Fotograf GMB Akash

„Diese Menschen haben mein Leben verändert“

Er hat sich das Fotografieren selbst beigebracht. Heute zählt GMB Akash aus Bangladesch zu den Stars der internationalen Fotografen-Szene. Seine Bilder dokumentieren den alltäglichen Überlebenskampf der Armen. Jetzt hat er viele seiner Fotos in einem Buch veröffentlicht. Mit einem Teil des Erlöses will er die Menschen unterstützen, die er zu Beginn seiner Karriere fotografierte – und sich so bei ihnen bedanken.

(aus Hinz&Kunzt 242/April 2013)

Mit Fotos wie diesem wurde er berühmt: 2006 fotografierte GMB Akash zwei Jungen, wie sie in einer Fabrik in Dhaka ihr Mittagsbrot essen. Nun will er ihnen helfen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Foto: GMB Akash
Mit Fotos wie diesem wurde er berühmt: 2006 fotografierte GMB Akash zwei Jungen, wie sie in einer Fabrik in Dhaka ihr Mittagsbrot essen. Nun will er ihnen helfen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Foto: GMB Akash

In seiner Heimat Bangladesch drucken sie seine Bilder bis heute nicht. Einer wie er gilt als Nestbeschmutzer. Weil er das Elend zeigt: Kinderarbeiter, die in heruntergekommenen Fabriken arbeiten. Minderjährige Prostituierte, die für mickriges Geld anschaffen gehen. Klebstoff schnüffelnde Straßenkinder. Erwachsene, die nach Angriffen von Tigern entstellt sind. GMB Akash sagt: „Ich liebe mein Land. Deshalb zeige ich diese Bilder.“ Er handelt aus Überzeugung: „Wenn niemand davon erfährt, kann auch niemand helfen.“

2007 haben wir den Fotografen bei Hinz&Kunzt kennengelernt. Damals lebte der heute 36-Jährige für ein Jahr als Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte in der Stadt. Er musste aus Bangladesch fliehen, nachdem eines seiner Fotos für Morddrohungen gesorgt hatte. Darauf abgebildet: ein Junge in einer Koranschule, in Ketten gelegt. Für uns fotografierte Akash damals eine Serie über Obdachlose Und gab zu Protokoll: „Unter der Lombardsbrücke sah ich mehrere Menschen, die dort offenbar schliefen. Dass es sich um Obdachlose handelte, hat mich geschockt. Warum gibt es die hier? In einem der reichsten Länder der Welt!“ Als Akash nach Bangladesch zurückkehrte, hatte sich die politische Lage entspannt. Die Fundamentalisten waren gestürzt, eine Übergangsregierung an der Macht. Der Fotograf hat heute keine Angst mehr vor Verfolgung.

Im März besuchte Akash Hamburg erneut. Aus gutem Grund: Im Körber Forum stellte er sein neues Buch vor. „Survivors“ heißt es, auf Deutsch „Überlebende“. Darin enthalten: Eine Auswahl seiner besten Fotografien aus den vergangenen zehn Jahren, allesamt eindrückliche Dokumente über den Alltag der Ärmsten der Armen: in seiner Heimat, in Pakistan, Indonesien, Nepal, Indien, Sri Lanka, Bhutan und auf den Philippinen. Das allein wäre nichts Ungewöhnliches, doch Akash will nicht einfach ein Buch herausbringen und verkaufen. Er arbeitet an etwas Besonderem: 25 Prozent aus dem Verkaufserlös investiert er in Mini-Existenzgründungen für diejenigen, die er einst fotografierte. Denn: „Diese Menschen haben mein Leben verändert. Ich habe durch sie Preise gewonnen, meine Fotos werden in Zeitungen auf der ganzen Welt gedruckt, ich will ihnen etwas davon zurückgeben.“

Akash macht sich also auf die Suche nach seinen einstigen Fotomodellen. Manche hat er inzwischen wiedergefunden, immerhin 14 Familien konnte er schon mit einer einmaligen An- schubfinanzierung für eine Existenzgründung helfen. Danach aber müssen sie selbst für sich sorgen. Die klassische Hilfe zur Selbsthilfe. „Es geht darum, irgendetwas zu tun, sei es auch noch so wenig. Ich hasse es, zaghaft zu sein. Ich will meine Ziele erreichen“, sagt Akash entschlossen. Aber er sei keine soziale Organisation. „Ich unterstütze nur die Leute, die ich durch meine Arbeit als Fotograf persönlich kenne“ – und die wirklich mitmachen wollen und können.

Er hat Rikschas gespendet, einen Gemüsestand aufgebaut, Nähmaschinen an Prostituierte verteilt und Kindern Schulstunden ermöglicht. Sein Ziel: so viele Bücher zu verkaufen wie möglich. Denn 30 verkaufte Exemplare finanzieren die Gründung eines Unternehmens. Dass es funktioniert, zeigt etwa die Geschichte von Munna: Akash fotografierte ihn zum ersten Mal 2006. Der Junge war damals acht Jahre alt, arbeitete elf Stunden am Tag in einer Fabrik, die Rikschas herstellte – für einen Hungerlohn.

