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Wellness für Kuh & Co

30. März 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 218/April 2011

In ihrem Dorf gelten Jan Gerdes und Karin Mück als Spinner: Auf ihrem Gnadenhof pflegen die Tierschützer 120 kranke und alte Tiere – von der Mastente bis zum Laborschwein.

(aus Hinz&Kunzt 218/April 2011)

218-GnadenhofDeutschlands glücklichste Kühe leben am Deich zwischen Wilhelmshaven und Bremerhaven. In Deutschlands einzigem Kuh-Altersheim in Butjadingen dürfen Willem, Dolores und ihre 30 Artgenossen den ganzen Tag lang einfach nur grasen oder sich im Stall von der Wellnessanlage massieren lassen. Gelitten haben die Tiere schon genug, finden Jan Gerdes und Karin Mück. Sie haben den einstigen landwirtschaftlichen Betrieb Hof Butenland in eine Tierschutzstiftung umgewandelt.
Nicht nur die Rinder sind hier glücklich, sondern auch die Menschen. „Wir haben uns einen Lebenstraum verwirklicht“, sagt Jan Gerdes. Ein schlanker Mann, der genau zuhört und mit Bedacht spricht. Gemeinsam mit Lebensgefährtin Karin Mück kümmert sich der Landwirt um die 120 Tiere auf Hof Butenland. Der 56-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen. Bauer wollte Gerdes eigentlich gar nicht werden. Es zog ihn nach dem Abitur fort vom elterlichen Hof. Vielleicht auch, weil der Vater nicht gut zu den Tieren war. „Er war cholerisch, hat auf die Kühe eingedroschen. Das habe ich nicht ausgehalten.“ Gerdes beginnt ein Lehramtsstudium in Braunschweig, doch nach ein paar Semestern packt ihn das Heimweh. Sein Vater ist krank, keines der Geschwister möchte den Hof übernehmen. Jan Gerdes schmeißt das Studium und absolviert eine Ausbildung zum Landwirt. Er stellt auf ökologischen Landbau um und Butenland wird Demeter-Betrieb. Den Tieren soll es besser gehen. „Ich wollte ihnen etwas Gutes tun. Sie hatten mehr Platz und mehr Auslauf.“
Jahrelang verbessert Gerdes die Haltungsbedingungen, aber zufrieden ist er nicht. Auch in der biologischen Landwirtschaft unterliegen die Tiere dem wirtschaftlichen Verwertungsdruck. Auch hier müssen die Kühe ein Kalb nach dem anderen bekommen, und die Kälber werden ihnen direkt nach der Geburt weggenommen, um die Milchleistung möglichst hoch zu halten. Nach wenigen Jahren sind sie ausgelaugt und werden geschlachtet. Jan Gerdes gefällt das nicht. „Ich habe versucht, Mütter und Kinder länger zusammen zu lassen, aber dann wurde es nur noch schlimmer. Das Muhen nach der Trennung nach zwei Wochen war schrecklich.“ Die Erinnerung daran geht dem Landwirt noch heute nahe. „Mir wurde immer deutlicher, dass es keine Verbesserung gibt. Ich hielt den Druck am Ende nicht mehr aus und wurde krank.“ In der Familie bekommt er keinen Rückhalt. Seine Frau und seine Kinder können sein Mitgefühl für die Tiere und seine Veränderung nicht nachvollziehen.
Nach 20 Jahren als Landwirt klappt Gerdes im Jahr 2001 zusammen. Um sich von seinem Burn-out zu erholen, macht er eine Kur. Dort trifft er Karin Mück. Die quirlige 54-Jährige ist ebenfalls ausgebrannt. 20 Jahre hat sie in der Psychiatrie als Krankenschwester gearbeitet. „Mein Beruf hat mir Spaß gemacht, aber auf einmal konnte ich die Geschichten der Patienten nicht mehr hören“, so Mück. Auch sie hatte schon immer eine besondere Beziehung zu Tieren. „Ich bin damit groß geworden, dass Tiere Bedürfnisse haben.“ Tierquälerei ist ihr verhasst. „Ich habe früher auch schon mal einen Hund geklaut, dem es schlecht ging.“ Endgültig aufgerüttelt wird sie, als ihre Katze verschwindet und sie in Hamburg diverse Labors und Krankenhäuser auf der Suche nach ihrem verschwundenen Tier abklappert. „In der Universitätsklinik Eppendorf stieß ich zufällig auf Tierversuche und sah Hunde, die in Maschinen eingeklemmt waren. Ich drehte durch und beschimpfte das Personal.“
