt. Damit tat sie sich wider Erwarten schwer: „Als Konsument liest man über manches hinweg, aber Donna Leon ist eine ganz schwache Autorin für Krimidrehbücher. In Romanen kann man mogeln, aber wenn ich etwas in ein visuelles Medium übertrage, muss es überprüfbar sein. Und sie mogelt ganz furchtbar!“ Bei dem Thema verdoppelt sich die Sprechgeschwindigkeit, ihr ganzer Körper gerät in Bewegung. Doch dann rettet sie elegant die Ehre der Kollegin: „Ihren Status als Bestsellerautorin hat sie zu Recht, sie kann wunderbar Figuren, Situationen erschaffen und gute Dialoge schreiben.“

In Renate Kampmanns Krimis stimmt alles. Bis zu drei Monate Recherche stecken in jedem ihrer Bücher, die mehrwöchige Hospitanz in der Rechtsmedizin, die sie 1998 vor ihrem ersten Buch absolvierte, nicht eingerechnet. Dort musste sie sich vorher ärztlich untersuchen lassen, was sie sehr amüsierte: „Die Patienten, mit denen ich da zu tun hatte, waren eh mausetot, die konnte ich nicht mehr anstecken!“ Zu absolutem Schweigen musste sie sich verpflichten und dazu, keine Regressforderungen zu stellen, falls sie sich bei der Arbeit mit Tbc, Hepatitis oder Aids infizieren sollte. Trotzdem trat sie dort ohne Bedenken an: „Das klingt ein bisschen makaber, aber ich hab mich darauf gefreut!“ Wirklich nahe ging ihr nur eine Situation: „Wir hatten den plötzlichen Kindstod eines zehn Monate alten Säuglings zu untersuchen. Der Vater wollte das Kind noch mal sehen. Seinen Schmerz zu erleben war furchtbar.“

Wenn sie ihre herbe, sachliche Rechtsmedizinerin Leonie Simon ermitteln lässt, sind beim Schreiben die medizinischen Details das Schwierigste: „Deshalb gehe ich schon relativ früh zu meinen Leuten ins Institut, damit ich keinen Anfangsfehler im medizinischen Bereich mache und alles neu aufdröseln muss.“ Auch zwischendurch und zum Schluss lässt sie den Medizinplot gegenlesen.

In Renate Kampmanns Krimis ist Leonie Simon die Leiterin der rechtsmedizinischen Untersuchungsstelle für Opfer von Gewaltverbrechen, eine tatsächlich existierende Hamburger Einrichtung, bei der die Autorin Gründungsmitglied ist und für die sie vehement Partei ergreift. „Rechtsmediziner sind dazu ausgebildet, Verletzungen gerichtsverwertbar zu dokumentieren. Das ist wichtig, damit sich Täter nicht rausreden können“, erklärt sie. Doch für Opferschutz sei immer weniger Geld da: „Wenn man sagt, dass wir eine sehr stark täterorientierte Justiz haben, wird man leicht in die rechte Ecke geschoben, was der reine Blödsinn ist“, ärgert sie sich. „Aber man darf doch über die Täter die Opfer nicht vergessen!“ Dafür, das ist sicher, wird sie mit ihren Büchern weiter streiten.

Misha Leuschen

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