Schirmherrin

Gute Nachrichten

Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers hat Hinz&Kunzt nicht nur 21.250 Euro gespendet, jetzt wird sie auch Botschafterin des Straßenmagazins. Und sie will mit uns den Traum von einem eigenen Haus verwirklichen.

(aus Hinz&Kunzt 223/September 2011)

Lange hat sich Judith Rakers eher punktuell engagiert, jetzt ist die Tagesschau-Sprecherin die erste Botschafterin von Hinz&Kunzt.
Lange hat sich Judith Rakers eher punktuell engagiert, jetzt ist die Tagesschau-Sprecherin die erste Botschafterin von Hinz&Kunzt.

Wir haben schon lange einen Traum: ein eigenes Haus für Hinz&Kunzt mit Wohnungen für Verkäufer und Platz für das Projekt – alle unter einem Dach. Ein Traum, für den man einen ganz langen Atem braucht. Als Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers dann 21.250 Euro aus dem Star Quiz mit Kai Pflaume spendete, hatte Geschäftsführer Jens Ade eine verwegene Idee: Dieses Geld soll nicht für den laufenden Betrieb verwendet werden. Wollen wir nicht wenigstens EINE Wohnung von dem Geld anbezahlen? Und – noch verwegener – Judith Rakers fragen, ob sie Botschafterin für uns wird? Träum weiter!, sagten wir zu unserem Geschäftsführer.

Judith Rakers hat sich noch nie als Schirmherrin engagiert. Denkste, ein paar Tage später sitzt die 35-Jährige bei uns in der Redaktion. Unkompliziert ist sie und gut gelaunt. Und sie bietet uns das Du an. Soll ja eine längere Zeit werden, in der wir jetzt zusammenarbeiten. Sie ist begeistert, dass wir mit ihrem Geld etwas Besonderes anstoßen wollen – und das, obwohl wir immer auf jeden Cent angewiesen sind. Schließlich bekommen wir keine staatliche Unterstützung. Und ja, sie will unsere Botschafterin werden. Ein bisschen ist sie es sowieso schon: Sie hat uns schon früher Geld gespendet und macht seit drei Jahren bei einer Werbekampagne für uns mit.

Hinz&Kunzt: Du hast dich schon oft engagiert, zum Beispiel für das Unicef-Projekt „Schulen für Afrika“, für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei, für die bundesweite Lesekampagne. Und jetzt für uns. Warum?
Judith Rakers:
Der Grund ist das Bewusstsein dafür, dass ich ein sehr privilegiertes Leben lebe, und ich möchte einfach nicht die Menschen aus den Augen verlieren, denen es nicht so gut geht. Außerdem bin ich eine Frau der Tat. Ich freue mich, wenn ich was bewirken kann (lacht).

H&K: Warum hast du dich für uns entschieden?
Rakers: Weil ihr mich seit Jahren mit eurer Arbeit begeistert. Und zwar in allen Bereichen. Für mich ist Hinz&Kunzt das perfekte Projekt, um Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen durch unser soziales Sicherheitsnetz gerutscht sind, aufzufangen: mit sozialem Konktakt und mit einer Arbeit, die jeder Verkäufer mit Stolz und Würde verrichten kann. Denn mit Hinz&Kunzt haben sie so viel mehr zu verkaufen, als ihr Schicksal – nämlich ein journalistisch richtig gut gemachtes Blatt, auf dessen Inhalt man sich freuen kann. Ich finde es auch gut, dass ihr euch politisch engagiert und dass ihr dafür einen guten Weg gefunden habt. Ihr seid nicht in der Rolle des ständigen Mahners mit erhobenem Zeigefinger, sondern legt diesen Finger gezielt in die Wunden – immer freundlich, immer verbindlich, immer gestützt durch konkrete Erfahrungen. Ich freue mich aus all diesen Gründen jedes Mal, wenn ich einen Hinz&Künztler sehe, vor dem Supermarkt oder vor dem Alsterhaus, und ich ihm eine Zeitung abkaufen kann. Und ich ärgere mich maßlos über die Menschen, die an ihnen wort- und vor allem achtlos vorbeigehen.