Ihre Ansichten werden radikaler. Sie nimmt an Tierbefreiungen teil. Bei diesen Aktionen stehlen die Aktivisten auch immer Unterlagen, um Beweise für die Untaten der Firmen zu haben. Ihr Anwalt warnt, dass es irgendwann schiefgehen werde, sie dann aber mit einer Bewährungsstrafe davonkämen. Tatsächlich werden Karin Mück und ihre Kollegen verhaftet. Aber es geht nicht glimpflich ab, denn bei einer Befreiung haben sie versehentlich brisante Unterlagen erwischt. „Wir haben doch gar nicht gewusst, was das für Unterlagen waren! Und verstanden haben wir das eh nicht!“, erinnert sie sich. Aber in den 80er-Jahren herrscht in Deutschland Angst vor Terroristen. „Ich wurde wegen Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung verhaftet und verbrachte fünf Monate in Isolationshaft.“
An die Zeit allein in der winzigen, fensterlosen Zelle kann sie sich noch gut erinnern. Immer brennt Licht, sogar nachts. Hofgang und Duschen sind nur in Begleitung erlaubt. „Aber die Knastzeit hat mich auch gestärkt; ich habe eine Überlebensstrategie entwickelt.“ Karin Mück wird politischer und lebt bewusster. „Ich hab bemerkt, dass ich genauso ausgeliefert war wie ein Tier.“ Durch einen Verfahrensfehler kommt sie überraschend frei, hat aber zunächst noch mit den Folgen der Haft zu kämpfen. „Ich konnte nicht telefonieren, weil ich immer Angst hatte, abgehört zu werden und schlief nur bei blauem Licht – wie in meiner Zelle.“
Nur mühsam fasst sie nach der Haftentlassung wieder Fuß. Für Tierrechte setzt sie sich weiterhin ein, kümmert sich um verwahrloste Tiere in Südeuropa und kämpft für den Tierschutz in Deutschland. Zu den großen Organisationen hat sie ein gespaltenes Verhältnis. „Die geben viel Geld für Kampagnen aus, aber für den praktischen Tierschutz gibt es so gut wie keine Spenden.“ Da lernt sie Jan Gerdes kennen. Als sie sich 2001 in der Kurklinik begegnen, sind beide an einem Wendepunkt angelangt. Gerdes will Hof und Tiere verkaufen, die Last loswerden, neu anfangen. Karin Mück hat in ihrer zupackenden Art gleich eine Idee. „Ich wusste sofort: ‚Hier kann man etwas draus machen.‘ Erst mal mit einer Pferdepension anfangen und sehen, was sich daraus entwickelt.“
Jan Gerdes bestellt den Schlachter, um seine Kühe abholen zu lassen. Landwirt will er ja nicht mehr sein. Die Herde in den riesigen LKW zu treiben, bringt er kaum fertig. Zehn Rinder passen nicht mehr in den Transporter. Gerdes ist erleichtert und schwört ihnen und sich selbst: „Ihr könnt hier auf Hof Butenland bleiben, bis ihr eines natürlichen Todes sterbt.“ Aber dabei bleibt es nicht: Zu den zehn eigenen Kühen gesellen sich im Laufe der Jahre weitere Tiere. Zurzeit leben hier 32 Rinder, 3 Pferde, 4 Schweine, 7 Enten, 4 Gänse, 60 Hühner, 2 Kaninchen, 5 Hunde und 9 Katzen.
Jedes Tier hat eine leidvolle Geschichte hinter sich und gesund ist keines. Die Schweine Erna und Else wurden für Tierversuche missbraucht. Ohne Zähne, aber mit frischen Operationsnarben kamen sie im Februar 2010 auf den Hof Butenland. Die Kuhdamen Gisela und Penelope wurden eigenhändig und auf eigene Kosten von einem thüringischen Landarbeiter gebracht. Er hatte sie Ende 2010 seinem Arbeitgeber abgekauft, um sie vor dem Schlachter zu retten. Seitdem ruft er regelmäßig an, um sich nach dem Befinden der beiden zu erkundigen. Die Hühner stammen aus Legebatterien und müssen erst lernen, überhaupt auf einer Stange zu sitzen. „Psychotherapeutisches Stangentraining“, nennt Karin Mück das leicht ironisch. Mit seelischen Schwierigkeiten kennt sie sich ja von Berufs wegen aus. „Anfangs muss ich sie bei jedem Schritt begleiten. Bei jedem Windstoß zucken sie zusammen. Und bei Regen erst! Die haben das ja noch nie erlebt!“ Auch die Enten aus Mastbetrieben brauchen ihre Hilfe, wenn sie auf Hof Butenland ankommen: „Ich muss denen richtig Schwimmunterricht geben, die haben ja noch nie Wasser gesehen. Dabei sind das doch Wasservögel!“ Dazu nutzt sie einen „Pool“, ein kleines Bassin, in dem die Federn erstmals mit Wasser in Kontakt kommen.