Akash zeigt ein Foto: „Er hatte Hände wie ein alter Mann. Er hat nicht gesprochen. Er hat nie gelacht. Er war sehr pessimistisch.“ Munnas Vater verdiente als Flickschuster nicht genug, um die Familie zu ernähren. Er musste seinen Sohn in die Fabrik schicken. Ein typisches Schicksal: Laut Schätzungen gibt es in Bangladesch rund sieben Millionen Kinderarbeiter. „Wenn man Kinder- arbeit stoppen will, muss man als allererstes der Familie genug zu essen geben. Nur zu sagen: Wir kaufen nichts, was durch Kinderarbeit ent- stand, reicht nicht. Diese Menschen sterben sonst“, so Akash.
„Ich hasse es, zaghaft zu sein.“

Die Folge: Munna musste nicht mehr in der Fabrik arbeiten. Im nächsten Schritt sucht Akash nach einer Möglichkeit, dem Jungen zu helfen. „Wir wollten ihn in die Schule schicken, aber das erwies sich als problematisch. Er hatte ja keine Kindheit. Und noch nie eine Schule von innen gesehen. Dann haben wir herausgefunden, dass er als sich herumzutragen. Aber diese Menschen sind sehr stark. Ich weiß nicht, woher sie ihre Kraft nehmen. Sie beschweren sich nicht. Dass sie sich nicht aufgeben, treibt mich an. Es zeigt mir, wie viel Glück ich in meinem Leben habe.“

Die Familie lebt im Hafen. Da kommen täglich viele Fähren an. Er konnte die leichten Säcke mit Popcorn tragen und an die Touristen verkaufen. So verdient er jeden Tag drei Euro, also im Monat 90 Euro – fast fünf Mal so viel wie in der Fabrik. Und er spart etwas Geld an für die Ausbildung seiner Schwester.“ Akash zeigt uns Fotos von Munna, die er vor Kurzem aufgenommen hat. Der Junge, der nicht lachen konnte, strahlt darauf übers ganze Gesicht. „Auch seine Hände erholen sich langsam“, sagt der Fotograf.  Es sind kleine Erfolgsgeschichten, wenn man bedenkt, dass in Bangladesch auf engstem Raum 161 Millionen Menschen leben. Doch genau diese sind es, die den Fotografen motivieren. „Es ist nicht einfach, all diese Geschichten mit  Doch genau diese sind es, die den Fotografen motivieren. „Es ist nicht einfach, all diese Geschichten mit sich herumzutragen. Aber diese Menschen sind sehr stark. Ich weiß nicht, woher sie ihre Kraft nehmen. Sie beschweren sich nicht. Dass sie sich nicht aufgeben, treibt mich an. Es zeigt mir, wie viel Glück ich in meinem Leben habe.“

Rückblick: Akash wird 1977 in der Hauptstadt Dhaka geboren, seine Familie gehört zur Mittelschicht des Landes. Als 19-Jähriger bringt er sich mit einer abgelegten Kamera seines Vaters selbst das Fotografieren bei. 1999 sieht er eine Foto- Ausstellung über HIV-positive Menschen. „Ich habe gespürt, welche Macht Bilder haben können, das hat mich komplett verändert.“ Fortan dokumentiert Akash den Überlebenskampf der Armen. 22 Länder hat er bereist. „Fotografie ist meine Sprache: Mit ihr kann ich Dinge sichtbar machen.“ Trotz des allgegenwärtigen Elends: Es passieren auch immer wieder Dinge, über die Akash schmunzeln kann. Wie die Geschichte mit der Frau und den Enten: Auch diese Frau hatte er vor Jahren fotografiert. Auch sie suchte und fand er, um sich bei ihr zu bedanken. Akash gab Geld, damit sie sich Enten kaufen konnte. Doch die Enten verweigerten den Dienst.

Sie legten einfach keine Eier. „Die Frau wusste nicht weiter, rief mich dauernd an und fragte: ‚Was soll ich nun tun?‘ Dann bin ich hingefahren und habe eine Ente zum Tierarzt gebracht. Der stellte fest, dass es Süßwasserenten waren. Bei der Frau schwammen die Tiere aber in einem Salzsee. Sie konnten das Wasser nicht vertragen. Wir mussten sie umtauschen. Es ist nicht immer einfach“, so Akash. Wie bei den Straßenkindern, die in einem Bahnhof le- ben: „Niemand kümmert sich um sie. Sie waschen sich tagelang nicht, haben nichts zu essen. Viele von ihnen schnüffeln Klebstoff“, sagt Akash. Drei Kinder nahm er unter seine Fittiche, machte sie wie Munna zu Popcornverkäufern: „Wir haben sie gewaschen und ihnen Uniformen angezogen, sie nannten sich ‚Streetboys Dream‘. Am ersten Arbeitstag hatten wir uns um 9 Uhr am Bahnhof verabredet. Um 7 Uhr drängelten sie: ‚Wo bleibst du? Wir wollen anfangen zu arbeiten!‘“, erzählt Akash. Viele würden ihn wegen seiner Ideen für verrückt erklären, sagt Akash. „Aber ich will meine Zeit sinnvoll nutzen. Außerdem glaube ich daran, dass jede groß- artige Tat mit einem Traum beginnt.“

Das Fotobuch „Survivors“ kann man unter akashphoto@gmail.com bestellen. Preis: 45 Euro. Weitere Bilder unter www.gmb-akash.com

Text: Simone Deckner und Annette Woywode

Fotos: GMB Akash

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