H&K:
Aber du hast dich bislang noch nie langfristig an ein Projekt gebunden.
Rakers: Und jetzt gleich an zwei: An Hinz&Kunzt und an die international tätige Hilfsorganisation „World Vision“. Ich hatte viele Anfragen für Schirmherrschaften oder Botschafterrollen in den letzten Jahren, aber ich habe mich immer nur temporär eingesetzt, um mich nicht vereinnahmen zu lassen. Es gibt da nämlich diesen journalistischen Grundsatz von Hajo Friedrichs: Mache dich nie mit einer Sache gemein – sei sie auch noch so gut. Mir ist diese Haltung zunehmend schwer gefallen, weil ich finde, dass es einfach Projekte gibt, die ZU GUT sind, um sich nicht zu engagieren.

H&K:
Du hast ja mal in einem anderen Gespräch erzählt, dass einer deiner ersten Artikel die Geschichte eines Obdachlosen war.
Rakers: Ja, das stimmt (lacht). Das war vor genau 15 Jahren, am dritten Tag meines Tageszeitungs-Praktikums bei der „Neuen Westfälischen“ – da war ich 20. Der Artikel über Heinz, den Berber, und seinen Hund „Fräulein“ ist bis heute meine Lieblingsreportage.

H&K: Was hat dich an Heinz so berührt?
Rakers: Dass er so gestrahlt hat und dass er glücklich war mit seinem bescheidenen Leben – obwohl es vielleicht nicht unseren bürgerlichen Maßstäben entspricht. Heinz war einer von den Obdachlosen, die gar keine eigene Wohnung wollten. Heinz wollte reisen – alle zwei bis drei Tage woanders sein. Es hat einige Zeit gedauert, bis er sich mir anvertraute und mir seine Lebensgeschichte erzählte: Heinz war früher einmal verheiratet, hatte eine Familie und ein bürgerliches Leben. Dann fing er an zu trinken, es folgten die Scheidung, die Einsamkeit. Und dann entschloss er sich zu reisen. Die Begegnung mit Heinz hat vieles relativiert bei mir.

H&K: Bevor du zugesagt hast, unsere Botschafterin zu werden, wollten wir ja, dass du alles über uns weißt. Warst du überrascht, dass hier auch Menschen verkaufen, die inzwischen eine Wohnung haben?
Rakers: Überhaupt nicht. Wer eure Zeitung aufmerksam liest, kennt ja die Beispiele von Hinz&Künztlern, die sogar den Wiedereinstieg in ein geregeltes Berufsleben geschafft haben. Ich erinnere mich an den ehemals Obdachlosen, der jetzt Manager in Süddeutschland ist. Wobei die Frage ja ist, ob man es nur dann geschafft hatte, wenn man wieder ein bürgerliches Leben führt und weg ist von Hinz&Kunzt – oder ob man es nicht auch dann geschafft hat, wenn man hier einen Platz gefunden hat und sich in dieser Gemeinschaft aufgehoben fühlt. Wichtig finde ich, dass man Menschen ein würdevolles Dasein ermöglicht und ihnen eine Perspektive gibt – und die ist nicht für alle gleich. Außerdem fände ich es ganz schön kaltherzig, wenn man jemanden wegschicken würde, weil er endlich eine Wohnung gefunden hat. Nach dem Motto: Wir haben unsere Schuldigkeit getan, du kannst jetzt gehen.

H&K: Wie findest du, dass hier auch Osteuropäer verkaufen? Und wir haben ja auch einige Rumänen und Bulgaren aufgenommen, um auf ihre Not hier aufmerksam zu machen.
Rakers: Ich glaube, da geht es mir wie vielen Hamburgern. Ich bin einfach unsicher, ob man mit dem Geld die Person unterstützt oder eine kriminelle Bettlerbande. Man will ja helfen und es nicht noch schlimmer machen.

