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Große Liebe

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2008: Hinz&Kunzt-Ausgaben 179 – 190, Archiv, Hinz&Kunzt 179/Januar 2008

Ein Hund macht es für viele Hinz&Kunzt-Verkäufer noch schwieriger, eine Unterkunft zu finden. Aber auf das Tier zu verzichten kommt für kaum jemanden infrage

(aus Hinz&Kunzt 179/Januar 2008)

Auf Gerrits schwarzer Vliesjacke haften unzählige weiße Fussel. Fellhaare von seiner Huskyhündin Nic. Seit Jahren sind beide unzertrennlich. An Hinz&Kunzt-Verkäufer Gerrit lässt sich besonders gut erklären, warum ein Obdachloser einen Hund braucht: „Ohne Nic wäre ich längst tot.“

Einmal hatte der 32-Jährige Nic weggegeben. Da wollte Gerrit sich vor eine U-Bahn werfen. Er hatte Glück, die Bahn bremste rechtzeitig. Danach verbrachte Gerrit einige Wochen in der Psychiatrie. Seither ist Nic wieder immer an seiner Seite.

„Ich bin Borderline und habe Depressionen“, sagt Gerrit. „Manchmal fehlt mir morgens einfach die innere Kraft, aufzustehen. wahrscheinlich wäre ich schon längst liegen geblieben. Aber dann kommt ja immer Nic und will Aufmerksamkeit.“

Gerrit nimmt einiges auf sich, den letzten Freund, der ihm geblieben ist, nicht zu verlieren. Seit Monaten plagen ihn extreme Rückenschmerzen. Nur mit starken Schmerzmitteln sind sie zu ertragen. Da draußen zu schlafen ist sehr ungesund. „Aber was soll ich machen? Es gibt für mich keine Wohnung.“ Je stärker die Schmerzen werden, desto verzweifelter suchte Gerrit. Ohne Erfolg: Obdachlose haben kaum Chancen auf dem Wohnungsmarkt – zu groß sind die Vorbehalte der Vermieter. Für einen Obdachlosen, der einen Hund mitbringt, ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu finden.

Schließlich bekam Gerrit doch noch eines der begehrten Hundezimmer in der Notunterkunft Pik As. Gerade mal 15 Plätze für Obdachlose mit Hund stehen dort zur Verfügung – für ganz Hamburg.

Das Pik As musste für dieses Angebot einigen Aufwand betreiben: „Die Hundezimmer sind im Gegensatz zu den anderen Räumen Einzelzimmer und lassen sich abschließen“, sagt Pik-As-Chef Hartwig Kwella. „Schließlich verteidigen Hunde ihr Revier – in normalen Zimmern wäre das gefährlich.“ Die Nachfrage ist groß: „Die Hundezimmer sind alle besetzt“, so Kwella. In den anderen Unterkünften des Winternotprogramms, das verhindern soll, dass jemand im Winter auf der Straße schlafen soll, haben Obdachlose deswegen überhaupt keine Chance.

Sozialbehörden-Sprecherin Jasmin Eisenhut hält die Plätze für ausreichend: „Auch obdachlose Menschen, die mit einem Hund ins Winternotprogramm kommen, werden nicht abgewiesen. Sie erhalten im Pik As einen Schlafplatz. Wenn zusätzliche Plätze erforderlich sind, wird die Zahl dem Bedarf angepasst.“

Pik-As-Chef Hartwig Kwella dementiert: „Das gilt nur für echte Notfälle – wenn draußen lebensgefährliche Temperaturen herrschen. Dann würden wir ein Zimmer leer räumen. Aber sonst ist das nicht möglich.“

Auch in den Kirchenkaten, kleinen, provisorischen Unterkünften in den Gemeinden, in denen Obdachlose unterschlüpfen können, dürfen keine Hunde mitgebracht werden. „Das ist eine Entscheidung der jeweiligen Kirchengemeinde“, sagt Uwe Martiny von der Tagesaufenthaltsstätte Bundesstraße, zuständig für die Verteilung der Plätze. „Die Angst, dass es Probleme durch Lärm oder Verschmutzung gibt, ist zu groß – vor allem wenn mehrere Hunde zusammenkommen.“

Es gibt Ausnahmen von der Regel:Hinz&Kunzt-Verkäufer Uwe ist mit seiner Hündin Aischa in eine Kirchenkate gezogen. „Meine Straßensozialarbeiterin hat vermittelt.“ Sonst würde der Wohnungslose immer noch auf der Straße schlafen. „Aischa wegzugeben käme für mich niemals infrage“, sagt Uwe.

Die Hündin gehörte seinem besten Freund Björn, mit dem sich Uwe eine Wohnung teilte. Und einige Zeit Platte machte. Björn hatte ein unentdecktes Blutgerinnsel im Gehirn. Bei einer Schlägerei platzte das auf – Björn war keine 30 Jahre alt, als er starb. „Ich bin es meinem Freund schuldig, auf sie aufzupassen.“ Beim „Sitzung-Machen“, auf der Straße um Geld betteln, sind Hunde hilfreich. „Es kommen mehr Menschen auf dich zu“, sagt Uwe. „Viele sagen dann aber: ‚Nur für den Hund.‘“ Demütigend: „Ich denk dann immer: Du Arschloch, ich muss doch auch essen.“ Das Mitgefühl mit Hunden ist bei einigen offenbar größer als das mit Obdachlosen.

„Es gibt sogar Kunden, die kaufen nicht mehr bei mir, seit ich Max habe. Sie sagen, ich habe ihn nur, um mehr Geld machen zu können“, sagt Hinz&Kunzt-Verkäufer Michael. Ziemlich abwegiger Gedanke: Schließlich bezeichnet sich Michael selbst als „Papa“ des schwarzen Spitz.

Für Menschen, die außer Hab und Gut meist auch den Kontakt zu Freunden und Familie verloren haben, ist der Hund die einzige verbliebene liebevolle Beziehung. „Wer einen Hund hat, bleibt nicht allein“, sagt Hinz&Künztlerin Vera. Tut gut, wenn normalerweise alle achtlos an einem vorbei gehen. Der wichtigste Grund für einen Begleiter auf der Straße: „Du schläfst besser, wenn du einen Hund dabeihast. Wenn du alleine bist, musst du in der Innenstadt immer halb wach bleiben“, sagt Uwe. Schnell passiert es, dass Betrunkene, die vorbeigehen, eine Flasche in Richtung der Schlafsäcke werfen. „Aischa schlägt an, wenn jemand vorbeikommt.“

Gerrit kann Ähnliches berichten: „Damals schlief ich beim Kaispeicher in der Hafencity. Plötzlich stupste mich Nic an. Ich konnte gerade noch aus dem Schlafsack raus, bekam nur ein paar Stiefeltritte ab.“ Drei Männer wollten den schlafenden Obdachlosen überfallen. Noch ein Grund, warum Gerrit ohne Nic vielleicht längst nicht mehr am Leben wäre.

Marc-André Rüssau

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