Die Tierschützerin kümmert sich um jedes Tier, egal wie krank es ist. Zu jedem Wesen kann sie biografische Details und Anekdoten erzählen. Es ist, als ob sie von guten Freunden spricht. Auch Jan Gerdes ist mit sich im Reinen. „Ich habe endlich meinen Lebenssinn gefunden.“ Er ist froh, dass er seine Rinder nicht mehr melken muss, sondern sich an ihrem sanftmütigen Wesen und ihren kleinen Macken erfreuen kann. Im Stall hat er einen Wellnessbereich gebaut. An Wand und Decke hängen dicke Bürsten wie in einer Autowaschanlage. Wenn sich die Kühe dagegenlehnen, werden sie massiert. Die meisten Tiere genießen es: Fast immer steht eines da und lässt sich ausgiebig schubbern.
Die Nachbarn schütteln die Köpfe über so viel ungewohnter Tierliebe. Als Jan Gerdes vor zehn Jahren mit seinen ersten zehn Kühen sein Kuh-Altersheim eröffnet, ist die Dorfgemeinschaft irritiert. „Ein Landwirt lehnte sich über den Zaun und meinte ‚Mensch, Jan, was willst du denn mit denen? Die arbeiten doch gar nicht.‘ Andere fanden: ‚Die schlafen immer so lange. Wovon leben die eigentlich?‘“, erzählt Jan Gerdes. Freunde haben er und Karin Mück nicht im Dorf. „Wir leben außerhalb der Gesellschaft“, sagt Karin Mück. Sie meint es als Feststellung, gar nicht als Vorwurf. Die umliegenden Landwirte reagieren nicht nur mit Unverständnis auf den alternativen Lebensentwurf, sondern sind auch regelrecht wütend, weil die beiden Tierschützer grundlegende Kritik an der Tierhaltung üben. Das Nestbeschmutzer-Image werden die beiden Veganer wohl nicht mehr los.
Dabei arbeiten die beiden hart. Auch wenn der Wecker später klingelt als in einem regulären Landwirtschaftsbetrieb, haben Jan Gerdes und Karin Mück alle Hände voll zu tun. Alle Tiere sind krank und müssen oft täglich medizinisch versorgt werden. Ganz billig ist das auch nicht. Der Unterhalt einer Kuh kostet 1500 bis 2000 Euro im Jahr. Für Futter, Medikamente und Tierarztbesuche für alle Tiere müssen die beiden Stiftungsgründer rund 3000 Euro pro Monat aufwenden. Die laufenden Kosten finanzieren sich aus der Vermietung von zwei Ferienwohnungen, Spenden, Verpachtung von Land und dem Betrieb eines Windrads. Ehrenamtliche Helfer unterstützen Jan Gerdes und Karin Mück bei Renovierungsarbeiten und der Pflege der Tiere. „Tierschutz ist noch nie so ernst genommen worden wie in den letzten Jahren“, freut sich Karin Mück.
Sorgen macht ihnen nur, wie es weitergeht: Wenn sie einmal krank werden sollten und sich nicht mehr um ihre Schützlinge kümmern können. Ihr einziger großer Wunsch ist denn auch, einen Nachfolger für Hof Butenland zu finden. Gar nicht so leicht. Wer ist schon so verrückt, ein Kuh-Altersheim zu betreiben? Karin Mück und Jan Gerdes leben bescheiden und verzichten auf vieles. Urlaub zum Beispiel ist nicht drin. Für Karin Mück ist das kein Problem. „Ich habe das alles gehabt und kann nicht sagen, dass ein Urlaub ein Highlight meines Lebens war.“ Jan Gerdes hingegen bekommt leuchtende Augen bei der Erinnerung an eine sechswöchige Australienreise vor vielen Jahren. „Das fand ich schon ganz nett.“ Aber das sind nur Momente. Meist ist das Leben mit Willem, Dolores und den anderen Abenteuer genug.

Text: Sybille Arendt
Foto: Kathrin Brunnhofer

Die Tierschutzstiftung Hof Butenland finden Sie im Internet unter www.stiftung-fuer-tierschutz.de

Ein Kommentar
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  1. Vielen Dank für diesen Artikel – bin gestern zufällig auf das Kuh-Altersheim gestoßen und werde spenden. Hoffe, es hält sich noch lange lange lange.

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