H&K: Das wollen wir auch nicht. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass nicht alle, die hier betteln, gleich einer Bettelbande angehören. Viele kommen auch mit der Familie her oder in einer kleinen Gruppe oder gar ganz allein. Und die meisten, die wir kennen, sind wirklich in Not.
Rakers: Und weil ich weiß, dass ihr genau das hinterfragt, habe ich bei jedem Hinz&Künztler – egal woher er kommt – das Gefühl, dass das Geld richtig eingesetzt ist. Ihr bietet eben auch Orientierung, und auch das finde ich gut. Ich glaube ja, dass die allermeisten Menschen empathiefähig sind und Mitgefühl zeigen, und diese Menschen werden mit dem Projekt toll abgeholt.

H&K: Wir sind ganz euphorisch, weil wir mit dir als Botschafterin jetzt unser Traumprojekt in Angriff nehmen.
Rakers: Und ich bin ja ganz begeistert, dass ich überhaupt über den Verwendungszweck mitbestimmen darf. Erst dachte ich ja, die 21.250 Euro könnten in euer kleines Winternotprogramm fließen. Aber dafür habt ihr ja offenbar schon einen Grundsockel. Eure Idee, eine kleine Wohnung in Farmsen oder Billstedt zu kaufen von dem Geld, fand ich nicht so charmant. Mich hat die große Lösung mehr überzeugt: ein zentral gelegenes Haus mit zehn Wohnungen bauen oder kaufen, in dem oben die Hinz&Künztler wohnen und unten das Projekt einzieht. Dann können die Hinz&Künztler gleich runter in den Vertrieb und ins Café kommen, wenn sie sich einsam fühlen, und die Sozialarbeiter sind auch an Ort und Stelle und müssen nicht durch ganz Hamburg reisen. Immerhin geht es bei Hinz&Kunzt ja auch um die Gemeinschaft.

H&K: Um das Geld dafür zusammenzukriegen, muss man allerdings ganz schön die Werbetrommel schlagen. Und ehrlich gesagt: Wir haben Angst, dass dann alle fürs Haus spenden wollen und keiner mehr für das Projekt, denn wir sind ja auch in unserer alltäglichen Arbeit auf die Spenden angewiesen.
Rakers: Vielleicht können wir ja versuchen, große Einzelspenden für das Haus einzuwerben. Vielleicht sogar von Hamburgern, die Hinz&Kunzt bisher nicht so nahestanden.

H&K: Tja, leichter gesagt, als getan.
Rakers: Versuch macht klug. Und wenn alle Stricke reißen, werde ich wohl doch häufiger an Quiz-Shows teilnehmen müssen. Dabei hasse ich das, weil ich immer so ein Lampenfieber habe und mich fühle, als müsste ich wieder Abi machen. Aber da muss ich dann wohl durch für den guten Zweck (lacht). Ich bin jedenfalls zu allen Schandtaten bereit.

Interview: Birgit Müller
Foto: Daniel Cramer

1 Kommentar zu “Gute Nachrichten

  1. „H&K: Wie findest du, dass hier auch Osteuropäer verkaufen? Und wir haben ja auch einige Rumänen und Bulgaren aufgenommen, um auf ihre Not hier aufmerksam zu machen.
    Rakers: Ich glaube, da geht es mir wie vielen Hamburgern. Ich bin einfach unsicher, ob man mit dem Geld die Person unterstützt oder eine kriminelle Bettlerbande. Man will ja helfen und es nicht noch schlimmer machen.“

    Ist jetzt allein die frage schon herausfordernd tendenziös, oder ist frau Rakers von selbst auf die bettelbanden-thematik gekommen? Warum wird der zusammenhang zwischen „… einige[n] Rumänen und Bulgaren …“ und „… kriminellen Bettlerbande[n]“ nicht erläutert? Mir erschließt er sich nicht, stattdessen lese ich vermeintlich allgemeinverständliche kategorisierungen, die dank wenig reflektierender bürgerlicher gesellschaft u.a. zu rassismus und klassismus führen – bitte mehr sensibilität!

    Ich komme nicht aus Hamburg und bin auch nur ab und an dort, liegt es nur daran?

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